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Editorial: Alles Bio - oder was?

Liebe stern-Leser! Der Nitrofen-Skandal sollte uns nicht davon abbringen, die ökologische Landwirtschaft

Liebe stern-Leser!

Müsste man zu den seit Wochen schlechten Umfragedaten der SPD einen passenden Filmtitel suchen - er wäre rasch gefunden: "Das Grauen geht weiter". Die miesen Werte spiegeln nicht nur die Stimmung in der Bevölkerung. Sie bedeuten für Gerhard Schröder auch einen massiven Autoritätsverlust in seiner Partei. Nur die ergebensten Gefolgsleute verteidigen tapfer ihren Chef. An vorderster Front Generalsekretär Olaf Scholz ("Eine weitere Rentenreform ist vor 2010 nicht nötig") und Fraktionschef Franz Müntefering, der wirklich jeden Knochen apportiert, den der Kanzler hinwirft. Und wenn die Vermögensteuer plötzlich nicht mehr schmeckt, weil Schröder "Pfui" sagt, dann schnappt er nach ein em anderen Steuer-Leckerli. Panik macht halt flexibel.

Ganz anders Sigmar Gabriel, der sehr geschmeidig Schröders Defizite mit reformerischen Visionen ausgleicht und so für den Wahlkampf in Niedersachsen am 2. Februar rüstet. Vergangene Woche druckte der stern vorab einen Auszug aus Gabriels neuem Buch ("Mehr Politik wagen"), in dem er sich als schonungsloser Sozialreformer inszeniert. Die SPD bewe ge sich "seit geraumer Zeit nicht mehr trittsicher im gesellschaftlichen Alltag".

Schröder war not amused, drang es aus der hannoverschen Staatskanzlei. Die beiden Genossen hatten nach der stern-Veröffentlichung telefoniert, der Kanzler tobte. Auch, weil der Fürst im Gegensatz zum König nach wie vor für die Vermögensteuer plädiert. Das Machtwort des Kanzlers drei Tage zuvor ("Die Kakophonie ist absolut unzuträglich") war irgendwo über den Ebenen hinter der niedersächsischen Landesgrenze verhallt.

Als Wahlkämpfer genießt Gabriel zwar milde Nachsicht, aber wenn er sich als Widerstandskämpfer und Ersatz-Schröder für 2006 warm läuft, kommt das in Berlin nicht so gut an. Ohnehin müsste Gabriel erst einmal Niedersachsen gewinnen und dann für seine Reformideen einstehen. Noch ein Wahlbetrug, und der füllige Norddeutsche stürmt als nächster Verkaufsschlager von Elmar Brandt in die Charts.

Wenig Freude wird dem Kanzler auch ein Beitrag in diesem stern bereiten. Er kommt frisch aus der Feder von Wolfgang Nowak, 59, Planungschef im Kanzleramt und führender Querdenker der Abteilung Politische Analysen und Grundsatzfragen - bis er am 22. Oktober in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde. Auf Seite 34 erklärt der lästig gewordene Chef-Reformer, warum Schröder "weniger Müntefering" wagen sollte.

Dass der stern sich in nahezu jeder Ausgabe mit der Frage beschäftigt, wie unser Land reformiert werden muss, findet auch in anderen Medien Widerhall. stern-Vize und Kolumnist Hans-Ulrich Jörges diskutierte bei Maybritt Illner (ZDF) mit FDP-Chef Guido Westerwelle und Wolfgang Schäuble (CDU); vergangenen Sonntag wurde stern-Autor Walter Wüllenw eber mit Franz Müntefering, Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel und anderen in die Runde von Sabine Christiansen (ARD) gebeten. Er hatte mit einem pointierten Plädoyer zum Thema Generationen-Konflikt bei der Rente ("Die Last mit den Alten", stern Nr. 48/2002) für Wirbel gesorgt.

In diesem Heft antwortet ihm Wirtschaftsprofessor Wilhelm Hankel, 73, aus der Sicht der älteren Generation: "Wir sind keine Schmarotzer".

Herzlichst Ihr Andreas Petzold