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Schluss machen per SMS Sittenverfall oder zeitgemäße Form der Trennung?


Die Deutsche Knigge Gesellschaft diskutiert, ob man per SMS Beziehungen beenden darf. Die Etikette-Hüter führten auch eine Internetbefragung durch. Deren Ergebnis ist eindeutig - und die Reaktionen sind teilweise sehr emotional.

Maximal 160 Zeichen hat eine SMS. Das ist nicht viel. Aber im Zweifel genug, um eine Liebesbeziehung aus der Ferne zu beenden. Als "Distanzwaffe" bezeichnete das Magazin "Spiegel" die per Handy verschickten Kurznachrichten schon vor Jahren in einem Bericht über moderne Kommunikation. Inzwischen sind sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Die Frage aber, wie SMS, E-Mail & Co. den menschlichen Umgang verändern und wo dabei die Grenzen des guten Geschmacks verlaufen, sorgt bisweilen für wütende Debatten.

Darf der Mensch per SMS Schluss machen? Diese Frage versetzte jüngst sogar die jährliche Versammlung der Deutschen Knigge Gesellschaft, den altehrwürdigen Gralshüter zeitgemäßer Anstandsregeln, in Aufruhr. Vorsitzender Hans-Michael Klein hatte es gewagt, das Aus per Kurznachricht als unter gewissen Umständen akzeptabel zu bezeichnen. Die Folge war heftiger Streit - und der Austritt von etwa 20 empörten Mitgliedern. "Ich habe in ein Wespennest gestochen", sagt der 54-Jährige.

Strikte Ablehnung

Um die Diskussion auch in der Öffentlichkeit voranzutreiben, hat die Knigge Gesellschaft eine Internet-Befragung durchgeführt. Bis zum Freitag konnten Nutzer auf deren Online-Seite ihre Kommentare abgeben. Das Ergebnis sei bereits eindeutig, berichtet Klein. Von den bisher etwa 7000 Zuschriften lehne eine Mehrheit von schätzungsweise 70 Prozent das Schlussmachen per SMS strikt ab.

Wie viel Emotionen das Thema bei einigen Zeitgenossen schürt, lässt sich am Stil vieler negativer Urteile ablesen. Er werde in E-Mails unter anderem als "Verräter" an jenen Werten bezeichnet, die die Knigge Gesellschaft hochhalten solle, berichtet Klein. Vor allem Frauen beschimpften ihn als "Chauvinisten", weil er mit dem Aus per SMS eine "Wegwerfmentalität" in Liebesdingen befördere.

Die Ablehnung deckt sich mit dem Ergebnis einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr. Da fragte der IT-Branchenverband Bitkom die Deutschen nach ihrer Meinung zum Thema Schlussmachen per SMS. 92 Prozent lehnten das der repräsentativen Umfrage zufolge ab.

Im Kern geht es für Klein um die Frage, wie neue Medien vertraute Umgangsformen ändern und wie gesellschaftlichen Konventionen daran angepasst werden müssen. Die Diskussion werde in Deutschland kaum geführt, sagt der Chef der Knigge Gesellschaft. "Wir sind da sehr konservativ". Obwohl SMS und E-Mail den Alltag beherrschten, gelte noch immer der klassische Brief aus der Postkutschenzeit als alleiniger Maßstab idealer Kommunikation.

Notwendige Diskussionen

Derartige Debatten anzustoßen sei Aufgabe der Knigge Gesellschaft, die sich in der Tradition des namensgebenden Adolph Freiherr von Knigge (1752-1796) als Modernisierer begreife, sagt der Vorsitzende. Die private Vereinigung macht dessen Ideen bekannt und gilt als maßgebende Institution in Sachen Etikette. Knigges Erbe erschöpfe sich nicht darin zu erklären, "wie man mit Messer und Gabel isst", betont Klein.

Er plädiert dafür, situationsgerechte Maßstäbe für den Gebrauch neuer Kommunikationsformen zu entwickeln statt diese zu verteufeln. Was das heißt, hat die Knigge Gesellschaft am heftig diskutierten Thema des Schlussmachens per SMS schon ausgeführt: Parallel zu ihrer Internetumfrage hat sie eine Reihe von Bedingungen beschlossen, unter denen das Aus via Kurznachricht gesellschaftlich akzeptabel ist. Zunächst komme dies nur für Paare in Frage, die "handy-affin" seien und immer viel über Mobiltelefon und SMS kommuniziert hätten, sagt Klein.

Die Frage sei darüber hinaus, ob sich die Betreffenden bei einer Trennung per Brief oder Gespräch überhaupt mehr zu sagen hätten als einen Satz. Wenn auch ein handgeschriebenes Schriftstück kaum mehr als eine Zeile hätte oder ein Partner aus Wut oder Schmerz auf eine Aussprache verzichten und trotzdem für klare Verhältnisse sorgen wolle, dann sei die Kurznachricht eine mit den Sitten vereinbare moderne Option, meint Klein. "Das kann er dann doch auch per SMS."

Sebastian Bronst, AFP AFP

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