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Editorial: Gutachter, Richter und der stern

Liebe stern-Leser! Es war eine kurze Meldung mit großer Tragweite: Der entlassene Psychatrie-Patient Wilfried Sabasch

Liebe stern-Leser!

Es war eine kurze Meldung mit großer Tragweite: Der entlassene Psychiatrie-Patient Wilfried Sabasch hatte in Uetersen eine junge Frau vergewaltigt. Die Nachricht traf die Redaktion besonders, weil sich der stern im März vergangenen Jahres für Sabasch eingesetzt hatte („Lasst diesen Mann frei!“). Seit über 30 Jahren saß der Mann nach einem sexuellen Übergriff in der Psychiatrie in Neustadt/Holstein, weil ein Arzt bei dem damals 17-Jährigen „Schwachsinn erheblichen Grades“ diagnostiziert hatte. Nach einem Hinweis seiner Anwältin recherchierte der stern, ließ bei einem renommierten Wissenschaftler ein Gutachten erstellen, dessen Ergebnis eindeutig war: „Der Grund für die gerichtliche Einweisung ist entfallen.“ Das Landgericht Lübeck gab daraufhin zwei weitere Gutachten in Auftrag – mit demselben Ergebnis. Die Klinik trug Bedenken vor. Doch die Richter verfügten im April 2002 die Freilassung. Sie begründeten ihren Beschluss mit den beiden vom Gericht in Auftrag gegebenen Gutachten. Sabasch sollte in eine psychiatrisch betreute Wohngemeinschaft einziehen, aber das scheiterte. Ohne Vorbereitung auf die Freiheit, ohne weitere Therapie kam er frei. Eine Entscheidung mit fatalen Folgen. Der stern hat sich für Sabasch engagiert – in der Absicht, einem Menschen zu helfen, der um eine Chance für die Rückkehr ins Leben kämpfte. Für uns eine journalistische Selbstverständlichkeit. Als wir jetzt von seinem Verbrechen erfuhren, haben wir uns sofort mit dem Opfer in Verbindung gesetzt und leisten nun konkrete Hilfe. Soweit man das kann. Der stern bekennt sich zu seiner Mitverantwortung. Dieser Fall zeigt aber auch, dass selbst die besten Psychiater irren können. Und dass die Abwägung zwischen dem Schutz der Allgemeinheit und dem Recht auf Resozialisierung der Täter für die Gesellschaft ein hohes Risiko birgt. Dessen sind sich die Gutachter bewusst, sie arbeiten keineswegs in einem rechtsfreien Raum. Im vergangenen Jahr, als die Diskussion um Rückfalltäter entbrannte, schrieb Professor Norbert Leygraf, Forensischer Psychiater in Essen, im stern: „Gutachter haften nicht schon dann, wenn ihre Prognose im Nachhinein sich als unzutreffend erweist. Der Gutachter haftet aber durchaus, wenn er die Prognose fehlerhaft – also entgegen den Regeln – erstellt hat. Dabei bedeutet Haften unter Umständen eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung.“ Das Risiko eines Irrtums auszuschließen würde bedeuten, jeden Menschen, der sexuell auffällig geworden ist, lebenslang wegzusperren. Dies kann sich ein Rechtsstaat nicht leisten. Er muss immer wieder zwischen dem Recht auf individuelle Freiheit und einer potenziellen Gefahr für die Gesellschaft urteilen. Darüber wird möglicherweise eine neue Diskussion aufbrechen. Wir haben dazu mit dem Bremer Psychologen und Strafrechtsprofessor Lorenz Böllinger gesprochen und den Fall Sabasch dokumentiert (Seite 30 der Printausgabe).

Meilen-Affäre und kein Ende: Der Herausgeber der „FAZ“, die Chefredakteure von „Spiegel“, RTL, „Die Welt“, „Tagesspiegel“, stern und anderen führenden Medien haben gemeinsam Position gegen Franz Müntefering bezogen. Der SPD-Generalsekretär hatte gegen die „Bild-Zeitung“ Strafanzeige unter anderem wegen des „Verdachts der Ausspähung von Daten“ gestellt. Strafverfolgungsbehörden sollen also die Informationsbeschaffung von Journalisten auskundschaften. Dagegen gilt es sich zu wehren – egal, ob es sich um „Bild“ oder andere Medien handelt. Denn der gesetzlich verankerte Informanten- und Quellenschutz ist eines der wichtigsten Arbeitsinstrumente von Journalisten. Münteferings juristische Attacke macht aus der Aufregung um die Meilen-Groteske eine Debatte über das Recht auf freie Berichterstattung in diesem Land.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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