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Pro und Contra: Müssen "Killerspiele" verboten werden?

Nach den schrecklichen Ereignissen von Emsdetten lautet die Forderung vieler Politiker und Experten, dass "Killerspiele" endgültig verboten werden müssen. Ein Allheilmittel? Oder verfehlt man mit dem Verbot das eigentliche Grundproblem? Zwei Meinungen von stern.de-Redakteuren.

Killerspiele gehören verboten!

Die Macher von Computerspielen sind wahrscheinlich in weiten Teilen dumpf, gewaltverherrlichend und fantasiefrei. Anders sind einige Ballerspiele nicht zu erklären.

Beim Durchblättern eines beliebigen Videospielmagazins wird eines schnell klar: Hauptspielprinzip der meisten Spiele heißt "Überleben durch Töten". Nur wer schneller schießt, besser trifft und Sprengfallen cleverer platziert, kommt weiter. Dieses Killerspiel-Prinzip ist in der noch jungen Geschichte der Computerspiele uralt. Selbst der modernste Egoshooter bedient sich der gleichen Mechanismen wie das 25 Jahre alte "Pac Man", bei dem der Spieler in einem Labyrinth Geister fressen musste oder selbst gefressen wurde.

Gehört Meucheln also zum Spiel? Ist alles halb so wild? Keineswegs. Seit "Pac Man" nutzen die Macher von Ballerspielen die technischen Möglichkeiten fast ausschließlich zur realitätsnahen Darstellung der Umgebung sowie des Tötens und des Sterbens. Auf eine Weiterentwicklung der Spielidee kommen die Designer nur in ganz wenigen Fällen. Was ein Vierteljahrhundert nach "Pac Man" zum Teil als "Spiel" geboten wird, erscheint selbst manchem Spieler widerlich und ist Nicht-Spielern ohnehin kaum mehr vermittelbar.

Klaviatur des Grauens

Mit den aktuellen "Killer-Titeln" der vergangenen beiden Jahre kann der geneigte Spieler seinen virtuellen Gegner wahlweise erstechen, verbrennen, mit Schrotgeschossen und Granaten zum Zerplatzen bringen, mit einer Klaviersaite erdrosseln, das Genick brechen, vergiften, überfahren, mit Motorsägen oder Kreissägeblättern zerhacken, mit Stahlnägeln an der Wand "fixieren" oder schlicht zu Tode prügeln. Einige Spiele zelebrieren den Tod des Gegners gar in Zeitlupe. Von der Wucht der Geschosse fliegen Körper davon, knicken in der Mitte zusammen, reißen die Arme nach hinten, sinken auf die Knie, um dann langsam mit dem Oberkörper auf den Boden zu fallen.

Die spielerisch sinnlose Darstellung geht einher mit der Konditionierung der Spieler zum Kopfschuss. Mit der modernen Computergrafik lässt sich der Gegner sehr genau in Trefferzonen einteilen. Es gibt aber keine Punkte für einen Schuss ins Bein oder in die Hand. Nur der "tödliche" Kopfschuss wird belohnt. Der Spieler riskiert keinen Gegentreffer und spart gleichzeitig Munition. Ein Ballerspiel sieht keine Verletzten vor, obwohl es technisch ein Leichtes wäre. Der Kill als einzige Problemlösung. In einigen Fällen sogar Gewalt gegen Unbeteiligte und Konkurrenten als Mittel, um Ruhm, Macht und Geld im Spiel zu erlagen.

Versagen auf ganzer Linie

Vielleicht wäre es halbwegs erträglich, wenn eine spannende Geschichte der Brutalität eine gewisse Plausibilität verleihen würde. Doch gerade bei der Handlung versagt das junge Medium auf ganzer Linie. Hollywood erzählt Geschichten, die der Filmbranche nacheifernden Spiele haben es bisher nicht geschafft.

Und da wundert es die Branche und ihre Kunden noch, von Politikern und Pädagogen an den Pranger gestellt zu werden? Eine erstaunliche Naivität. Die Spieleverlage sollten sich selbst einen Dienst erweisen und einige Spiele erst gar nicht auf den deutschen Markt bringen. Besser noch: Erst gar nicht in Auftrag geben.

Ein Kommentar von Henry Lübberstedt

Ein Verbot ist sinnlos! Warum? Das lesen Sie auf der Folgeseite.

Ein Verbot löst nicht das Grundproblem!

Ein 18-jähriger hatte gestern Morgen mit Rohrbomben und vier Gewehren die Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten überfallen und wahllos um sich geschossen. Ein schreckliches Ereignis, welches betroffen macht.

Erschreckend war aber auch, wie Teile der Medien, Politiker und Experten direkt nach der Tat reagierten:

"Durch Computerspiel zum Amokläufer?"

Was die ARD noch in Frageform titelte, war für andere längst Fakt - ohne auch nur ansatzweise die Hintergründe der Tat zu beleuchten, hatten viele Politer und Journalisten den Schuldigen bereits gefunden. Computerspiele. Ein immer wiederkehrender Mechanismus setzte ein. Genau wie vor vier Jahren, als Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen tötete.

Déjà-vu

Und wie im Fall Steinhäuser war zunächst kaum etwas davon zu hören, dass der Amokläufer ein Einzelgänger war, der offenbar von seiner Umwelt nicht ernst genommen wurde. Der scharfe Schusswaffen besaß, mit Sprengfallen und Sprengstoff spielte. Der die Tat offensichtlich bereits vor Jahren in einschlägigen Internetforen angekündigt hatte. Und nur wenige sprachen von der Verantwortung der Schule oder der Eltern.

Die Experten machten sich die Ursachenforschung einfach. Gewohnt populistisch und undifferenziert wird die schreckliche Tat durch das Freizeitverhalten des Jungen erklärt. Gewalt in Medien wirke sich negativ auf deren Konsumenten aus, ist überall zu hören und zu lesen. Sie soll Sebastian B. zu einem eiskalten Killer gemacht haben. Zu einem Menschen, der sich und eine gesamte Schule in die Luft sprengen wollte.

Dabei ist eine direkte Wechselwirkung rein wissenschaftlich nur bedingt erwiesen. "In den ersten 20 Minuten nach dem Konsum eines gewalthaltigen Videospiels wird die Welt feindseliger assoziiert und prosoziales Verhalten abgebaut", sagte Dr. Tilo Hartmann, Medienforscher an der University of Southern California, jüngst auf einer internationalen Fachtagung für Computerspiele. Über die langfristigen Auswirkungen könne derzeit dagegen keine verlässliche Aussage getroffen werden.

Vorbehalt hat Geschichte

Doch warum geraten Videospiele dann immer wieder ins Visier von Politikern und Experten? Im Grundsatz ist die Diskussion ein alter Hut. Egal ob Rock 'n' Roll, Fernsehen oder Comics - junge Medien oder Unterhaltungsformen hatten schon immer einen schweren Stand in der Geschichte der Menschheit. Sogar die Schrift wurde 400 vor Christus vom griechischen Philosophen Platon scharf kritisiert. Sie schädige seiner Ansicht nach das Gedächtnis und reduziere zudem die Fähigkeit der Kommunikation auf ein Minimum. Zum Glück setzte er sich mit seiner Meinung nicht durch...

Verbot als Allheilmittel für Perspektivlosigkeit

Jetzt wird also erneut ein Verbot gewaltverherrlichender Spiele gefordert. Sicher, über die Sinnhaftigkeit solcher Games kann im Grundsatz diskutiert werden. Doch es ist mehr als fraglich, ob eine solche Maßnahme das schreckliche Handeln eines verzweifelten jungen Mannes verhindert hätte. In seinem Abschiedsbrief macht Sebastian B. deutlich, dass es der gesellschaftliche Druck war, der ihn in die Tat getrieben hat: Ängste vor der Zukunft, Leistungsdruck, Geldnot, Einsamkeit. Es sind also wesentlich komplexere Zusammenhänge, die hier zu Gewalt und Aggression geführt haben. Ein Verbot von "Killerspielen" wäre also purer Aktionismus.

Der Fall macht einmal mehr erschreckend deutlich, woran es jungen Menschen häufig fehlt: ein Umfeld, welches sich für ihren Alltag interessiert. Sie auffängt, aufbaut, erzieht und sie umsorgt. Würden Pädagogen und Eltern dazu noch über die entsprechende Medienkompetenz verfügen und diese an die Kids weitergeben, hätten gewaltverherrlichende Games auf dem Markt vermutlich schon bald von alleine ausgespielt.

Ein Kommentar von Udo Lewalter

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