Editorial Kanzler ohne Kleider


Liebe stern-Leser! Das Märchen über "Des Kaisers neue Kleider" hat uns zum Titelbild dieser Woche inspiriert

Liebe stern-Leser! Das Märchen über „Des Kaisers neue Kleider“ hat uns zum Titelbild dieser Woche inspiriert: Illustrator Wieslaw Smetek zeichnete Gerhard Schröder als entzauberten Regenten, dem nur noch ein rot-grünes Feigenblatt geblieben ist. Ein gewagter Vergleich? Hans-Christian Andersen, so erinnern wir uns, schildert in seiner 1837 verfassten Geschichte einen Kaiser, „der so ungeheuer viel auf hübsche Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein“. Das mag manchen an Schröder erinnern, der nach der Wahl mehr mit Brioni-Anzügen, Cohiba-Zigarren und „Wetten, dass..?“-Auftritten von sich reden machte als mit handfester Politik. Doch dann riss der Kanzler das Steuer herum, punktete mit Hans Eichels Sparkurs, der Holzmann-Rettung und der Steuerreform. Die CDU versank derweil im Spendensumpf. Schröder wurde so siegessicher, dass er die Wähler nicht mit weiteren Reformen verschrecken wollte und auf eine „Politik der ruhigen Hand“ setzte. In dem Märchen geriet der Kaiser an zwei Betrüger, die sich als Weber feinster Stoffe ausgaben. Ihre Kleider, so behaupteten sie, seien unsichtbar für jeden, der dumm oder unfähig ist. So kam es, dass weder der Kaiser noch sein Hofstaat zugeben mochten, die neuen Kleider nicht sehen zu können. Um die Jahresmitte 2001 zeichnete sich bereits ab, dass die Arbeitslosenzahl nicht, wie versprochen, auf 3,5 Millionen sinken würde. Die Zweifel an Schröders Politik wuchsen. „Aber der hat ja gar nichts an!“, verkündete endlich ein kleines Kind bei Andersen. „Hört die Stimme der Unschuld!“, sagte der Vater, und dann rief das ganze Volk: „Aber der hat ja gar nichts an!“ Auch den Wählern gehen allmählich die Augen auf. Der Unmut über die Arbeit der Regierung wächst. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des stern ergab katastrophale Werte für die SPD und für Rot-Grün. In allen wichtigen Bereichen, so meint die Mehrheit der Deutschen, hat die Union das bessere Programm. Dem Märchen-Kaiser schien zwar, dass sein Volk Recht habe, aber er dachte bei sich: „Nun muss ich aushalten.“ Und die, Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar keine war. Schröder, so sagt er im stern-Interview, gibt sich noch lange nicht geschlagen: „Das wäre falsch, denn ich habe irgendwo gelesen: Nur wenn man selbst begeistert ist, kann man andere begeistern.“ Am Montagabend schwor er die 200 Spitzenkräfte seiner Partei auf die heiße Wahlkampfphase ein (ab Seite 38 in der Printausgabe).

Nach 39 Tagen Belagerung ist der Nervenkrieg um die Geburtskirche in Bethlehem vergangenen Freitag zu Ende gegangen. Die Fotografin Carolyn Cole hatte es bereits am 2. Mai geschafft, zusammen mit einigen Friedensaktivisten ins Innere zu kommen. Jetzt lieferte sie uns exklusive Bilder, die zeigen, wie es dort wirklich aussah; stern-Reporter Uli Rauss beobachtete das Geschehen seit drei Wochen von außen. Er sprach mit Mönchen und Bischöfen, telefonierte mit Eingeschlossenen und befragte Freigelassene. Der Bericht beginnt auf Seite 26 (in der Printausgabe).

Herzlichst Ihr Thomas Osterkorn


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