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Jugendschutz bei Videospielen: Der "Killerspiel"-Prüfer

Über die Altersfreigaben von Computerspielen wird nach dem Amoklauf von Winnenden immer noch heftig gestritten. Zuständig ist die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle. Aber wer genau entscheidet dort? Manfred Eichhorst ist einer der Gutachter. Nach Amokläufen regt er sich oft auf.

Von Johannes Gernert

Einmal kam dieser Junge zu Manfred Eichhorst und wollte wissen, warum er das Computerspiel "Doom 2" nicht kaufen könne. Der Junge war 16 Jahre alt, er hatte den Ego-Shooter bei einem Freund gespielt, der schon 18 war. Der Junge konnte nicht ganz nachvollziehen, warum sein Freund das Spiel spielen durfte, er aber nicht.

Eichhorst hat ihm die Frage ziemlich genau beantwortet. Es ist etwas, womit sich wenige besser auskennen als er. Seit knapp 20 Jahren arbeitet der Pädagoge in einem Ostberliner Jugendtreff. Seit 15 Jahren sitzt er als Gutachter in einem Gremium namens Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), das genau darüber entscheidet: Welche Altersfreigabe bekommt ein bestimmtes Computerspiel? Es ist eine Frage, die jetzt wieder aufgeregt diskutiert wird - weil auch der Amokläufer von Winnenden Ego-Shooter gespielt hat.

Gemäß Jugendschutzgesetz darf Jugendlichen in der Öffentlichkeit ein Spiel nur dann zugänglich gemacht werden, wenn es für die entsprechende Altersstufe freigegeben und gekennzeichnet ist. Eine verschärfte Regelung gilt für Spiele ohne Jugendfreigabe ("ab 18"). Solche dürfen nur in geschlossenen Verkaufsräumen angeboten werden. Über den Versandhandel ist der Vertrieb nur nach vorheriger Altersverifikation erlaubt.

Die Hauptaufgabe bei "Doom 2", hat Manfred Eichhorst dem Jungen damals gesagt, besteht darin Menschen und Monster zu töten. Das Ganze auch noch in einer finsteren, düsteren Atmosphäre. Deshalb müsse man 18 Jahre alt sein, um das alles als Spieler verarbeiten zu können. "Aber es schadet mir doch nicht", erwiderte der Junge. Dir vielleicht nicht, sagte Eichhorst, möglicherweise aber anderen in deinem Alter.

Es gibt keine Prototypen für Menschen

Es ist keine leichte Aufgabe, die die Tester und Gutachter der USK zu erledigen haben. Eichhorst kennt die Bestimmungen im Jugendschutzgesetz. Er weiß, was ein "12er", ein "16er" und ein "18er" ist. So nennt er die verschiedenen Freigabestufen, die sich auf das Alter beziehen. Es gibt aber keinen Prototypen des 16-Jährigen oder des 18-Jährigen. "Es ist nicht gesagt, dass jeder 16-Jährige so damit umgeht, wie wir es annehmen", sagt Eichhorst.

Alle zwei Monate fährt er zu einer Prüfungssitzung bei der USK. Zu dem Termin kommen auch drei andere Gutachter aus unterschiedlichen Bundesländern, die alle mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Ein Tester führt Abenteuerspiele, Simulationen oder Shooter vor, erklärt den Ablauf und zeigt entscheidende Szenen. Er hat sie komplett durchgespielt. Wenn mehrere Spieler mitmachen können, probieren es auch die Gutachter aus. Um die 70 Spiele sieht Eichhorst so jedes Jahr an. Höchstens fünf davon seien solche, die manche "Killerspiele" nennen. Insgesamt hat die USK im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 2960 Prüfungen vorgenommen.

Manfred Eichhorst ist ein großer, runder und ruhiger Mann, mit grauen Locken und einem Vollbart. Bis zur Wende war er Lehrer für Erdkunde und Mathe, anschließend kam er in das Jugendzentrum. Er spricht meist sehr leise, aber wenn es um das Team-Ballerspiel "Counterstrike" und Amokläufe geht, dann wird er etwas lauter, wirft die Hände in die Luft und knallt seine Faust auf den Holztisch. Hinter ihm, an einer Reihe Computer, sitzen zwei Jungs und lassen eine Comic-Figur über den Bildschirm rennen.

Erst kommt "Counterstrike", dann kommt die USK, sagt Eichhorst. "'Killerspiele' verbieten", fordern Politiker. Und strengere Freigaben, die Selbstkontrolle ist ihnen zu lasch. Es sei nach jedem Amoklauf dasselbe, sagt Eichhorst. Es ist ihm zu einfach. Der Pädagoge kennt das Kontrollsystem seit 15 Jahren, und er glaubt daran. Er hat miterlebt, wie die Zahl der Gutachter gewachsen ist, wie die Jugendschutzgesetze nach dem Amoklauf von Erfurt verschärft wurden.

Er hat auch immer wieder die Kritik gehört, dass die USK auf dem Schoß der Industrie sitze, dass die Hersteller die Spiele mit der Kontrolleinrichtung abstimmen würden. Aber für ihn ist die Sache klar: "Es gibt Indizierungsgründe. Damit ist eindeutig, was indiziert wird und was nicht indiziert wird." (Details zur Indizierung im Kasten).

Wenn Blut grün wird

Wenn rote Pixel über den Bildschirm spritzen, dann kann das vielleicht noch als "Treffersymbol" durchgehen. Wenn neben einer Leiche eine Blutlache liegt, dann ist die Sache wesentlich klarer. Es gibt ausländische Produzenten, die das Blut für den deutschen Markt grün oder blau einfärben. Eichhorst lacht, er hat das schon gesehen, aber damit kämen sie doch nicht durch.

Der niedersächsische Forscher Christian Pfeiffer hat gerade wieder gefordert, dass das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" erst ab 18 freigegeben wird, wegen möglicher Suchtgefahr. Eichhorst kennt "World of Warcraft", eine speziell angepasste Version ohne Verbindung zum Internet ist auf einigen Rechnern im Jugendzentrum installiert, sodass im lokalen Netzwerk gespielt werden kann. "Es ist eindeutig zu erkennen, dass es eine Fiktion ist", sagt Eichhorst. Kein Bezug zur Realität. Es wäre nicht mal "'ne 16" gewährleistet, stellt er fest. Man muss nicht alle Gegner eliminieren, Blut sei nur "Treffersymbolik". Keine abgetrennten Extremitäten, also keine Splatter-Effekte. Gegen "'ne 18" spreche wirklich alles.

Die Kritiker würden jetzt entgegnen, dass man dann eben ein schärferes Instrumentarium brauche. "Es ist alles festgeklopft", sagt Eichhorst, "per Jugendschutzgesetz, und da muss man nicht drangehen." Er hat sich angewöhnt, die Dinge differenziert zu sehen - in ihrem gesetzlichen Rahmen. Manfred Eichhorst, der eine Xbox 360 besitzt und sich am Computer am liebsten mit Strategiespielen ablenkt, betrachtet das alles mit einer gewissen Gelassenheit.

Die Geschichte mit dem Kampfspiel

Damit nicht der Eindruck entsteht, es werde bei der USK alles durchgewunken, erzählt er die Geschichte von diesem Kampfspiel. Kürzlich mussten sie darüber befinden. Ein Spielehersteller hatte es eingereicht, das ist das übliche Verfahren. Die Firmen bezahlen dafür. Der Hersteller wollte "'ne 12". In einem Trailer war aber zu sehen, wie einem Kämpfer ein Zahn aus dem Mund flog, ein anderer hatte einen blutüberströmten Kopf und hat trotzdem weitergekämpft. Das Spiel bekam "'ne 18". Der Hersteller gab sich nicht damit zufrieden. Also mussten andere Gutachter jetzt noch einmal entscheiden. Berufung. Auch das ist möglich. Die Entscheidung war dann dieselbe. Ab 18.

Manfred Eichhorst sagt, dass sich seine Einstellung nach den Amokläufen nicht geändert habe, nicht nach Erfurt, nicht nach Emsdetten und auch nicht nach Winnenden. Er betrachte die Ego-Shooter nicht anders, wenn er bei der USK sitzt. Er kennt die Regeln, er hält sie für richtig.

Mindestens so wichtig wie die "12er", "16er" und "18er" erscheint ihm ohnehin, wie die Eltern mit ihren Kindern umgehen, was die von ihnen wissen. Hinter ihm stehen die Jungs vom Rechner auf, nach 45 Minuten hat sich eine Sperre eingeschaltet, mehr dürfen sie pro Tag hier nicht spielen. Sie gehen zum Billardtisch. Auf so etwas zu achten, scheint Eichhorst entscheidender, als das USK-Kontrollsystem zu hinterfragen.

Und auch Testkäufe, wie sie die Familienministerin von der Leyen vorgeschlagen hat, hält er für wenig sinnvoll. Oft würden Eltern oder Großeltern solche Spiele kaufen, "trotz Sticker vorne drauf, in entsprechenden Signalfarben. Sie wissen manchmal gar nicht, was 'keine Jugendfreigabe' bedeutet."