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Angela Merkel Merkels Zitteranfälle: "Bundesregierung muss volle Transparenz herstellen"

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat beim Empfang des finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne mit militärischen Ehren erneut einen Zitteranfall erlitten. Augenzeugen berichteten, dass sie wieder beim Abspielen der Nationalhymnen auf dem Podium längere Zeit gezittert habe. Diesmal sei der Anfall aber nicht ganz so stark gewesen wie in vorangegangen Fällen. Es ist bereits der dritte solche Anfall innerhalb von gut drei Wochen.
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Angela Merkels Zitteranfälle sind gerade das Thema dieses Sommers in der Politik. Viele sorgen sich um die Kanzlerin. Auch wenn Gesundheit eine Privatsache bleibt – Merkel ist nun mal eine öffentliche Person. Die Pressestimmen.

Drei Mal hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in den letzten Wochen bei Staatsempfängen ungewöhnlich lange gezittert, zuletzt am Mittwoch bei der Begrüßung des finnischen Ministerpräsidenten Antti Rinne. Bereits 2017 gab es einen ähnlichen Vorfall bei ihrem Besuch in Mexiko. Beim Besuch der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen ließ man es gar nicht erst darauf ankommen: Man setzte sich für die Nationalhymnen.

Ihre Mitarbeiter im Kanzleramt haben also einen Weg gefunden, eine Wiederholung zu vermeiden. Trotzdem bleiben viele Fragen rund um die Gesundheit der Kanzlerin offen. Eine ganz einfache lautet: War Merkel eigentlich beim Arzt? Selbst das beantwortet sie nur indirekt. Man dürfe davon ausgehen, "dass ich erstens um die Verantwortung meines Amtes weiß und deshalb auch dementsprechend handele – auch was meine Gesundheit anbelangt", sagt sie am Donnerstag auf der Pressekonferenz mit Frederiksen auf eine entsprechende Frage. "Und zweitens dürfen Sie davon ausgehen, dass ich auch als Mensch ein großes persönliches Interesse daran habe, dass ich gesund bin und auf meine Gesundheit achte."

Muss man ihre Schweigsamkeit respektieren oder haben rund 80 Millionen Deutsche das Recht, mehr über ihre Kanzlerin zu erfahren? Das wird in Berlin zunehmend kontrovers diskutiert. "Merkel verweigert sich den Grundsätzen der transparenten Rechnungslegung, die beim Spitzenpersonal immer auch den eigenen Gesundheitszustand einschließt", schreibt zum Beispiel der Journalist Gabor Steingart am Donnerstag in seinem "Morning Briefing". Auch andere Kommentatoren sind dieser Meinung.

Im Video: Merkel nach Zitteranfällen: "Ich weiß um die Verantwortung meines Amtes" 

Die Pressestimmen zu Merkels Gesundheit

"Sächsische Zeitung": "Das Gesetz für Bundesminister kennt formal keine Krankheitsregelungen. Nicht nur daraus folgt: Gesundheit ist grundsätzlich Privatsache – auch bei einer Kanzlerin. Das Private hört bei Regierungschefs allerdings dort auf, wo Krankheit dauerhaft oder jedenfalls längerfristig die Ausübung von Amtsgeschäften maßgeblich einschränkt. Doch Merkels Unpässlichkeiten passierten nicht hinter verschlossenen Türen, sondern vor den Augen der ganzen Welt. Irgendwann braucht es eine plausible Erklärung, ob Kräfte und Fähigkeiten ausreichen, das Amt auszufüllen. Oder noch besser: Merkel würde erklären, sie sei wieder gesund."

"Rheinpfalz": "In der Bundesrepublik gibt es eher eine Tradition, dass Amtsinhaber schwere Krankheiten verschleiern (Willy Brandt, Helmut Kohl, Heide Simonis ...), weil sie fürchten, eingestandene Krankheit würde ihnen als generelle Schwäche ausgelegt. Besser wäre es, offen und nachprüfbar damit umzugehen. So ist es zum Beispiel in USA. Dort attestieren Ärzte zu Beginn der Amtszeit eines neuen Präsidenten öffentlich dessen Gesundheitszustand. Angela Merkel aber weist nur selbst Spekulationen über ihre Gesundheit zurück. Ihre Erklärung, das Zittern sei Folge eines psychologischen Traumas klingt plausibel. Warum aber lässt sie sich und der Öffentlichkeit das nicht durch ein ärztliches Bulletin bestätigen?"

Im Video: Twitter hält zu Merkel – und schäumt über Maaßen

Nachdem Angela Merkel zum dritten Mal in Folge einen Zitteranfall erleidet, vertiefen sich die Spekulationen um den Gesundheitszustand der Bundeskanzlerin.  Hans-Georg Maaßen fordert via Twitter: "Der Gesundheitszustand eines Regierungschefs ist keine Privatsache. Die Menschen in Deutschland haben ein Recht zu erfahren, ob der Regierungschef gesundheitlich noch in der Lage ist, sein Amt mit ganzer Kraft auszuüben." Für seinen Kommentar muss der Ex-Verfassungsschutzpräsident einiges an Kritik einstecken. Auch Grünen-Politikerin Renate Künast findet deutliche Worte für Maaßens Reaktion. Tweet Viele Nutzer verteidigen die Kanzlerin und stärken ihr den Rücken: Für ihren Schwächeanfall hatte Merkel in den vergangenen Wochen im Netz viel Häme bekommen. Auf der anschließenden Pressekonferenz mit dem finnischen Ministerpräsident Antil Rinne betont Merkel: "Ja, um gleich mit dem Ersten zu beginnen: Mir geht es gut. Ich habe neulich schon mal gesagt, dass ich in einer Verarbeitungsphase der letzten militärischen Ehren mit dem Präsidenten Selenskyj bin. Die ist offensichtlich noch nicht ganz abgeschlossen. Aber es gibt Fortschritte. Und ich muss damit noch eine Weile leben, aber mir geht es sehr gut und man muss sich keine Sorgen machen."
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"Die Presse" (Wien): "Auch abgesehen von den Zitterattacken, die Merkel nun hoffentlich überwunden hat, sollte sie sich anlässlich ihres 65. Geburtstags am kommenden Mittwoch oder danach während ihres Urlaubs ernsthaft fragen, ob sie ihrem Land nach fast 14 Jahren im Bundeskanzleramt wirklich noch bis 2021 dienen will. (....) Sie hat zweifellos viel für ihr Land geleistet. Keine amtierende Politikerin in Europa genießt unter dem Strich mehr Ansehen als sie, auch wenn viele ihre Laisser-faire-Haltung während der Flüchtlingskrise 2015 zu Recht zu den folgenreichsten Fehlern der jüngeren Vergangenheit zählen. Deutschland schwimmt in Steuerüberschüssen, die Arbeitslosigkeit liegt mit fünf Prozent unter dem EU-Schnitt. Doch die Erfolge können nicht übertünchen, dass Deutschland an Elan verloren hat. Und das hängt mit Merkels müder Großer Koalition zusammen. Das Land braucht eine grundlegende Erneuerung: vom Strom- und Handynetz über die Schulgebäude, Straßen und Geschäftsmodelle veralternder Schlüsselindustrien bis hin zur Regierungsspitze. (...) Natürlich wird Merkel schwer zu ersetzen sein, vor allem in ihrer eigenen Partei. Doch unersetzlich ist auch sie nicht - und Aussitzen auf Dauer einfach keine Zukunftsoption für Deutschland."

"Ludwigsburger Kreiszeitung": "Natürlich sind Politiker keine Maschinen. Sie sind Menschen mit gesundheitlichen Stärken und Schwächen. Und richtig ist auch, dass dies in Deutschland in allererster Linie eine Privatangelegenheit ist. Als führende Politikerin des Landes ist Merkel allerdings eine öffentliche Person. Sie steht wie kaum jemand anderes im öffentlichen Rampenlicht. Also hat die Öffentlichkeit auch ein Recht darauf zu erfahren, wie es um Merkels gesundheitliche Verfassung wirklich steht. Zumal nach dem wiederholten Auftreten der verstörenden Symptome. Beruhigungspillen nach dem Muster "Macht euch keine Sorgen" tragen jedenfalls eher zum Gegenteil bei. Auch im politischen Ausland. Wer als "mächtigste Frau der Welt" gilt, der muss damit leben, dass man besonders genau auf sie schaut."

Im Video: Nach Selenskyj-Empfang: Das sagt Merkel zu ihrem Zitter-Vorfall

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat beim Empfang des neuen ukrainischen Präsidenten einen leichten Schwächeanfall erlitten. Während sie mit Wolodymyr Selenskyj vor dem Kanzleramt der deutschen Nationalhymne hörte, fing sie zu zittern an. Gut 20 Sekunden lang kämpfte sie dagegen an, bis sie sich wieder im Griff hatte. Auf einer anschließenden Pressekonferenz sagte sie zu dem Vorfall: "Ich habe mindestens drei Gläser Wasser getrunken. Das hat offensichtlich gefehlt. Inzwischen geht es mir sehr gut." Tatsächlich konnte sie schon wenige Augenblicke nach dem Zittern wieder dem Protokoll des Selenskyj-Empfangs folgen. Das Wasser wird ihr trotzdem gutgetan haben.
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"Südwest Presse": "Angela Merkel zittert, und die Welt hält den Atem an. Oder geht das alles niemanden etwas an? Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin, auf die im Ernstfall kein Verlass wäre – das darf nicht sein. Daher sind die Fragen an Merkel statthaft, und sie ist der Öffentlichkeit eine Antwort schuldig. Nur: Merkel hat diese Antwort bereits mehrfach gegeben, redet offen und gelassen über das Thema, liefert eine psychologische Erklärung. So lange keine neuen Fakten vorliegen, ist also wohl die naheliegendste Diagnose: Sie ist ein Mensch."

"Westfälische Nachrichten": "Es ist die unglaubliche Diskrepanz zwischen den aktuellen Bildern einerseits und Merkels bekannt unbeugsamer Stärke und Durchsetzungskraft andererseits; eine schwächelnde Kanzlerin Merkel kennen wir nicht. Mehr denn je verdient sie in diesen Tagen respektvolle Distanz und Hochachtung; der entwürdigende Voyeurismus in den sozialen und Boulevardmedien ist abscheulich."

"Münchner Merkur": "Die Koalition wankt, die Kanzlerin zittert am ganzen Leib und muss sich setzen, um die Kontrolle über ihren Körper zurückzugewinnen: Es sind Sinnbilder einer zu Ende gehenden Ära, die aus Berlin in die Wohnzimmer der Bundesbürger und um die ganze Welt gehen und dort für Diskussionen sorgen. Der Gesundheitszustand der Kanzlerin wirft Fragen auf, die weit über das Private hinausgehen und letztlich in dem Zweifel münden, inwieweit Angela Merkel den enormen Belastungen ihres Amtes noch gewachsen ist. Man weiß, wie sehr es dieser Kanzlerin mit ihrer preußischen Dienstauffassung zuwider ist, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Und doch ist es mit Beschwichtigungen, es gehe ihr gut, nicht mehr getan. Die Bundeskanzlerin ist eine öffentliche Person – und viel zu sehr Profi, um das nicht zu wissen."

"Nordwest-Zeitung": "Wer ein Amt wie das der Bundeskanzlerin bekleidet, ist eben keine Privatperson mehr. Alles wird politisch, auch die Gesundheit. Das gehört zum Deal, und das ist rational. Schließlich hat jede Entscheidung potenziell verheerende Auswirkungen auf Millionen Menschen. Natürlich ist es da legitim zu fragen, ob Angela Merkel ihrem Amt noch gewachsen ist. Macht macht auch in einer Demokratie solche Fragen zu öffentlichen Angelegenheiten. Die Bundesregierung muss schnellstens volle Transparenz herstellen."

"Schwäbische Zeitung": "Merkel, die bei kniffligen Fragen emotionsfrei die Dinge vom Ende her denkt, sollte deshalb ihre Taktik überprüfen, sich nur vage über ihre Gesundheit zu äußern. So sie diese Linie weiterverfolgt, werden die Mutmaßungen über sie deutlich zunehmen. Hingegen wird das Vertrauen in ihre physische Fähigkeit, das ausgesprochen fordernde Amt weiter ausüben zu können, erheblich sinken. Die Große Koalition ist aus verschiedenen Gründen in einem fragilen Zustand. Die Kanzlerin hat mit der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zur CDU-Vorsitzenden versucht, die Weichen für ihre Nachfolge zu stellen. Selbst Merkel-Gegner wissen, dass sie die Physikerin aufgrund ihrer strategischen und politischen Fähigkeiten nicht unterschätzen dürfen. Ihre eigene Gesundheit hatte Merkel bislang offensichtlich nicht auf ihrer Rechnung. So übergriffig der Wunsch nach Klarheit auch zu scheinen vermag, für die Bevölkerung, die von Merkel regiert wird, ist er legitim."

rw DPA AFP

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