U-Bahn-Attacke in Hamburg Nach tödlichem Stoß am Bahnhof: Politiker fordern besseren Schutz

Abtransport einer Leiche nach tödlicher U-Bahn-Attacke in Hamburg
Nach der tödlichen Attacke in einem Hamburger U-Bahnhof transportiert ein Bestatter die Leichen von Täter und Opfer ab
© Imago Images
Die tödliche Attacke eines Flüchtlings gegen eine 18-Jährige in der Hamburger U-Bahn erschüttert das Land. Politik und Behörden ringen nun um Lehren aus der Tat.

Nach der Tötung einer jungen Frau im Hamburger U-Bahnhof Wandsbek Markt herrscht immer noch Fassungslosigkeit. Die 18-jährige Iranerin Fatemeh D. war am Donnerstagabend von einem 25-jährigen Südsudanesen vor die einfahrende U-Bahn-Linie 1 mitgerissen worden, beide starben. Täter und Opfer kannten sich nach Polizeiangaben offenbar nicht. Augenzeugen berichteten, der Mann habe sich zuvor am Bahnsteig aggressiv verhalten. 

Täter war vor Attacke polizeibekannt

Ariop A. war laut einem Bericht der "Bild" im Alter von zwölf Jahren nach der Ermordung seiner Eltern durch nordsudanesische Milizen in ein Flüchtlingslager nach Kenia geflohen. 2024 kam er über ein humanitäres Aufnahmeprogramm, vermittelt durch die Vereinten Nationen, nach Deutschland und erhielt eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung. Diese wird üblicherweise nach einer Sicherheitsüberprüfung erteilt. Ob eine solche im Fall von A. stattgefunden hat, ist noch unklar.

CDU: Große Zahl von traumatisierten Flüchtlingen ist ein Problem

Zuletzt lebte A. in einem Wohnheim, wo er immer wieder durch aggressives Verhalten und übermäßigen Alkoholkonsum auffiel. Auch bei der Polizei war er offenbar durch Gewaltdelikte bekannt. Laut "Bild" soll er noch zwei Tage vor der Tat wegen eines Angriffs gegen zwei Vollstreckungsbeamte eine Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung erhalten haben.

Politiker und Politikerinnen aus verschiedenen Parteien fordern nun Konsequenzen. "Gerade dieser Fall zeigt auf dramatische Weise, dass auch viele traumatisierte Menschen zu uns gekommen sind. Und wir können schon aufgrund der schieren Zahl nicht alle angemessen betreuen", sagte der innenpolitische Sprecher von CDU/CSU, Alexander Throm (CDU), dem stern

"Deshalb stellt sich nach einem solchen Fall auch die Frage, ob ein Ort wie Deutschland, weit weg von zu Hause, die richtige Option für die Menschen ist." Besser sei es, "die Hilfe vor Ort zu stärken", so Throm.

Der CDU-Politiker verwies zugleich darauf, dass Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) alle humanitären Aufnahmeprogramme für Flüchtlinge schon vor dem Vorfall gestoppt hat.

Dennis Gladiator, innenpolitischer Sprecher der CDU Hamburg, sagte dem stern: "Humanität verpflichtet uns, Schutzbedürftigen zu helfen, aber sie darf nicht dazu führen, dass Personen mit schweren Gewaltdelikten faktisch unkontrolliert bleiben." Wenn selbst bei klar erkennbarer Gewalt keine wirksamen Maßnahmen greifen, sei dies ein "politisches Problem, das dringend gelöst werden muss". Hier dürfe keine Seite "politisch blockieren".

SPD: Sicherheitsbehörden und Innenminister arbeiten an dem Problem

Laut dem innenpolitischen Sprecher der SPD im Bundestag, Sebastian Fiedler, arbeiten "die Sicherheitsbehörden und die Innenministerkonferenz bereits intensiv an dem Problem, um exakt solche Taten nach Möglichkeit zu verhindern". Auch verfügten viele Länder bei der Polizei bereits über Methoden, "um potenzielle Gewalttäter frühzeitig zu erkennen", so Fiedler zum stern: "Das Schlimme ist: Dem jungen Opfer hilft das nicht mehr."

Linke: Mehr Schutzwände in Bahnhöfen

Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Clara Bünger, sieht in einer besseren Ausstattung der Bahnhöfe einen präventiven Ansatz. "Viel zu häufig kommt es bundesweit zu solchen tödlichen Situationen in Bahnhöfen, weil Menschen ins Gleisbett gestoßen werden, stürzen oder aus anderen Gründen ins Gleisbett geraten. Das muss verhindert werden", sagte Bünger dem stern

"Es braucht dringend Schutzvorrichtungen, damit Stürzen oder Gestoßenwerden ins Gleisbett verhindert wird." Viele Länder hätten solche Glastrennwände bereits eingeführt, zum Beispiel in Städten wie London oder Tokio.

Schmerzhafte Erinnerungen für den Vater eines anderen Opfers nahe Hamburg

Für Michael Kyrath fühlt sich der Tod der jungen Frau in der Hamburger U-Bahn wie ein furchtbares Déjà-vu an. Vor drei Jahren verlor der Elmshorner seine 17-jährige Tochter Ann-Marie. Das Mädchen und ihr Freund wurden von einem Asylbewerber in einem Regionalzug bei Brokstedt erstochen. 

Der Mann war vorher mehrfach polizeilich auffällig gewesen; seine Opfer in der Regionalbahn wählte er zufällig. Dabei griff er gezielt die junge Frau an; ihr Freund starb beim Versuch, sie zu schützen. 2024 wurde der Täter zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.

"Leider ist dieser Vorfall kein Einzelfall", sagte Michael Kyrath dem stern über die Attacke in der Hamburger U-Bahn. Er betreue inzwischen ein Netzwerk mit mehr als 1000 Menschen, die durch ähnliche Taten Angehörige verloren hätten. "Es ist immer ein ähnliches Täterprofil und anschließend immer dieselben Politikerfloskeln, ohne dass wirklich etwas passiert". 

Mit ähnlichem Täterprofil meint Kyrath: Geflüchtete, die vor der Tat bereits mehrfach straffällig geworden sind und sich oft illegal im Land aufhalten.

Kyrath fordert einen besseren Datenaustausch zwischen den Behörden, damit schneller reagiert werden kann, wenn ein Flüchtling mehrfach polizeilich in Erscheinung tritt. Und dass jene Amtspersonen, die die Täter zuvor als harmlos einstuften, dafür zur Verantwortung gezogen werden: "Wenn ein Gutachter bei der Aufnahme entscheidet, dass von der Person keine Gefahr ausgeht, die hinterher im Aufnahmeland Menschen ermordet, müsste er dafür zur Rechenschaft gezogen werden."

Für Fatemeh D. kommen alle Maßnahmen zu spät. Bisher ist über die junge Frau wenig bekannt. Sie soll häusliche Gewalt erlebt haben und sich zuletzt in einem Frauenhaus aufgehalten haben, berichtete die "Bild". Die 18-Jährige habe Grafikerin werden wollen. Am Sonntagnachmittag gedachten Freunde und Bekannte in Wandsbek der jungen Frau. 

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