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Online-Speicherdienste: Der neue Dreh der Diebe

Online-Speicherdienste gehören plötzlich zu den meistbesuchten Websites: Sie werden zur Verbreitung von Raubkopien genutzt.

Von Ulf Schönert

Hat jemand die neue Platte von "Wir sind Helden‘?"

Die Frage, gestellt von einem anonymen Internetnutzer, steht nur Minuten im Internetforum, da kommt schon die Antwort: ein Link, der aus einer Ziffern- und Buchstabenfolge besteht, die mit http://ra pidshare.de/... beginnt. Mehr will der Fragesteller nicht wissen, denn kurz darauf meldet er sich erneut: "Super, klasse!! Sag Bescheid, wenn du auch was brauchst!" Dialoge wie dieser spielen sich zurzeit jeden Tag im Netz ab, in Foren, Chats, in Communitys und Gästebüchern.

Denn der Link in der Antwort-Mail führt zu einer Internetseite, auf der es die gewünschte Musik kostenlos zum Herunterladen gibt. Weder eine Spezialsoftware noch die Eingabe von Nutzerdaten ist erforderlich. Allenfalls ein bisschen Wartezeit wird verlangt, mit einer DSL-Verbindung aber meist nicht mehr als ein paar Minuten. Natürlich ist das Ganze vollkommen illegal. Wieder einmal haben findige Internetnutzer eine Möglichkeit entdeckt, sich massenhaft mit raubkopierter Musik aus dem Netz einzudecken. Während die Nutzung der klassischen Tauschbörsen laut Erhebungen der Musikindustrie in letzter Zeit leicht sinkt, steigt die Nutzung von Online-Datenspeichern rapide, die auch Sharehoster, One-Click-Hoster oder Filehoster genannt werden.

"Immer feste druffladen"

Solche Speicherplatzanbieter sind überaus praktisch, wenn man Dateien verschicken will, die zu groß sind, um sie an eine E-Mail zu hängen - zum Beispiel Fotos und Urlaubsvideos an die Verwandtschaft oder eine neue Vereinssatzung an alle Mitglieder eines Klubs. Kaum hochgeladen, sind die Dateien über einen speziellen Link weltweit und beliebig oft abrufbar. Dummerweise funktioniert das aber nicht nur mit selbst gemachten Werken, sondern auch mit urheberrechtlich geschützten. Und das hat sich herumgesprochen. Inzwischen gibt es Dutzende Internetseiten, die ausschließlich Links zu Musik- und Filmangeboten auf solchen Online-Speichern enthalten.

Kein Wunder, dass die Musikindustrie Rapidshare inzwischen ins Visier genommen hat: Allein in der ersten Juni-Hälfte ließ die Hamburger Anti-Raubkopier-Zentrale Pro Media 47.000 Rapidshare-Links löschen. Ungeachtet dessen haben sich Rapid- share und ähnliche Dienste wie Megaupload (Werbung: "Immer feste druffladen") in den vergangenen Monaten zu den meistgenutzten Internetangeboten überhaupt entwickelt.

Nicht die technischen Möglichkeiten, alles zu überprüfen

Fast wöchentlich kommen neue Anbieter dazu, die sich durch Werbung und zahlende "Premium-Kunden" finanzieren. Rapidshare musste zeitweise wegen Überfüllung geschlossen werden. Inzwischen hat das Unternehmen seinen Speicher auf mehr als 1000 Terabyte, also eine Million Gigabyte, aufgerüstet. Dass ein großer Teil davon mit Raubkopien gefüllt sein könnte, bestreitet Rapidshare- Chef Bobby Chang. "Unsere Stichproben haben ergeben, dass nur ein Bruchteil der bei uns gespeicherten Dateien illegal ist." Zweifelhafte Angebote würden sofort gelöscht. Gleichwohl gibt er zu: "Wir haben gar nicht die technischen Möglichkeiten, alles zu überprüfen."

Gut möglich, dass er dazu demnächst gerichtlich gezwungen wird. Die Künstlerrechte- Verwertungsgesellschaft Gema hat gegen die Verbreitung von geschützter Musik erste juristische Erfolge erzielt: Eine einstweilige Verfügung verbietet Rapidshare, ausgewählte Stücke unter anderem von Bushido und den Fantastischen Vier zu verbreiten. Nun hat Chang seinerseits die Gema verklagt, um "Rechtssicherheit" für seine Firma zu schaffen. Das Herunterladen läuft derweil munter weiter.

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