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Editorial: Hygienenotstand in Deutschland?

Wie in jedem Jahr mussten Millionen Familien während der Weihnachtstage selbst zu Staubsauger und Putzeimer greifen

Wie in jedem Jahr mussten Millionen Familien während der Weihnachtstage selbst zu Staubsauger und Putzeimer greifen. Denn viele der geschätzten fast drei Millionen illegalen Haushaltshilfen, viele davon aus Osteuropa, fuhren über die Feiertage nach Hause. Inzwischen sind die Arbeitstouristen alle wieder da, und die Schattenwirtschaft unter deutschen Dächern brummt.
Doch jetzt steht dem einen oder anderen Familienvorstand der Angstschweiß auf der Stirn: Ab 1. Juli soll nach dem Willen der Regierung ein Gesetz in Kraft treten, mit dem nicht nur die gewerbliche, sondern auch Schwarzarbeit in Haushalten verschärft ins Visier genommen wird - mit bis zu 7000 Mitarbeitern der neuen "Finanzkontrolle Schwarzarbeit" in 113 Außenposten landesweit.
Nun dürfte nicht gleich der Hygienenotstand ausbrechen, denn das Gros der Deutschen hält seinen Haushalt selbst in Schuss. Doch es tauchen mit dem Gesetzentwurf andere Fragen auf, die viele Familien betreffen: Ist es Schwarzarbeit, wenn Jugendliche für regelmäßiges Babysitten bezahlt werden? Was ist mit der privaten Pflege für die kranke Mutter? Wo doch, laut Entwurf, nur noch "kleine Aufmerksamkeiten, wie zum Beispiel ein Blumenstrauß oder eine Gartenpflanze" erlaubt sind! Antworten dazu gibt unser Bericht ab Seite 48.
Die Verunsicherung jedenfalls ist groß - und der Unmut darüber, dass Eichel jetzt die letzten Ecken ausfegt, um ein paar Kröten für seinen maroden Staatshaushalt zusammenzukriegen. Der Staat wird sich im privaten Bereich trotzdem nicht auf die Gesetzestreue seiner Bürger verlassen können. Er muss also kontrollieren. Wandern demnächst Fahnder von Haustür zu Haustür und lassen sich Rechnungen vorlegen (zwei Jahre Aufbewahrungspflicht!), um die Milliarde einzutreiben, die Eichel jährlich kalkuliert? Vielleicht hilft ja auch die eine oder andere Denunziation: Es wird vielen eine Freude sein, den missliebigen Nachbarn anzuschwärzen, wenn dort ein Student regelmäßig Rasen mäht. Vermutlich macht man sich schon verdächtig, wenn man größere Mengen Material aus dem Baumarkt schleppt.
Es ist ja richtig, härter und konsequenter gegen Schwarzarbeit im gewerblichen Bereich vorzugehen. Doch das von Eichel erhoffte "neue Unrechtsbewusstsein" beim privaten "Schwarz-Arbeitgeber" wird sich wohl kaum einstellen. Es ist lebensfremd anzunehmen, dass all diese illegalen Jobs von Putzhilfen übernommen werden können, die bezahlbar, arbeitsberechtigt und angemeldet sind. Und viele Bürger betrachten häusliche Schwarzarbeit als eine Art Notwehr gegen den Moloch Staat, der überall zugreift. Wer einen Tag arbeiten muss, um eine Klempnerstunde mit An- und Abfahrt bezahlen zu können, den wird es wenig kümmern, dass er der Solidargemeinschaft Sozialabgaben vorenthält. Niemand will der Dumme sein, der brav Steuern zahlt, während andere durch die Schlupflöcher entkommen.
Für die Schröder-Regierung wäre es deshalb ein lohnenderes Ziel, das chaotische Abgaben- und Steuersystem dramatisch zu vereinfachen. Was vom Bürger durchschaut werden kann, empfindet er auch als gerecht. Darauf sollte Eichel seine Ministerialbürokratie ansetzen und nicht auf Deutschlands Hausfrauen, die sich beim Bügeln helfen lassen.
Seit der stern zur Bundestagswahl 2002 die Comic-Serie "Die roten Strolche" veröffentlichte, in der die Berliner Politprominenz zu Tieren des Waldes mutierte, rissen die Anfragen nicht ab, wann denn endlich wieder etwas von den Strolche Erfindern Greser & Lenz zu sehen sei.
Ab sofort finden Sie in jedem stern auf der "news"-Seite einen Cartoon von Achim Greser, 42, und Heribert Lenz , 45, Deutschlands einzigem Karikaturisten-Duo, das auch für die "Titanic" und die "FAZ" zeichnet.

Herzlichst Ihr
Andreas Petzold

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