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Soziologen zum Umgang mit dem Netz: "Die Reichtümer im eigenen Leben wiederentdecken"

Facebook-Freundschaften sind o.k., aber bitte auch ab und zu nach draußen gehen. Der Soziologe Dirk Baecker ermutigt im stern-Interview, das rechte Maß zwischen online und offline zu finden.

Herr Professor Baecker, seit Jahrzehnten leben wir "digital". Doch die Ängste wollen nicht schwinden. Warum fürchten etwa Eltern noch immer um ihre Kinder, wenn sie sie vor einem Bildschirm sitzen sehen?

Ich kann solche Sorgen verstehen, auch wenn ich Begriffe wie die angeblich drohende digitale Demenz für irreführend halte. Als Wissenschaftler suche ich in meiner Disziplin nach Parallelen zwischen dem heutigen Umbruch und dem, was beispielsweise das Fernsehen oder auch der Buchdruck bewirkt haben. Zwei Dinge werden dabei klar: Erstens sind die Menschen selbst auch Produkte all dieser medialen Veränderungen, Produkte von Mediengeschichten, könnte man sagen. Die zweite Einsicht: Es hat immer Mühe gemacht, solche Herausforderungen zu bewältigen. Am Ende aber gelang es. Darum bin ich optimistisch.

Was genau heißt das: Menschen sind Produkte von Mediengeschichten?

Die Ängste heute beruhen ja auf der Vorstellung, der Mensch sei unveränderlich und müsse so leben, wie er immer schon gelebt hat. Diese vermeintlich natürliche Lebensweise sehen viele bedroht. Doch Veränderungen hat es immer schon gegeben. Bereits als wir anfingen, uns mit Sprache zu verständigen, und uns nicht mehr nur etwas zeigten, musste geklärt werden, was virtuell ist und was real. Welche Wirklichkeit war mit Wörtern wie "morgen" oder "gleich" oder auch "Liebe" gemeint? All das kann ich nicht sehen oder anfassen, es ist also auf gewisse Weise virtuell. Und doch ist etwas Reales gemeint. Diese Verbindung zu schaffen zwischen den beiden Arten von Wirklichkeit – im Kopf und im Leben – ist auch heute nicht einfach. Diese Aufgabe ist aber eben auch nicht neu.

Trotzdem fühlen sich viele überwältigt vom Virtuellen und fürchten, süchtig zu werden.

Die bunte Wirklichkeit auf einem hochauflösenden Bildschirm übertrifft sicher bei Weitem das, was wir in der Offline-Welt sehen können. Darin steckt eine Suchtgefahr. Und darum muss die Offline-Welt wiederentdeckt werden. Wie fühlt sich ein Baum an oder die Haut meiner Geliebten? Solche sinnlichen Erfahrungen müssen neu gelernt werden. Es ist kein Zufall, dass in den vergangenen Jahren das Nasse, Schmutzige, Schleimige, eben das Biologische des menschlichen Daseins wieder wichtiger geworden sind – im Gegensatz zur Sterilität von elektronischen Chips. Wir entdecken unsere „Feuchtgebiete“ neu. Dass ein solches Buch so viel Erfolg hat, ist kein Zufall. Auch Literatur, Kunst und Theater sind Mittel der Bewältigung. Wir müssen eben lernen, den Wechsel zwischen online und offline zum gewöhnlichen Teil unseres Lebens zu machen.

Nicht einfach. Viele erleben, wie etwa entfernte Menschen aus Facebook-Freundschaften wichtiger werden als die, die in derselben Wohnung leben.

Ja, aber auch das ist nicht neu. Ähnliche Befürchtungen gab es im 18. Jahrhundert, als viele Frauen begannen, sich in Liebesromane zu vertiefen. Die Sorge war, ein solches Buch könnte einer den Kopf so verdrehen, dass ein normales Ehe- und Familienleben nicht mehr möglich wäre. Wie sollte der Alltag noch befriedigen bei der Flut von Gefühlen und Dramatik, die erfundene Liebesgeschichten boten? Doch Menschen haben offensichtlich gelernt, mit Romanen umzugehen.

Sind aber Computer und Internet nicht schon wegen ihrer Fülle von Eindrücken und der Komplexität viel herausfordernder als ein Liebesroman?

Wir bekommen tatsächlich nur schwer ein Gefühl eigener Kontrolle. Bei Google oder Facebook erleben wir uns vielmehr selbst als Instrumente des Computers. So sind wir alle in unser kleines Leben verstrickt und fragen uns dauernd, wie arm das eigentlich ist, verglichen mit all den fantastischen Wirklichkeiten, die uns von den digitalen Medien vorgespielt werden. Den Eindruck der Armut müssen wir korrigieren und die Reichtümer im eigenen Leben wiederentdecken. Man könnte also sagen: Wir müssen weise werden.

Und wie werden wir das?

Indem wir uns selbst beobachten und fragen, inwieweit wir von den digitalen Geräten abhängig sind. Gefährlich wird es, wenn wir den Rechner anschalten oder auf Facebook posten, weil uns nichts anderes einfällt. Wenn Computer und Netz immer mehr zur beherrschenden Alternative eines ansonsten langweiligen Lebens werden, sollten wir uns zu hygienischen Maßnahmen durchringen. Vielleicht auch zur Teilnahme an einem Entgiftungs-Camp, wie es in der stern-Reportage beschrieben wird.

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Lesen Sie im aktuellen stern die gesamte Geschichte über eine stern-Autorin, die gemeinsam mit 300 Start-up-Gründern und Internetmillionären aus dem Silicon Valley in ein Camp für digitale Entgiftung fährt.

Interview: Frank Ochmann / print
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