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Editorial: Europa ist eine Familie

Übermorgen, am 1. Mai 2004, ist es so weit: Die Europäische Union nimmt zehn neue Länder mit 75 Millionen Menschen auf. Es ist die größte Erweiterung in ihrer Geschichte - und sicher auch die bedeutendste.

Liebe stern-Leser!

Übermorgen, am 1. Mai 2004, ist es so weit: Die Europäische Union nimmt zehn neue Länder mit 75 Millionen Menschen auf. Es ist die größte Erweiterung in ihrer Geschichte - und sicher auch die bedeutendste. Denn 60 Jahre nach dem Krieg und 15 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind Osten und Westen wieder friedlich vereint. Beim Festakt der Staatsoberhäupter in Dublin werden Kinder Ludwig van Beethovens "Ode an die Freude" singen.

Bei den Menschen, auch und vor allem in Deutschland, herrscht aber auch Furcht: dass noch mehr Jobs ins Ausland verschwinden, dass die Arbeitslosigkeit weiter steigt, dass Verkehr und Kriminalität zunehmen werden. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass dies Folgen der Globalisierung sind, die ohnehin kommen - mit oder ohne EU-Erweiterung. Lesen Sie auf Seite 48, warum die meisten Ängste unberechtigt sind und die Chancen größer als die Risiken.

Seit März schon stellt der stern die zehn Beitrittsländer in einer Serie vor. Um sie zu jeder Jahreszeit porträtieren zu können, sind unsere Reporter und Fotografen seit Frühsommer 2003 unterwegs gewesen. Wir wollen zeigen, dass die neuen EU-Länder zwar einen geringeren Wohlstand haben, dafür aber reich sind an wunderbar erhaltenen Städten und Landschaften, an vielseitiger Kultur, an ideenreichen Menschen. Für das Titelbild lud Fotograf Patrick Schwalb je einen Vertreter der zehn Länder ein. Ihre Erwartungen, ihre Hoffnungen kennzeichnen die derzeitige Aufbruchstimmung unter den jungen Leuten des Ostens: Milena, 26, aus der Slowakei arbeitet seit neun Jahren als Model: "Es wird großartig, aber hart. Doch Herausforderungen sind gut. Bei zu viel Behaglichkeit werden wir alle faul." Svetlana, 19, aus Litauen: "Alle Europäer sollten Litauen besuchen, es ist das schönste Land, das ich je gesehen habe." Przemek, 25, gelernter Zimmermann aus Polen: "Viele Polen haben Angst, dass es einen Ausverkauf des Landes gibt. Heimische Firmen müssen schließen, und in den ausländischen Firmen werden die Polen nur Arbeiter sein." Zétény, 29, aus Ungarn, der als Hürdenläufer an den Olympischen Spielen in Sydney teilnahm: "Für mich wird sich nicht viel ändern, aber meine Kinder werden bessere Chancen haben. Sie werden zwei oder drei Sprachen sprechen und im Ausland studieren können. Das ist großartig. Das ist die Zukunft." Andreas, 25, Wirtschaftswissenschaftler aus Zypern: "Denkt dran: Es ist immer besser, eine Familie zu haben, als allein zu leben. Europa ist eine Familie." Vielleicht ist das die hoffnungsvollste Weise, diesen 1. Mai zu betrachten: als Beginn eines neuen Kapitels in einer alten Familiengeschichte.

Herzlichst Ihr
Thomas Osterkorn