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Editorial: Frieden, aber die Menschen sterben

Liebe stern-Leser! Nein, es geht den Deutschen nicht wirklich gut. Arbeitslosigkeit auf höchstem Niveau

Liebe stern-Leser! Nein, es geht den Deutschen nicht wirklich gut. Arbeitslosigkeit auf höchstem Niveau, Firmeninsolvenzen wie noch nie in einem Nachkriegsjahr, die Börse vernichtet Hunderte Millionen Privatvermögen. Wer von dieser trüben Stimmung mitgerissen wird, dem empfehle ich die Fotos ab Seite 30 der Printausgabe. Das Elend dieser Hungernden im Süden Afrikas rückt den Kopf wieder zurecht, lässt unser Jammern als blanken Zynismus erscheinen. Der preisgekrönte Fotograf Sebastião Salgado fotografierte in unserem Auftrag in Angola, stern-Redakteur Joachim Rienhardt recherchierte. Es herrscht so etwas wie Frieden in dem Land nach Jahren des Krieges zwischen Regierungstruppen und der Rebellenbewegung Unita. Aber die Menschen sterben weiter, werden Opfer von gleichgültigen Machthabern und korrupten Bürokratien, von Dürre und Überschwemmungen während der Erntezeit. Jedes Salgado-Foto ist ein Hilferuf, erinnert auch an das Elend Hunderttausender in anderen Ländern Afrikas, die von einer ausufernden Hungersnot heimgesucht werden. Vor allem den Kindern steht der Tod ins Gesicht geschrieben. Doch das ist kein unausweichliches Schicksal, wenn wir Verantwortung übernehmen. Nicht weil wir in erster Linie Schuld hätten an den Zuständen, sondern weil wir, die Wohlstandsländer, es uns leisten können, die Not dieser Menschen zu lindern. * Am 2. Juli wäre Hermann Hesse 125 Jahre alt geworden. Er ist der international meistgelesene deutschsprachige Autor. Seine Bücher, in fast 60 Sprachen übersetzt und über 100 Millionen Mal verkauft, inspirieren und bewegen die Jugend der Welt seit 100 Jahren. Bis heute finden sich Teile jeder jungen Generation mit ihrer Zerrissenheit in seinen Büchern wieder, identifizieren sich mit seiner Furcht zu verspießern, seinen animalischen Visionen und seiner Ächtung jeder Autorität. Und sein Eintreten für Toleranz und Völkerverständigung, seine Verachtung für Antisemitismus, Terror und Krieg und sein Respekt gegenüber jeder Religion sind, gerade nach dem 11. September oder auch nach der Möllemann-Debatte in unserem Lande, bis heute beispielhaft geblieben. stern-Autorin Birgit Lahann und die Fotografin Ute Mahler sind den Spuren Hermann Hesses nachgegangen. Eines fiel den beiden auf: Jeder kennt Hesses Bücher, aber kaum einer weiß etwas über ihn selbst. Der stern startet in dieser Ausgabe eine fünfteilige Serie über das Leben des Dichters und Nobelpreisträgers. Ein Leben zwischen Exorzismus und Irrenhaus, Nabelschau und Naturbesessenheit, Alkoholsucht und Frauenverschleiß. * Es ist eine einzigartige Chance, vielleicht die letzte, um dieses Land wirklich grundlegend voranzubringen. Die Hartz-Kommission hat einen echten Vorschlag-Hammer erarbeitet, um den Arbeitsmarkt zu revolutionieren (Seite 24 der Printausgabe). Wenn es mit diesen ausgewogenen Ideen tatsächlich gelänge, die Zahl der Arbeitslosen auf zwei Millionen zu halbieren, würden die jährlichen Kosten von 40 Milliarden auf 13 sinken. Hier stecken die finanziellen Ressourcen für die Zukunft des Landes. Packt es an! Grüne, Rote, Schwarze, Gelbe – alle!

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold