Erfurter Schulmassaker "Werden Sie liebevolle Eltern"


Auch fünf Jahre nach dem Schulmassaker sind noch immer 26 Schüler des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums in ärztlicher Behandlung. Mit einem eindringlichen Appell erinnerte Schulleiterin Christiane Alt an die Opfer des Amoklaufs.

Fünf Jahre nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium haben rund 1000 Menschen der Opfer gedacht. Schulleiterin Christiane Alt erinnerte vor dem Gebäude an die zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und einen Polizisten, die der 19-jährige ehemalige Schüler Robert Steinhäuser am 26. April 2002 tötete, bevor er sich selbst erschoss. Noch immer sind laut einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus" 26 Opfer in psychologischer Behandlung. Bisher habe die Thüringer Unfallkasse rund 4,7 Millionen Euro ausgegeben. Die Schule wurde nach dem Blutbad mit zehn Millionen Euro vom Bund renoviert.

Viele Lehrer und Schüler waren tief bewegt

Die Gedenkveranstaltung begann um 10.45 Uhr begonnen - zu der Zeit, als die ersten Schüsse fielen. Viele Lehrer und Schüler, die das Geschehen hautnah erlebten, waren tief bewegt, als die Schulleiterin ihre Verbundenheit mit den Opfern sinnloser Gewalt zum Ausdruck brachte. Angesichts des jüngsten Amoklaufs von Blacksburg äußerte sie ihr Entsetzen und Mitgefühl für die Angehörigen. Alt wandte sich direkt an die Abiturienten und sagte: "Werden Sie liebevolle, wachsame Eltern! Engagieren Sie sich, helfen Sie mit, dass Eltern ihre Kinder angstfrei in die Schule schicken können, ohne fürchten zu müssen, dass sie ihr Leben verlieren."

Nach einer Schweigeminute für alle Opfer von Gewalt legten Schüler und Lehrer Blumen vor der Gedenktafel nieder. In den Fenstern, an denen Schüler am 26. April in ihrer Todesangst Zettel mit der Aufschrift "Hilfe!" anbrachten, waren die Worte zu lesen: "Wir gedenken". Zum Jahrestag des Amoklaufs hatten Politiker, Kirchenvertreter und Verbände weitere Konsequenzen gefordert. Der Deutsche Lehrerverband kritisierte die nach seiner Ansicht voranschreitende Verherrlichung von Gewalt in den Medien.

Verbandspräsident Josef Kraus forderte einen Anti-Gewalt-Gipfel auf höchster Ebene wie 1993. Alle damaligen Überlegungen seien im Sande verlaufen, kritisierte er. Seither seien 20 Menschen in deutschen Schulen gewaltsam ums Leben gekommen. Politik, Medien, Jugendarbeit und Elternhäuser müssten für ein Frühwarnsystem sorgen. Die Heranwachsenden seien in Videos, Computerspielen und im Fernsehen einem Bombardement an Gewalt ausgesetzt, dessen Wirkungen unterschätzt würden.

Der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Christoph Kähler, forderte den Ausbau eines Netzes von Schulpsychologen und Schulsozialarbeitern. Der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein sagte, es müsse mehr getan werden, damit Schüler lernten, Konflikte gewaltfrei zu bewältigen.

Jochen Wiesigel/AP AP

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