Amokläufer "Blinde Wut, die nur zerstören will"


Was treibt Amokläufer zu ihren Taten an? Ein Psychotherapeut erläutert bei stern.de, wie aufgestaute Wut, soziale Isolation und Selbstmordgedanken junge Menschen zu Mördern machen.

Herr Wedler, was kann eine Tat wie den Amoklauf an der Schule in Emsdetten auslösen?

Amokläufer - soweit man sie kennen gelernt hat oder es nachträglich erforschen konnte - leiden an einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung: Sie finden einfach kein Ventil für ihre enorme Aggression. Es ist eine Aggression, die sich gegen sich selbst richtet, aber auch Personen im Umfeld einschließt.

Wie entsteht diese Aggression?

Es gibt Hinweise darauf, dass es genetische Grundlagen für Aggression gibt. Eine viel größere Rolle spielt jedoch die Entwicklung in der Kindheit: Wachsen die Täter in einem strengen, autoritären Umfeld auf, in dem Aggressionen strikt unterbunden werden, oder wird ihnen beigebracht, wie sie mit Aggressionen umgehen können? Außerdem sind die Täter oft Einzelgänger. Sie separieren sich zunächst bewusst von der sie umgebenden Gruppe, wenden sich gegen sie...

... das beginnt offenbar schon mit der Kleidung. Wie Robert Steinhäuser und die Täter beim Schulmassaker von Littleton kleidete sich der Amokläufer von Emsdetten immer ganz in schwarz.

Ja, das ist ein Statement: "Ich bin anders! Ich bin nicht wie andere Jugendliche, bunt und aktiv. Ich ziehe mich zurück aus deren Welt und mache das durch mein Äußeres kenntlich." Das Resultat ist, dass man sie daraufhin wie Außenseiter und Sündenböcke behandelt. Und sind sie erst einmal in eine solche Rolle hineingedrängt, können sie ihre Aggressionen und Gefühle nicht mehr in einer sozial verträglichen Form innerhalb der Gruppe ausleben: ein Teufelskreis.

Der aber sicherlich nicht immer in den Amoklauf führt.

Nicht zwangsläufig. Aber es besteht die reale Gefahr, dass die soziale Isolation und die aufgestaute Aggression entweder in den Suizid führen - dabei richtet der Täter die Aggression allein gegen sich selbst. Oder in den Amoklauf - dabei richtet er sie gleichzeitig in extremer Form nach außen, eben gegen Menschen aus seinem Umfeld. Man spricht hier auch von einem "erweiterten Suizid".

Sie sprechen von "erweitertem Suizid", und tatsächlich enden die meisten Amokläufe mit dem Selbstmord des Täters. Ist er das eigentliche Ziel der Tat?

Bei einem Fall wie in Emsdetten ist der Suizidgedanke der primäre. Nahezu jeder Jugendliche macht irgendwann die Erfahrung, dass er am Sinn des Lebens zweifelt. Wenn dann eine Krise dazu kommt, kommt das Ganze zur Explosion. Außerdem geht es dabei aber immer auch um Macht. In seiner Selbsteinschätzung ist ein Amokläufer der Größte, ein verkanntes Genie. Doch von seiner Umwelt wird er immer wieder abgelehnt und zurückgewiesen. Dadurch entsteht eine dauerhafte Kränkung; das kann dazu führen, dass er sich sagt: "Ich bin der Größte - und das werde ich denen da draußen schon zeigen."

Das klingt nach kühler Planung und Berechnung. Inwieweit ist denn der Amokläufer auch noch während seiner Tat klar im Kopf?

Er wird dabei förmlich von Gefühlen überschwemmt: Rache, Gewalt, blinde Wut, die nur noch zerstören will. Dadurch kommt es zu völlig unkontrollierten Handlungen. Zwar werden in manchen Fällen Personen, gegen die sich eine besondere Wut richtet, zur Zielscheibe - aber meist ist es ein blindes Um-Sich-Wüten.

Wenn ich es einem solchen wütenden jungen Menschen zu tun habe - wie kann ich denn verhindern, dass er womöglich irgendwann zum Amokläufer wird?

Diese Menschen lehnen es gewöhnlich strikt ab, sich helfen zu lassen, gar von einem Psychologen. Das widerspricht ihrem Selbstbild als verkannte Genies. Dennoch sollte man nicht aufgeben, wenn sie einen hochmütig abblitzen lassen, sondern dranbleiben, den Kontakt suchen, sich besorgt zeigen. Mit ihnen sprechen oder allein schon mit ihnen zusammen zu sein, verringert die Gefahr erheblich.

Der Psychotherapeut Hans Wedler ist einer der Herausgeber des Buchs "Terroristen-Suizide und Amok". Er arbeitet im Nationalen Suizid Präventionsprogramm mit und ist Mit-Herausgeber der Zeitschrift Suizidprophylaxe.

Interview: Angelika Unger

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