Editorial Bildung - nicht sexy, aber wirksam


Liebe stern-Leser!

Auf den ersten Blick sieht die politische Gefechtslage in Berlin hoffnungsvoll aus: Opposition und Regierung nähern sich einander mit wechselseitigen Gesprächsangeboten, um gemeinsam eine wirksame Medizin gegen die Massenarbeitslosigkeit zu finden. Halten dabei aber Distanz, indem sie auf ihre alten Rezepte verweisen. Auf den zweiten Blick ist die Lage weniger spannend: Alles überflüssige taktische Scharmützel, man will verhindern, dass der Gegner den Ruhm erntet, aber auch nicht als Blockierer dastehen. Die Parteien graben sich jetzt ein für den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Und da gilt es als unverzeihliche Schwäche, eigene Positionen zu räumen - nur noch darum geht es. Die symbolträchtige NRW-Wahl am 22. Mai wird einzig entlang der Frage entschieden: Welcher Partei trauen die Wähler zu, neue Arbeitsplätze zu schaffen? Neue Umfragen ergeben eine klare Mehrheit für Schwarz-Gelb. Was nicht überrascht, weil in NRW jetzt erstmals mehr als eine Million Menschen arbeitslos gemeldet sind. Exakt 1083382 Ende Februar. Davon sind 122600 ehemalige Sozialhilfeempfänger, die nun als erwerbsfähig gelten und daher zusätzlich in die Arbeitslosenstatistik rutschen. Ihre Zahl wird sich allein in Nordrhein-Westfalen bis Ende März vermutlich noch einmal um etwa 100000 erhöhen. Das empörte Getöse der Union klingt jetzt schon in den Ohren.

Was also tun gegen die Arbeitslosigkeit? Der Kanzler verweist auf seinen Besteckkasten mit Hartz IV und dem Riechfläschchen mit der Aufschrift "Geduld". Merkel und Stoiber wollen weniger Bürokratie für den Mittelstand, betriebliche Bündnisse, Senkung der Arbeitslosenversicherung - auch das Übliche, hundertfach gewendet. Genommen wird, was dem Wähler zu vermitteln ist. Was jedoch langfristig und tatsächlich hilft, kommt in dem gequälten Briefwechsel mit keinem Wort vor: Bildung! Investition in Bildung schafft Wachstum und damit Arbeitsplätze. Weil aber diese Binsenwahrheit nicht sexy ist, wird sie im Wahlkampf gern ausgespart. Denn hier geht es um ein Rezept, das nicht heute, sondern erst übermorgen wirkt. Es ist aber unverzichtbar, um die Wirtschaft wieder vital wachsen zu lassen. Bildungsetats dürfen nicht als soziale Leistung missverstanden werden, die vor allem Kosten verursacht. Mehr Geld in die Bildung zu stecken - von der Vorschule bis zur Universität - ist eine hoch rentable Investition. Denn natürlich hängt die Innovationsfähigkeit eines Landes an der Zahl und den Fähigkeiten seiner Hochschulabsolventen. Und es ist vergeudete Zeit, Kindern von Ausländern erst in der Grundschule richtig Deutsch beizubringen. Das müsste schon im Vorschulalter geschehen.

Bildung wirkt auch gegen Armut. Ein derzeit aufkeimendes Thema im Land, das die Regierung ebenfalls massiv in Bedrängnis bringt. stern -Autor Walter Wüllenweber schrieb vor drei Monaten in einer Reportage über die Unterschicht (stern Nr. 52/2004), die deutsche Gesellschaft versuche seit Jahrzehnten, Armut mit Geld zu besiegen. Doch was die Unterschicht wirklich braucht, wird ihr verwehrt: Bildung! "In Deutschland sind nicht immer die Armen die Dummen, sondern die Dummen sind immer arm." Tatsächlich ist mangelhafte berufliche Qualifikation mit Abstand das größte Risiko der sozial Schwachen.

Es gäbe wahrlich genügend Anlass, den Zusammenhang zwischen Bildung, Wachstum und Arbeitsplätzen von den Zinnen der Regierungsburg zu trompeten. Weil jedoch Bildung Ländersache ist, tritt das ganze Land auf der Stelle. Da die Föderalismuskommission vor kurzem kapituliert hat, bliebe nur der Druck des Kanzlers und der Parteichefs auf ihre Ministerpräsidenten. Das wäre ein wirklich guter Grund, nicht nur zu pokern, sondern ernsthaft miteinander zu reden, Frau Merkel, Herr Stoiber, Herr Müntefering, Herr Schröder!

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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