Der Wahlkämpfer Cem Özdemir nimmt sich die Zeit. Drei Wochen vor der Landtagswahl will er heiraten. Doch in Ruhe gelassen wird der Spitzenkandidat der Baden-Württemberger Grünen dafür nicht. Der Vorwurf, den manche gerade erheben: Der romantische Akt sei politisches Kalkül. Özdemir nutze die private Bühne, um seine öffentliche Position zu stärken.
Motto: Özdemir, der PR-Profi – da haben wir ihn doch mal wieder erwischt.
Mal zeigt er sich als Bauernfreund, mit Hut und Wanderhose auf der Schwäbischen Alb. Dann als smarter Städter, wenn er zu seiner Ernennung als Landwirtschaftsminister umweltbewusst mit dem E-Bike statt mit der dicken Limousine ins Schloss Bellevue fährt.
Wie die „Leit im Ländle“
Und jetzt? Macht Özdemir bei der Ankündigung seiner Hochzeit auch noch alles so, wie die „Leit im Ländle“ es von ihm erwarten: schwäbisch-asketisch. Ring am Finger, steuerlich wäre es „halt au subber“.
Passend zum Wahlkampfslogan „Stabil in bewegten Zeiten“ werden es nur die engsten Freunde und Verwandten sein, die die Trauung des Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir, 60, und seiner Partnerin Flavia Zaka, einer Juristin aus Kanada, erleben. Das Ja-Wort werden sie sich am Valentinstag geben. Und trauen soll das Paar ausgerechnet das frühere enfant terrible der Grünen, Boris Palmer. Das ist doch die reinste Inszenierung, um bei Konservativen zu punkten!
Ernsthaft?
Der Vorwurf, Özdemir instrumentalisiere selbst seine eigene Hochzeit, passt jedenfalls zum Trend, Politikern stets das Schlimmste zu unterstellen. Richtig ist daran wenig.
Cem Özdemir, der Realo
Özdemir ist ein freier Mann. Er kann einladen, wen er will, und – einmal kurz festhalten – er kann sich auch trauen lassen, von wem er will. Er kennt Palmer lange und gut. Wer, bitteschön, würde denn die Chance verstreichen lassen, einen Freund die Zeremonie leiten zu lassen und stattdessen einen Wildfremden einsetzen? Hm? Danke.
Ja, der Rahmen der Trauung mag auch die Absicht haben, Özdemirs Realo-Kurs zu unterstreichen und ihn als Mann erscheinen zu lassen, der nicht dem klassischen grünen Klischee entspricht. Aber das hat vielleicht einen ganz einfachen Grund: Womöglich ist Özdemir einfach kein Klischeegrüner.
Für das „Wunder von Württemberg“
Özdemir kennt sich aus mit Symbolen, wahrscheinlich ist er in der Politik auch deshalb so weit gekommen. Ihm jetzt vorzuwerfen, er würde seine Hochzeit als Inszenierung nutzen, ist nicht nur kleinkariert, sondern auch realitätsfern. Natürlich schmeißt ein Spitzenkandidat wie er maßvoll sein Privatleben in die Waagschale. Es geht immerhin um das „Wunder von Württemberg“ – seinen Wahlsieg.
Lassen wir Cem Özdemir seinen ganz besonderen Tag. Persönlich und politisch. Ein bisschen Kitsch, ein bisschen Liebesbeweis, ein bisschen Wahlkampf – herzlichen Glückwunsch!