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Politiker-Gesundheit: Merkel zittert und die Republik redet darüber: Wie ist das bei Putin, Trump oder Kim?

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird nach mehreren Zitteranfällen nicht müde zu betonen, ihr gehe es gut. Nicht Wenige fordern jedoch genaue Informationen über den Gesundheitszustand der Regierungschefin ein. Was ist eigentlich in anderen Staaten in solchen Fällen üblich?

Angela Merkel erleidet zum dritten Mal innerhalb eines Monats einen Zitteranfall.

Eine solche Szene hat es vor dem Kanzleramt in Berlin noch nicht gegeben. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ein Staatsgast, die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, sitzen auf weißen Stühlen während das Wachbataillon der Bundeswehr die Nationalhymnen abspielt. Das Protokoll sieht vor, die Zeremonie im Stehen zu absolvieren - das ist bei solchen Staatsbesuchen weltweit so. Doch nach mehreren Aufsehen erregenden Zitteranfällen mussten sich die Leute im Kanzleramt etwas einfallen lassen, um einen weiteren Vorfall zu vermeiden. Die Kanzlerin betont, es gehe ihr insgesamt gut und sie sei in der Lage, ihr Amt auszufüllen.

Muss man ihre Schweigsamkeit respektieren - oder hat die Bevölkerung ein Recht darauf zu wissen, wie es tatsächlich um die Regierungschefin steht. Und wie gehen eigentlich andere Länder mit der Gesundheit ihrer Politiker um.  

Grundsätzlich lässt sich feststellen: Die Privatsphäre von Spitzenpolitikern wird in vielen anderen Staaten weitaus weniger geachtet als hierzulande. In den USA ist es beispielsweise Konsens, dass Präsidenten und Präsidentschaftsbewerber Einblick in medizinische Details geben. So lud der inzwischen gestorbene Republikaner John McCain im Mai 2008 rund 20 Journalisten ein, um mehr als tausend Seiten seiner Gesundheitsakten durchzugehen. Der Präsidentschaftskandidat war zu diesem Zeitpunkt 71 Jahre alt, er sah sich Fragen ausgesetzt, ob er gesundheitlich überhaupt in der Lage sei, das mächtigste Amt der Welt auszuüben.

Neuer Zitteranfall bei Merkel

USA: Clintons Schwächeanfall, Trumps Medizincheck

Im Wahlkampf 2016 sorgte dann die demokratische Kandidatin Hillary Clinton für Schlagzeilen. Bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 erlitt sie einen Schwächeanfall. Clintons Begründung war, sie habe eine Lungenentzündung gehabt, dies aber geheim gehalten. Videobilder einer wegsackenden Kandidatin, die von anderen gestützt werden musste, machten die Runde. Ihr Team brauchte recht lange, um überhaupt zu reagieren und sprach zunächst von einem Hitzeanfall. Clinton hatte ohnehin Glaubwürdigkeitsprobleme, für den Umgang mit der Krankheit wurde sie heftig kritisiert.

Wie glaubwürdig die Medizinchecks der Präsidenten sind, ist spätestens seit Donald Trump umstritten. 2018 attestierte der damalige Chefmediziner im Weißen Haus, Ronny Jackson, ihm in übertrieben wirkenden Lobeshymnen eine exzellente Gesundheit und eine tadellose geistige Verfassung. Unter anderem sagte Jackson, Trump hätte, auch aufgrund seiner hervorragenden Gene, 200 Jahre alt werden können - wenn er sich nur besser ernährt hätte. Jackson wurde wenig später von Trump als Minister für die Angelegenheiten von Kriegsveteranen für einen Kabinettsposten vorgeschlagen. Allerdings zog der Mediziner seine Bewerbung zurück, nachdem Vorwürfe gegen ihn laut geworden waren, die sich unter anderem auch um Alkoholmissbrauch im Job drehten.

Russland: Präsidenten-Fitness ein Staatsgeheimnis

Ganz anders läuft es in Russland. Der Kreml hütet den Gesundheitszustand des russischen Präsidenten wie zu Sowjetzeiten wie ein Staatsgeheimnis. Dass Kremlchef Wladimir Putin auch mit 66 Jahren topfit ist, sollen regelmäßig Bilder beim Judo und beim Eishockeyspielen zeigen. Die Botschaft ist: Wer so aktiv ist und im Judo seinem schwarzen Gürtel noch alle Ehre macht, dem kann nichts fehlen. Fast schon Kultstatus haben seine Auftritte mit freiem Oberkörper - als scheinbar kerngesunder Naturbursche beim Angeln oder Reiten. Aber auch schon bei einem öffentlichen Arztbesuch hat er sich seine Fitness bescheinigen lassen. 

Dabei gilt in Russland die Devise, dass der Präsident nicht sich selbst gehört: Gerade weil in einem Staat mit autokratischen Zügen wie Russland wichtige Entscheidungen oftmals von einem Menschen getroffen werden, träfe eine Krankheit des Präsidenten das Land bis ins Mark.

Wohl auch deshalb gab es 2012 einigen Wirbel: Wegen einer monatelangen Reisepause gab es Spekulationen über Russlands "Rückgrat Nummer eins", weil sich Putin vom türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan in den Sessel helfen ließ. Auch bei einem Besuch von Angela Merkel in Moskau empfing er die Kanzlerin sitzend. Deutlicher, als dass Putin eine ältere Sportverletzung plagen könnte, wurde Kremlsprecher Dmitri Peskow damals nicht. Hartnäckig hielten sich aber Gerüchte, der Tierschützer Putin habe sich bei einem Flug in einem Spezialgerät zusammen mit seltenen sibirischen Kranichen eine Rückenverletzung zugezogen.

Arabische Welt: Gesundheit der Staatschefs ein Tabu

In der arabischen Welt ist die Gesundheit der Staats- und Regierungschefs ebenfalls ein großes Tabu - und doch ein großes Thema, weil viele Politiker in hohem Alter sind. Algeriens vor ein paar Monaten abgetretener Präsident Abdelaziz Bouteflika, 82, saß seit einem Schlaganfall 2003 im Rollstuhl und trat kaum noch öffentlich in Erscheinung. Algerische Karikaturisten stellten ihn oft als Gespenst dar. Immer wieder flog er zu Behandlungen in die Schweiz. Offizielle Informationen gab es dazu fast nie. 

Wenn es doch einmal Informationen gibt, schürt das gleich Gerüchte. Erst vor zwei Wochen teilte das tunesische Präsidialamt mit, dass der 92 Jahre alte Präsident Beji Caid Essebsi ins Krankenhaus gebracht werden musste. Sofort kursierten wilde Gerüchte, die den Präsidenten schon für tot erklärten. Erst spät gab es ein Foto des Präsidialamtes, das den Staatschef im Kreis der Ärzte zeigte - und bis heute fehlt eine Erklärung für den Krankenhausaufenthalt.

Nordkorea: Verschwinden aus der Öffentlichkeit

Über die Gesundheit des aktuellen "großen Führers" Kim Jong Un gibt es im abgeschotteten Nordkorea praktisch keinerlei Hinweise in der Öffentlichkeit. Wann immer Kim oder ein anderes Mitglied seines Clans gesundheitliche Probleme hat, treten diese Personen urplötzlich öffentlich nicht mehr auf; ebenso unvermittelt zeigen sie sich dann wieder, ohne dass es eine Erklärung für das zwischenzeitliche Verschwinden oder die Abwesenheit bei wichtigen Terminen geben würde. Sieht sich die Staatsführung überhaupt zu Erklärungen veranlasst, bleiben diese in aller Regel wolkig.

Auch als Kim beispielsweise im Oktober 2014 eine Zyste am Fuß entfernt werden musste, war es nicht die nordkoreanische Staatsführung, die über den Gesundheitszustand Kims informierte, sondern der südkoreanische Geheimdienst. Zuvor war der ansonsten omnipräsente Kim wochenlang von der Bildfläche verschwunden, nachdem er kurze Zeit hinkend in der Öffentlichkeit gesehen worden war. Schließlich tauchte er wieder auf und ging eine Zeit lang bei offiziellen Terminen am Stock. Einige Zeit später präsentierten nordkoreanische Medien dann einen vom Gehstock befreiten Kim. Eine offizielle Erklärung zu all' dem gab es nie.

Vatikan: Päpste sind nicht krank, Päpste sterben 

Im Vatikan gilt eine ganz radikale Devise: "Päpste sind nicht krank, Päpste sterben." Im Klartext: Über die Gesundheit des Kirchenführers wird zu Lebzeiten nicht gesprochen, bekannt gegeben wird erst der Tod. Im Fall des an Parkinson erkrankten Papstes Johannes Paul II. klang der erste Hinweis darauf recht umwölkt: Der damalige Papst-Sprecher Joaquín Navarro-Valls sprach damals von einer "Krankheit extra-pyramidalen Ursprungs". Und doch war diese Offenheit für manche Kirchenobere ein "Skandal". Zuletzt musste der Sprecher über den Todeskampf Johannes Pauls berichten - und er tat dies fast minuziös

dho / Michael Fischer und Maren Hennemuth / DPA