Editorial Darauf warten Deutschlands Arbeitnehmer


Liebe stern-Leser!

Die Idee klingt nach Ludwig Erhards Motto "Wohlstand für alle", schon etwas verstaubt - und doch gewinnt sie von Jahr zu Jahr an Brisanz: die Idee, Arbeitnehmer am Gewinn ihrer Firma zu beteiligen. In der globalisierten Wirtschaft sind die Löhne immer stärker unter Druck geraten, die Renditen des Kapitals aber steigen. Also müsste man doch nur die Arbeitnehmer zu Kapitalisten machen, damit sie auch von der Globalisierung profitieren können. Schon diese blasse Theorie scheiterte bislang vor allem an den Tarifpartnern. Die Unternehmer wollen gerne "Herr im Haus" bleiben, die Gewerkschaften haben Angst, dass ein beteiligter Mitarbeiter das "Klassenbewusstsein" verliert.

Nun endlich wollen sich Union und SPD gemeinsam über dieses Projekt beugen, das dem beherrschenden Gefühl der sozialen Ungerechtigkeit ein wenig Nahrung entziehen könnte. Teilhabe am Unternehmen, Beteiligung am Erfolg der Firma auf unterschiedlichsten Wegen - das ist der richtige Weg, um Mitarbeiter zu motivieren und Entlohnungssysteme auf den einzelnen Betrieb abzustimmen.

Seit langem schon hat der stern immer wieder auf die Vorzüge der Gewinn- und Kapitalbeteiligung (etwa in Form von Aktienanteilen) hingewiesen: Im Sommer 2005 plädierte stern-Vize Hans-Ulrich Jörges in seiner Kolumne für diesen Weg und vertrat seine Position während des Wahlkampfs in Maybritt Illners Polit-Talk "Berlin Mitte" gegen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. "In der Globalisierung ist der Betrieb Schicksalsgemeinschaft. Wenn er seine Leute fair beteiligt, wird er sogar Heimat." Zur Jahreswende forderte Bundespräsident Horst Köhler in einem stern-Interview, "die Ertragsbeteiligung der Arbeitnehmer ... wieder auf den Tisch zu bringen". Köhler löste damit eine heftige Debatte aus. Im Februar besetzte die Kanzlerin das Thema in einem stern-Interview: "Es wird ein Projekt der CDU!" Und schließlich griff auch SPD-Chef Kurt Beck, wiederum im stern, im August nach dem verlockenden Modell: "Das muss ein Projekt der SPD werden", verkündete er, "die Idee ist richtig und wird immer wichtiger." Bei so viel Eintracht fragt man sich: Worauf warten die Groß-Koalitionäre noch?

Wenn der Durchbruch zu mehr Gewinnbeteiligung diesmal gelingen soll, muss es einen neuen Geist der Partnerschaft zwischen Kapital und Arbeit geben. Kanzlerin Merkel sollte Gewerkschaften und Unternehmerverbände schnell zu einem Beteiligungsgipfel ins Kanzleramt einladen. Denn es geht um nicht weniger als die Chance, unsere soziale Marktwirtschaft abzusichern - nicht trotz, sondern mithilfe des weltweiten Wettbewerbs!

stern-Reporter Lorenz Wolf-Doettinchem hat in den vergangenen Wochen viele Unternehmen besucht, die den sozialen Kapitalismus schon praktizieren. Seine Erkenntnis: "Betriebe mit Mitarbeiterbeteiligung sind produktiver und erfolgreicher. Der Kuchen wird nicht nur nur anders verteilt, er wird auch größer."

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

print

Mehr zum Thema