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Editorial: Der Staat baut einen Käfig für den Raubtierkapitalismus

Liebe stern-Leser!

Demokratie und Kapitalismus galten lange als ideales Paar. Diese Kombination versprach Wohlstand, Teilhabe und Gerechtigkeit, auch wenn die Realität dieses Versprechen nicht immer einlöste. Doch aus der Partnerschaft ist in den vergangenen Jahren ein brutales Kräftemessen geworden. Die Macht des globalen Marktes nahm der nationalen Politik mehr und mehr ihrer Gestaltungsmöglichkeiten. Am Ende blickten die Banker aus den Türmen der globalisierten Hochfinanz nur mehr mitleidig auf ihre Kontrahenten, die in den Grenzen ihrer Staaten gefangen waren. Doch nun droht ihnen der Untergang, und der Staat muss die schiffbrüchigen Finanzkapitäne an Bord nehmen. Sie hatten sich die Lecks selbst beigebracht - und sahen sich danach beim Absaufen zu. Keiner warf Rettungsringe in Form von Krediten - die Banker trauten sich gegenseitig nicht mehr. Sie können zwar in Frankfurt von einem Vorstandsbüro ins andere gucken, liehen sich aber kaum noch einen Euro.

Das eigentliche Problem hatte Bundespräsident Horst Köhler in einem stern-Interview Mitte Mai auf den Punkt gebracht: "Kapitalismus heißt ... mit Risiko umgehen können!" Da die Finanzjongleure dies nicht beherrschen, wie wir weltweit mit Gruseln beobachten, muss die Politik ihnen vorschreiben, wie sie mit Risiken umzugehen haben. Dafür gibt es jetzt ein historisches Zeitfenster, solange die Chefs der großen Geldhäuser noch hilflos wie Käfer auf dem Rücken liegen und keinen Widerstand leisten. Denn wir sollten nicht darauf setzen, dass sie selbst die Lehren aus dem Desaster ziehen. Der Raubtierkapitalismus braucht einen Käfig.

Die Chefs der deutschen Finanzindustrie machen noch nicht einmal Anstalten, Vertrauen, das wichtigste Kapital, wiederzugewinnen. Die Herren des Geldes sind allesamt abgetaucht, über Nacht zu nicht öffentlichen Figuren geworden. Wie Phantome einer untergegangenen Epoche. Sie vermeiden es, vor einem Millionenpublikum Einsichten und Erklärungen zu geben. Keinerlei Versuche, die Nation zu beruhigen. Ihre Pressesprecher sagen, die Herren hätten keine Zeit, und meinen damit, sie hätten Wichtigeres zu tun. Aber was ist wichtiger, als um das Vertrauen der Menschen zu kämpfen und um die letzten Reste der eigenen Glaubwürdigkeit? Nein, das überlassen sie feige den Politikern. Die sind doch für Vertrauen zuständig! Stattdessen lassen die sonst oft so selbstgewissen Spitzenmanager die Jalousien runter und mühen sich, das Desaster zu überleben, das sie selbst angerichtet haben. Dafür nehmen sie sogar hin, den belächelten Staat als Teilhaber zu bekommen und künftig mit Peer Steinbrück über ihre Tantiemen verhandeln zu müssen. Am vergangenen Montagabend zitierte Angela Merkel die einst arrogant-allmächtige Banker- Community geschlossen ins Kanzleramt, um die neuen Spielregeln zu erklären - es sind jetzt Merkels Regeln!

Die Steuer-Milliarden, die Angela Merkel und Peer Steinbrück nun einsetzen, sind "nur" Geld. Ihr gewichtigerer Einsatz ist, was man die Eigenkapitaldecke des Staates nennen könnte: Vertrauen, angesammelt in knapp 60 Jahren stabiler Nachkriegsdemokratie. Nun muss auch der Bürger beweisen, dass der hohe Einsatz gerechtfertigt ist. Er sollte gelassen bleiben und sich im Vertrauen üben. Zugegeben, Gelassenheit und aufgeklärte Vernunft sind in diesen Tagen wie eine Art Vorschuss an den Staat. Aber den hat er verdient. Wir bekommen ihn zurückgezahlt. Und der Staat sollte das Selbstbewusstsein haben, auch künftig und nicht nur jetzt in der Krise auf seine Gestaltungsmacht zu bestehen. Dann können Demokratie und Kapitalismus wieder das Traumpaar werden, als das sie lange galten.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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