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Editorial: Metalldetektoren vor der Schule?

Liebe stern-Leser! Es ist vorbei mit dem Selbstbetrug. Der Massenmord von Erfurt nimmt uns für alle Zeit

Liebe stern-Leser! Es ist vorbei mit dem Selbstbetrug. Der Massenmord von Erfurt nimmt uns für alle Zeit die Illusion, etwas so unfassbar Grausiges könne nur in Amerika passieren. Bis vorigen Freitag war Littleton, wo 1999 zwei Jugendliche zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen hatten, beruhigend weit weg. In Colorado, in einem Land, wo Trommelrevolver beinahe so selbstverständlich über den Verkaufstresen gereicht werden wie ein Big Mäc. Nun gibt es ein deutsches Littleton. 16 Menschen hat der 19-jährige Robert Steinhäuser in seinem ehemaligen Gymnasium erschossen, ehe er sich selbst tötete. So viel mörderischer Hass in einem jungen Menschen ist uns wohl allen unbegreiflich. So unbegreiflich wie die Tatsache, dass offenbar niemand etwas davon bemerkt hat. Wir Eltern schicken unsere Kinder jeden Morgen mit dem guten Gefühl in die Schule, sie mittags wohlbehalten wieder am Küchentisch zu sehen. Vielleicht ein bisschen klüger, vielleicht mit einer Fünf in Mathe. Grausamkeiten? Die kommen, machen wir uns vor, im schulischen Umfeld nur in den Geschichtsbüchern vor. Ein naiver Glaube. Nach dem ersten Schock bricht nun, wie in allen Ländern nach solchen furchtbaren Ereignissen, eine „Was ist los in dieser Gesellschaft“-Diskussion auf. Über Werte, Elternhäuser und Schutzmaßnahmen wird debattiert. Innenminister Otto Schily weist auf „Aggressionshandlungen“ hin, die Jugendliche „in der virtuellen Welt kennen lernen“, und Edmund Stoiber verlangt ein Verbot von Killerspielen. Alles nicht ganz falsch, auch im Fall Steinhäuser, der wie Tausende andere Jugendliche mit abartigen Ballerspielen das Töten übte. Aber die Frage, wodurch die Persönlichkeit dieses gescheiterten Gymnasiasten so deformiert wurde, dass er zum Massenmörder werden konnte, ist kaum zu beantworten. Es bleibt ein Geflecht aus Mutmaßungen. Eines jedoch gilt unter Psychologen als gesichert: Die Bereitschaft, sich selbst zu töten, wächst bei Amokläufern meist lange vor dem Entschluss, andere zu töten. Wie bei diesem 19-Jährigen, der sein Leben für aussichtslos hält, aber nicht als einer von jährlich zirka 11000 ungenannten Selbstmördern aus der Welt gehen mag. Robert Steinhäuser wollte spektakuläre Rache. Die Grundlage dafür war Hass, die Choreografie für dessen Entladung möglicherweise vorgegeben in virtuellen Horrorwelten. Die Kenntnis und die Waffen für die Tat hatte der junge Mann im Schützenverein ganz legal erworben. Wo also ansetzen? Keine Computerspiele mehr mit Waffen? Erst ab 30 in den Schützenverein? Nein. Das gesellschaftliche Problem an dieser Tat ist, dass hier ein verzweifelter Mensch zu glauben schien, nur durch eine derart monströse Bluttat an einem friedlichen Ort auf sich aufmerksam machen zu können. Will ich deshalb, dass meine Kinder jeden Morgen durch Metalldetektoren ins Schulgebäude schlüpfen? Ich glaube, dass sie dann nicht mehr unbekümmert in die Schule gehen könnten. Ich möchte das nicht! Bluttaten wie in Erfurt wird man nie ausschließen können. Aber der Fall zeigt, wie wichtig es ist, unsere Kinder aufmerksam und liebevoll zu begleiten – gerade dann, wenn sie Schwächen zeigen.

Herzlichst Ihr Andreas Petzold