Später Donnerstagabend gegen 22 Uhr: Am Hamburger U-Bahnhof Wandsbek Markt warten Fahrgäste auf den Zug. Eine einfahrende U-Bahn erfasst zwei Menschen, beide sterben. Die Mordkommission ermittelt, es bestehe der Verdacht auf ein Tötungsdelikt, sagt ein Polizeisprecher.
Nach ersten Erkenntnissen hielten sich die beiden Personen, ein 25-Jähriger und eine 18-Jährige, unabhängig voneinander auf dem Bahnsteig auf. Der Mann soll die junge Frau dann gepackt und sich mit ihr vor die U-Bahn gestürzt haben.
Die Hintergründe des Vorfalls sind noch unklar. Die Polizei geht derzeit nicht davon aus, dass die beiden sich kannten. Es werde in alle Richtungen ermittelt, Videoaufnahmen und Zeugenaussagen sollen dazu ausgewertet werden. Man tue alles, um den Fall aufzuklären.
Vorfall in Hamburg erinnert an Tat in Frankfurt im Jahr 2019
Die Frage nach dem Warum bleibt vorerst offen. Doch viele dürften sich fragen, wie sich solche Vorfälle verhindern lassen. Eine Diskussion, die nicht neu ist. Denn was in Hamburg geschehen ist, erinnert an eine ähnliche Tat, die sich 2019 in Frankfurt am Main ereignete.
Am 29. Juli 2019 stieß ein Mann, ein anerkannter eritreischer Geflüchteter, der zuvor in der Schweiz gelebt hatte, einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter am Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE. Der Junge starb, die Tat löste bundesweites Entsetzen aus. Ein Jahr später entschied das Landgericht Frankfurt, der Täter sei schuldunfähig und müsse dauerhaft in eine Psychiatrie.
Rat und Hilfe
Sie haben suizidale Gedanken? Befinden Sie sich in einer psychischen Krise? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter (0800) 1110111 und (0800) 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail oder Chat ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Bei unmittelbarer Suizidgefahr: Wählen Sie den Notruf 112, wenn Sie selbst akut gefährdet sind oder es jemand in Ihrem Umfeld ist. In akuten Krisen steht auch der medizinische Notdienst unter 116 117 zur Verfügung.
Der Angriff entfachte eine Debatte über die Sicherheit an Bahnsteigen. Denn in Deutschland gibt es keine baulichen Maßnahmen, die verhindern, dass Menschen ins Gleisbett fallen oder gestoßen werden (der stern berichtete).
Wo es Bahnsteigtüren und Schranken gibt
Andere Länder sind weiter: In den Metros von Kopenhagen, Sofia oder Tokio schützen Bahnsteigtüren vor einem Sturz auf die Gleise. Sie bleiben geschlossen, bis der Zug hält. In Japan sowie an französischen und spanischen Hochgeschwindigkeitsbahnhöfen dürfen Reisende den Bahnsteig nur mit gültiger Fahrkarte betreten. Auch in London gibt es Schranken, die nur Fahrgäste mit Ticket passieren lassen.
Zugangskontrollen an Bahnhöfen gab es zwar auch mal in Deutschland – diese wurden aber ab den 1960er-Jahren wegen hoher Personalkosten abgeschafft.
Warum haben andere Länder solche Maßnahmen, Deutschland aber nicht?
Dies habe historische Gründe, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Der Grund für dieses System liege "in der langen Tradition der deutschen Eisenbahnen und dem Prinzip der offenen Bahnhöfe". Bahnhöfe sollten als öffentliche Plätze für alle zugänglich sein.
Zudem halten an deutschen Bahnhöfen verschiedene Züge an denselben Gleisen: Regionalbahnen, ICEs und auch Züge aus dem Ausland. Die unterschiedlichen Türabstände erschweren den Einbau von Bahnsteigtüren. In anderen Ländern sind Nah- und Fernverkehr hingegen oft getrennt oder die Vielfalt an Fahrzeugtypen geringer.
Was eine Nachrüstung schwierig macht
Nachrüsten wäre theoretisch möglich, ist aber kompliziert. In München plante man Bahnsteigtüren für die U-Bahn, legte das Vorhaben 2022 jedoch auf Eis. In Berlin forderte die CDU im Oktober 2025 Zugangssperren für U-Bahnhöfe. In Hamburg, wo sich am Donnerstag der tödliche Vorfall ereignete, soll die neue, vollautomatische U-Bahnlinie U5 solche Bahnsteigtüren bekommen.
Warum bestehende Bahnsteige umzurüsten schwierig ist, erklärt die Hamburger Hochbahn so: Viele Haltestellen seien in Kurvenlage gebaut worden. "Da die Wagen nicht elastisch sind und sich zu einer Kurve formen können, entsteht hier ein großer Spalt zwischen Bahnsteigtür und Zug." Beim Einsatz von Bahnsteigtüren bestehe durch den Spalt das Risiko, dass Fahrgäste beim Schließen der Türen zwischen Zug und Bahnsteig geraten können.
Zugführer müssten zudem zentimetergenau halten, was die Fahrzeit verlängern würde, so die Hochbahn. Auch das Gewicht der Türen wäre ein Problem. Ältere Bahnsteige könnten die Last oft nicht tragen. Zudem würden die Bahnsteige enger, was bei Notfällen die Evakuierung erschweren könnte.
Die Kosten wären ebenfalls hoch. In Berlin schätzte der Senat 2011 die Umrüstung mit Bahnsteigsperren auf 300 Millionen Euro, wie die "Berliner Zeitung" berichtete. Die CDU bezifferte die Kosten nach ihrem jüngsten Vorstoß auf rund 400 Millionen Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren.
Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) halten wie die Hamburger Hochbahn eine Umrüstung für kaum machbar, wie der RBB berichtete. "Unser U-Bahnsystem ist über 100 Jahre alt und baulich sehr unterschiedlich. Viele Stationen sind zu schmal oder statisch nicht darauf ausgelegt, Sperren einzubauen." Der Fahrgastverband IGEB warnte im RBB, Zugangssperren könnten im Katastrophenfall Barrieren schaffen und Menschenleben gefährden.
Auch die Deutsche Bahn und die Fahrgastverbände hatten bereits in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass die Umrüstung der rund 5600 Bahnhöfe im Land sehr kostspielig und logistisch schwer umzusetzen sei. Zugangsschranken wie in London oder Frankreich seien wegen Platzmangels "nicht praktikabel". Zudem würden sie den Fahrplan durcheinanderbringen, da Reisende und Züge mehr Zeit benötigten.
Die Deutsche Bahn rät auf ihrer Homepage, wie man sich am Bahnsteig richtig verhält, um nicht in einen Unfall verwickelt zu werden: Hinter den weißen oder gelben Linien warten, achtsam verhalten, auf Signale und Durchsagen achten.
Quellen: Nachrichtenagenturen AFP und DPA, Deutsche Bahn, Hamburger Hochbahn, RBB, WDR, "hessenschau", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Berliner Zeitung", "Bild", "Zeit", "Welt", "Süddeutsche Zeitung", "t-online"