Editorial Der Aldi-Wahlkampf


Liebe stern-Leser!

Der Wähler ist ein armes, dummes Würstchen, das man beliebig quälen kann. Ängstlich ist es obendrein. Unfähig, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Das Würstchen will belogen werden. War doch immer so im Wahlkampf. Lass es in dem Irrglauben, dass man ihm nichts nimmt, sondern ihm vieles geben wird.

So in etwa nehmen Deutschlands Spitzenpolitiker derzeit ihr Wahlvolk wahr. Anders ist nicht zu erklären, dass in Talkshows, Zeitungsinterviews und bei Marktplatz-Reden jede Partei vornehmlich Gute-Nacht-Geschichten mit Happy-End auftischt, die schön ablenken, aber realitätsfern sind. Die einen erzählen, das Absenken der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung werde bis zu 200 000 neue Arbeitsplätze bringen (Union). Die anderen sind seit der Neuwahlentscheidung plötzlich dafür, dass die Löhne ganz doll steigen müssen, nachdem das jahrelang nicht gern gesehen wurde (SPD). Wieder andere wollen den sozial Bedürftigen jetzt mal so richtig viel Geld geben (Linkspartei). Die Grünen wissen noch nicht so genau, was sie wollen, und die FDP möchte mehr Netto für alle.

Immer nur leicht verkäufliche

statt auch mal schwer verdauliche Ware anbieten, das läuft auf eine schleichende Entmündigung des Wählers hinaus. Alles, was schnell und billig an den Mann zu bringen ist, wird auf den Markt geworfen, verpackt in wenige Slogans ("Rot-Grün gescheitert", "Neu: jetzt teurer! 2 % Merkelsteuer auf alles").

Wir erleben die Aldisierung der Politik. Kaum jemand präsentiert Qualität, also belastbare, geschlossene Konzepte, die detailliert Reformen bei den Zukunftsthemen Arbeitsmarkt, Bildung, Steuern, Gesundheit, Rente, Sozialsysteme und Globalisierung vernetzen und beschreiben. Für Politiker liegt die Verlockung des Unpräzisen darin, dass der Wähler nach Gefühl und Sympathie entscheiden muss, wer seine Erwartungen am ehesten erfüllt. Man muss dann keine Wählergruppe vergrätzen und nach dem Wahltag nicht die Fahne einrollen, weil versprochen eben doch nicht versprochen ist. Da auch Namen Programm sind, mag sich beispielsweise die Union nicht einmal auf eine politische Führungs-Crew festlegen. Zumindest noch nicht. Im stern-Interview, das auf Seite 28 beginnt, gibt CSU-Chef Edmund Stoiber das laue Versprechen ab: "Das Kabinett wird sicherlich ein gutes Kabinett sein, davon bin ich fest überzeugt." Wer am Ende was macht, scheint für ihn nicht entscheidend zu sein.

Dabei ist das Gegenteil richtig. Die Frage, wer die Politik in den kommenden vier Jahren verkörpert, vor allem die bereiche Finanzen und Wirtschaft, kann wahlentscheidend sein. Aber auch hier politische Unschärfe aus Angst vor dem Wähler. Dabei hätten wir doch gerne jemanden - aus welchem Lager auch immer -, für den wir uns wenigstens ein bisschen begeistern könnten. Jemanden, ob Mann oder Frau, der den Blick kompetent auf das große Ganze richtet und das auch noch mitreißend erklärt. Wir sind das Wahlvolk, aber wir können uns Leid tun.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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