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Tod des US-Senators: McCain verteidigte Obama: Dieser Moment zeigt den dramatischen Sittenverfall unter Trump

Donald Trump behandelt Kritiker wie Feinde. Er hetzt gegen sie, verleumdet sie und macht sie lächerlich. Ein legendärer Wahlkampfauftritt des verstorbenen Senators John McCain verdeutlicht den Sittenverfall im Weißen Haus.

John McCain und Barack Obama, hier bei einer parteiübergreifenden Veranstaltung im Januar 2009 in Washington

"Er ist ein anständiger Familienvater und Staatsbürger": John McCain mit Barack Obama, hier bei einer parteiübergreifenden Veranstaltung im Januar 2009 in Washington.

AFP

Am Samstag um 16.28 Uhr ist John McCain auf seiner Ranch in Arizona im Kreise seiner Familie gestorben. Mit dem 81-Jährigen verließ aber nicht nur ein US-Senator, Kriegsheld und international geschätzter Sicherheitsexperte für immer die politische Bühne. Nach Ansicht vieler starb an diesem Tag auch einer der letzten Vertreter eines ehrenhaften amerikanischen Republikanismus.

Woher diese Urteil rührt, verdeutlicht einer der größten Momente in McCains politischer Karriere. Während des Präsidentschaftswahlkampfes 2008 verteidigte der Kandidat der Grand Old Party zwei Mal seinen demokratischen Kontrahenten Barack Obama gegen ungerechtfertigte Angriffe.

Sehen Sie die bewegendsten Momente und Meilensteine aus John McCains Karriere im Video: 

John McCain stellt sich vor Barack Obama

Bei einer Fragestunde mit Anhängern in Minnesota ergriff zunächst ein Mann das Mikrofon und behauptete, Obama mache gemeinsame Sache mit inländischen Terroristen und die Amerikaner müssten Angst vor einer Präsidentschaft des Demokraten haben. Statt diese Attacke auf seinen Gegner für seine Zwecke auszunutzen, antwortete McCain dem Mann, dass Obama eine anständige Person sei und es keinen Grund gebe, sich zu fürchten, falls dieser in Weiße Haus einzöge. McCain kassierte für seine Aussage Buhrufe aus dem eigenen Publikum.

Dennoch legte der Vietnamkriegsveteran wenig später gegenüber einer weiteren Fragestellerin nach. Die Frau erklärte, sie könne Obama nicht vertrauen. Sie habe über ihn gelesen und er sei ein Araber. McCain nahm ihr daraufhin das Mikrofon ab und sagte höflich, aber bestimmt: "Nein, meine Dame. Nein, meine Dame. Er ist ein anständiger Familienvater und Staatsbürger, mit dem ich zufällig in grundlegenden Punkten nicht übereinstimme. Und nur darum geht es in dieser Kampagne."

Nur einen Tag später würdigte Obama auf einer Wahlkampfveranstaltung in Philadelphia das Verhalten seines Gegners. Er danke John McCain dafür, dass dieser den Ton der Auseinandersetzung in seiner Fragestunde entschärft habe, erklärte der Demokrat. "Ich weiß es zu schätzen, dass er gesagt hat, wir könnten unterschiedlicher Meinung sein, ohne unfreundlich zu sein. Das stimmt!", rief Obama seinen Anhängern zu. "Ich habe es schon einmal gesagt und ich sage es noch einmal: 'John McCain hat seinem Land Ehre erwiesen und er verdient unseren Dank dafür'".

Donald Trump verweigert John McCain Würdigung

Ein derart respektvoller Umgang mit dem politischen Rivalen wirkt angesichts des Gepöbels, das seit zwei Jahren aus dem Weißen Haus zu hören ist, wie aus einer anderen Welt. Zugleich symbolisiert es die charakterlichen Gegensätze von US-Präsident Donald Trump und John McCain.

Während McCain, als er im Wahlkampf schon mit dem Rücken zur Wand stand, seine persönliche Integrietät über sein Machtstreben stellte und Obama in Schutz nahm, war Trump zunächst nicht einmal nach dem Tod seines schärfsten innerparteilichen Kritikers in der Lage, diesem Respekt zu erweisen. Auf Twitter kondolierte der US-Präsident am Sonntag zwar McCains Familie, verlor aber kein Wort über dessen Leben und Wirken.

Laut "Washington Post" verhinderte Trump zunächst sogar eine offizielle Würdigung seines Parteikollegen. Obwohl unter anderem seine Sprecherin Sarah Sanders und sein Stabschef John Kelly für eine ausdrückliche Honorierung von McCains Verdiensten mit Blick auf das Militär und den Senat plädiert hätten, habe Trump diese abgelehnt, schrieb das Blatt.

Nicht einmal Trauerbeflaggung ließ der Präsident anfangs zu. Während die US-Flagge über dem Capitol in Washington am Montagmorgen auf Halbmast wehte, hing sie gut zwei Kilometer weiter über dem Weißen Haus in normaler Höhe, als wäre nichts geschehen.

Erst nach heftiger Kritik an seinem Verhalten veröffentlichte Trump am Montag doch noch eine offizielle Würdigung. "Trotz politischer Differenzen" respektiere er McCains "Dienst an unserem Land", erklärte der Präsident und ließ schließlich auch die Flagge auf dem Weißen Haus auf Halbmast setzen.

Für die Republikaner ist das Verhalten von Donald Trump ein weiterer Tiefpunkt bei ihrer Abkehr von den traditionellen Werten und Moralvorstellungen der Partei Abraham Lincolns. "McCain stand loyaler zu seiner Überzeugung als zur politischen Macht", schrieb denn auch die slowakische Zeitung "Pravda" nach dem Tod des 81-Jährigen. "Wenn nun aber seine schärfsten politischen Gegner gerade das hervorheben, geschieht das vor allem darum, weil es in solchem Kontrast zum armseligen Anblick steht, den die gegenwärtige republikanische Mehrheit bietet."

tkr