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Kolumne Neulich im Netz: Von Wohnklobüros und verbotenen Hämmern

Wer kennt diesen Mann? Ist ja auch egal. Ein Künstler versucht es mit einer "originellen" Webseite, und immer mehr US-Bundesstaaten verbieten alles, was illegal eingesetzt werden könnte.

Sie sah aus wie eine der 40 Millionen Spammails, die tagtäglich durch Netz schwappen. "Wer kennt diesen Mann?" stand im Betreff, dazu die Webadresse www.wer-kennt-diesen-mann.de und schon hängen Ede-Zimmermann-gestählte Fahndungsjunkies auf der Webseite. Wäre aber nicht nötig gewesen. Dort sind zwei "na ja"-Fotos eines Menschen mit Brille und Koffer, und unheimlich witzige Zeitgenossen schreiben E-Mails, um wen es sich da wohl handeln könne.

Unheimlich doof sind die meisten von ihnen, weil sie auch gleich ihre E-Mail-Adresse mitliefern. Das freut die echten Spam-Mailer. Keiner weiß so Recht, wozu das gut sein soll. Wahrscheinlich zu nix. Denn auch die erste Vermutung, es könnte sich um den subversiven Beginn einer raffinierten Produktkampagne oder wenigstens einen richtig guten Gag von Hape Kerkeling (gibt's das?) handeln, zerfallen zu Staub.

Vorsicht, Kunst!"

Zur Denic gesurft, die gefragt, wem die Domain denn gehört und das "Rätsel" ist geknackt. Martin Piske heißt der Mann. Ein Künstler. Oder so ähnlich. Herr Piske sitzt oder im Stehen im "Wohnklobüro". Unter gleichnamiger Webadresse brackt der Sinn durch schwüle Nebellaberschwaden: Irgendwo in Berlin sei das Wohnklobüro, der Boden färbe rot ab. Der Troll "versucht der heutigen Zeit zu entfliehen, um sie von außen, von einer objektiven Perspektive, besser beobachten, analysieren und einschätzen zu können". Und dabei noch irgendwie Unternehmen helfen. Oder so etwas in der Art.

Über den großen Teich

Kann man Kunst kriminell nutzen? Bestimmt. Dann kann es ja nicht mehr lange dauern, bis in vielen US-Bundesstaaten Lizenzen zum Künstlern vergeben werden. Für Fernseher, Fax, Handy und so weiter gilt das dort ja schon. Kein Witz. Bereits in sechs Bundesstaaten dürfen Kommunikationsgeräte nur nach Erteilung einer staatlichen Genehmigung betrieben werden. Motivator dieser herben Gesetze ist die Motion Picture Association of America, eine Art Meta-Lobbyisten-Verein der Film-, Video- und Fernsehindustrie. Alles, was kriminell eingesetzt werden kann, soll verboten werden, zitieren die Kollegen vom "Spiegel" einen Wissenschaftler.

Das kann ja heiter werden: Keine Hämmer mehr (Hammermörder), keine Schnürsenkel, keine Zahnputzbecher (Hütchenspieler), keine Autos (James Dean), keine Brückenpfeiler (Sizilien), keine Sahneschnittchen (Elvis), keine Wahlscheine ("blühende Landschaften"), keine Badewannen ("Ehrenwort"), keine Stollen ("Otze, mach et"), keine Fallschirme (Möllemann), kein Entlaubungsmittel (Boehringer Ingelheim) und keinen Saft ("tötet Onkel Dittmeyer").

Guido Augustin
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