Dafür, wie erbittert die Grünen in der Vergangenheit bei dieser Frage gestritten haben, war die Entscheidung am Freitagabend sehr eindeutig: Beim Parteitag in Hannover stimmte die große Mehrheit der Delegierten dafür, dass homöopathische Leistungen nicht mehr von den Krankenkassen erstattet werden sollen. Damit sprechen sich die Grünen für Änderungen an der derzeitigen gesetzlichen Regelung aus, die vorsieht, das Krankenkassen Globuli und Co. zwar nicht finanzieren müssen, das aber tun können. Nicht wenige nutzen das im Wettbewerb der Kassen, um für sich zu werben.
Bis zu dieser klaren Position gegen die Homöopathie haben die Grünen einen langen Weg zurückgelegt. Gerade in grünen Milieus ist die Skepsis gegenüber der Schulmedizin traditionell ausgeprägt, im Wahlprogramm 2009 forderte die Partei noch einen "gleichberechtigten Stellenwert" für Naturheilmedizin und komplementärmedizinische Angebote.
Hingegen sagte Cedrik Schamberger auf der Parteitagsbühne: "Gesundheit ist kein Glaubenssystem, sondern eine Frage von Evidenz und Verantwortung." Er hat den Homöopathie-Antrag eingereicht. Den Grünen aus dem Berliner Landesverband beschäftigt das Thema schon lange, gerade hat der 25-Jährige sein Pharmazie-Studium abgeschlossen.
Die Argumente der Gegenseite griff er in der Rede gleich schon vorsorglich auf: "Aber, wird jetzt jemand sagen, manche Patient:innen fühlen sich besser mit Homöopathie aufgehoben", sagte er. "Versteht mich nicht falsch, es geht nicht darum, Überzeugungen abzuwerten."
Grüne sollen auf Wissenschaft hören – so wie bei Klima auch
Die Frage sei, "wofür die Solidargemeinschaft zahlt, und das sollte das sein, was nachweislich wirkt". In der Klimapolitik höre die Partei ja auch auf die Wissenschaft, und so müsse man das in der Gesundheitspolitik auch machen. Die Menge in der Messehalle hatte er damit schnell auf seiner Seite.
Manuela Rottmann, ehemalige Schatzmeisterin der Partei, kam die Aufgabe zu, im Auftrag des Bundesvorstands Schambergers Vorstoß zu verhindern – und für einen Kompromiss zu werben, auf den sich die Partei erst 2020 geeinigt hatte. Dieser wurde vom ehemaligen Parteivorsitzenden Robert Habeck durchgesetzt und sah vor, dass Kassen zwar Homöopathie bezahlen können, aber nur den Versicherten, die einen entsprechenden Sondertarif gebucht haben.
Wirklich überzeugende Argumente für diese Position fand Rottmann am Freitag offenbar nicht mehr, jedenfalls gab es nur vereinzelt Applaus. Sie sprach in ihrer Rede von überlasteten Krankenhäuser und der schlechten Versorgung von Menschen mit chronischen Krankheiten. Dafür lohne es sich zu kämpfen. Schambergers Antrag aber wolle erneut über etwas reden, was am Ende nur 25 Millionen Euro ausmache – von 350 Milliarden Euro Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung. Und es sei bei dem Thema ja auch anders als beim Klimaschutz, wo es um den Planeten gehe. "Jeder entscheidet über seinen eigenen Körper, das respektieren wir".
Rottmanns Problem: das drängendste Argument des Bundesvorstands, warum Schambergers Antrag unbedingt verhindert werden müsse, war eines, das sie nicht offen auf einer Parteitagsbühne ansprechen konnte. "Wollt ihr wirklich so wahnsinnig sein, das jetzt zu tun, wo Cem Özdemir in vier Monaten Baden-Württemberg für uns gewinnen soll?" So hätte es in etwa gelautet.
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Unternehmen aus dem Bereich in Baden-Württemberg ansässig
Der ehemalige Bundeslandwirtschafts- und -forschungsminister will die Villa Reitzenstein in Stuttgart von Winfried Kretschmann übernehmen, dem ersten und bislang einzigen Ministerpräsidenten der Grünen. In den Umfragen liegt die Partei dort derzeit weit hinter der CDU, und auch hinter der AfD.
Schwer genug also wird das, wenn es überhaupt klappt – jedenfalls kommt es auf jeden Prozentpunkt an. Die neue grüne Position könnte da tatsächlich zu Einbußen führen. Der Südwesten gilt als Hochburg der Antroposophen- und Naturheilkundler. Auch sind dort einige mittelständische Unternehmen aus dem Bereich ansässig, etwa die Deutsche Homöopathie-Union, Heel oder Wala-Heilmittel.
Als Stinkbömbchen der linken Berliner zu den Realos nach Baden-Württemberg aber sei der Vorstoß absolut nicht gedacht, versicherte Schamberger dem stern bereits im Vorfeld des Parteitags. Der 25-Jährige kommt selbst sogar von dort, ist in einem kleinen Dorf in der Nähe von Freiburg aufgewachsen. Aber irgendwann müsse man das Thema ja mal klären, so Schamberger. Das ist es jetzt passiert.