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Gewaltdarstellung im Kino: Faustschläge mit guter Botschaft

Nach den Morden von Winnenden wird wieder über "Killerspiele" und Gewaltdarstellungen im Kino diskutiert. Am Beispiel des durchaus brutalen Films "The Wrestler" hat stern.de bei der Freiwilligen Selbstkontrolle nachgefragt, wer, wann und mit wem ins Kino gehen sollte.

Von Ulrike Schäfer

Sonntag, 18.30 Uhr. In einem Hamburger Kino läuft "Der Wrestler" mit Mickey Rourke in der Hauptrolle. Ein Film mit zahlreichen exzessiven Gewaltszenen. Rourke spielt den alternden Wrestling-Star Randy "The Ram", der sich im Ring von seinen Kollegen übel zurichten lässt. Mit einem Tacker werden ihm Metallklammern ins Fleisch gejagt, sein Kopf immer wieder gegen den Pfosten in der Ringecke gerammt, bis das Blut spritzt. Auch er selbst geht alles andere als zimperlich mit seinen Gegnern um, bearbeitet sie mit Stühlen oder einer Beinprothese. Seine Spezialität: Zum Ende eines jeden Kampfes stellt er sich auf die Ringbegrenzung und lässt sich mit seinem ganzen Körpergewicht auf den am Boden liegenden Gegner fallen - "Ram Jam" nennt sich die Showeinlage, bei der das Publikum begeistert jubelt.

Im Film ist auch zu sehen, wie Randy seine Hand in eine Fleisch-Schneidemaschine hält und sich das Blut anschließend ins Gesicht schmiert, wie er sich mit einem Rasiermesser die Stirn aufschlitzt, auf einer öffentlichen Toilette Kokain schnupft und Sex mit einem Groupie hat. Oder wie er sich nach einem besonders harten Kampf übergibt und einen Herzinfarkt erleidet. Kurz: Die Zuschauer werden Zeuge, wie sich die Hauptfigur des Films systematisch zugrunde richtet.

"Der Wrestler" ist ab zwölf Jahren freigegeben. Im Kinosaal sitzen aber auch Kinder, die deutlich jünger aussehen. Der Gesetzgeber gibt dafür grünes Licht: Die Regel der "elterlichen Begleitung" (Parental Guidance) erlaubt es Erziehungsberechtigten, ihre Kinder in Filme mit einer Altersbegrenzung ab zwölf mitzunehmen, auch wenn die Kinder erst sechs Jahre oder älter sind. Anlass genug, mal nachzufragen, wie die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), die für die Prüfung und Kennzeichnung von Medienträgern zuständig ist, über diese Regelung denkt und wie sie zu ihrer Entscheidung zur Altersfreigaben kommt. Stern.de sprach dazu mit Sabine Seifert, ständige Vertreterin der Obersten Landesjugendbehörden bei der FSK.

Frau Seifert, den Film "Der Wrestler" dürfen sich bereits zwölfjährige Kinder ansehen, obwohl er vor Brutalität nur so strotzt. Sie saßen mit im Prüfungsausschuss: Warum eignet sich dieser Film Ihrer Meinung nach schon für Kinder dieses Alters?

Natürlich lag unser Hauptaugenmerk bei der Jugendfreigabe auf den brutalen Wrestling-Szenen. Normalerweise geben wir solche Szenen für Zwölfjährige nicht frei, wenn sie isoliert und ohne weiteren Kontext gezeigt werden. Denn in diesem Fall könnten sie Gewalt verharmlosen oder verrohend wirken. Im konkreten Zusammenhang transportiert der Film aber eine ganz andere Botschaft: Er dreht die Befürchtung genau um und zeigt, wie der Hauptdarsteller an diesem schrecklichen Geschäft scheitert, welche Schmerzen er hat, obwohl eigentlich alles nur eine Show sein soll. Er ist süchtig nach der Bühne, obschon ihm dort so hart zugesetzt wird. Denn die für ihn schlimmsten Verletzungen, die seelischen, werden ihm im wahren Leben zugefügt. Wir fanden, dass diese Tragik auch für Zwölfjährige ganz deutlich wird. Man empfindet Mitleid für die Figur und auch eine gewisse Abscheu gegenüber dem Umgang mit Gewalt in dieser Branche. Es geht keinerlei Faszination von dieser Art der Betätigung und von dieser Gewalt aus. Sondern auch der jüngere Zuschauer wird eine ablehnende Haltung dazu entwickeln.

Ist es nicht für ein Kind eine ziemliche Herausforderung, einer durchaus liebenswerten Figur dabei zuzusehen, wie sie sich selbst zerstört - zumal es nicht einmal einen positiven Schluss gibt?

Jugendliche ab zwölf sind in der Lage, einen Film von Anfang bis Ende zu verfolgen. Kleinere Kinder sind dazu unter Umständen nicht fähig, steigen irgendwann aus und bekommen den gesamten Zusammenhang des Films gar nicht mehr mit. Zwölfjährige dagegen können komplexe Zusammenhänge verstehen, sich damit auseinander setzen und eine eigene Position dazu finden. Natürlich wird der Film einen Zwölfjährigen treffen und nachdenklich machen. Er ist keine leichte Kost, keine Komödie, er wird niemanden erheitern. Aber es ist auch nicht die Aufgabe der FSK, nur Filme auszusuchen, die Kinder heiter und mit sonnigem Gemüt entlassen. Vielmehr haben wir zu fragen, ob ein Film die Kinder nachhaltig beeinträchtigen kann. Und das ist beim "Wrestler" unserer Meinung nach für Zuschauer ab zwölf nicht der Fall. Im Gegenteil: Er bringt sogar noch die Botschaft rüber, dass diese Form der Gewalt und des verharmlosenden Umgangs mit Gewalt Menschen ruinieren kann. Das fanden wir fast schon zuträglich.

In den Einstufungskriterien der FSK wird explizit darauf hingewiesen, wie wichtig eine positive Auflösung zum Ende eines Films für Kinder ist. Die gibt es hier aber nicht.

Diese Forderung bezieht sich auf Filme für kleinere Kinder. Zwölfjährige sind schon in der Lage, ein nachdenklich machendes Ende zu verarbeiten. Zumal in diesem Film ja offen bleibt, wie es wirklich ausgeht: Der Zuschauer erfährt nicht, was nach dem Schlussbild kommt, wie der Sprung des Wrestlers in den Ring enden wird. Der Film bietet uns kein Happy-End, aber er erschüttert uns auch nicht mit dem Tod der Hauptfigur. Ich denke, mit dieser Form können Zwölfjährige gut umgehen.

Der Film enthält auch eine Sexszene mit einem Wrestler-Groupie auf einer Toilette. Zuvor schnupfen die Beiden Kokain. Laut den Regularien der FSK sind solche Inhalte eigentlich erst ab 16 freigegeben.

Das lässt sich so linear nicht sagen. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Was können Jugendliche des betreffenden Alters verarbeiten. Die Sexszene ist nicht so derb und drastisch, dass man sagen könnte: Zwölfjährige werden hier mit Bildern von Sexualität konfrontiert, die sie völlig überfordern. Zudem macht der Kontext deutlich, dass diese Form der Sexualität der Figur geschadet hat. Denn durch den Exzess scheitert die Wiederaufnahme einer guten Beziehung zwischen der Hauptfigur und seiner Tochter. Die Sexszene hat nichts Faszinierendes, sondern stößt den Zuschauer eher ab. Natürlich befinden sich Zwölfjährige noch in der Findungsphase, und die Szenen sollten ihnen keine Angst machen vor Sexualität. Aber der Film macht doch deutlich, dass die Hauptfigur in allen Lebensbereichen ganz außergewöhnliche, drastische Wege geht und dass auch sein Sexleben so zu verstehen ist.

Wie stehen Sie zu der Regelung der "elterlichen Begleitung", die es auch Kindern ab sechs ermöglicht, eigentlich erst ab zwölf freigegebene Filme zu sehen, wenn ihre Eltern sie begleiten?

Der Gesetzgeber hat hier etwas gewagt, was wir mit dem Stichwort "Stärkung der Elternkompetenz" umschreiben. Hintergrund der Regelung ist, dass der Kinosaal sicher einer der am stärksten kontrollierten Räume des öffentlichen Lebens ist.

Die Frage ist, wie streng die Kontrolle von den Kinobetreibern gehandhabt wird.

Natürlich ist auch im Kino eine hundertprozentige Kontrolle nicht möglich. Deswegen gibt es ja im Bereich der schweren Jugendgefährdung auch die Maßgabe, dass ein aus diesem Grund nicht gekennzeichneter Film in den Kinos nicht vorgeführt wird. Bei den Filmen ab zwölf ist es in der Regel so, dass sie keine sozial abträglichen Botschaften beinhalten, dass sie Gewalt nicht verherrlichen und Sexualität nicht in einer für diese Altersgruppe irritierenden Weise vorführen. In diesem Bereich finden wir nur Filme, die im Grunde eine gute, unter Umständen sogar pädagogisch wertvolle Botschaft beinhalten. Darum überlässt der Gesetzgeber hier den Eltern die Entscheidung, ob sie sich den betreffenden Film mit ihren Kindern ansehen oder nicht.

Würden Sie es befürworten, dass sich Kinder ab sechs Jahren den "Wrestler" ansehen?

Nein, für diesen konkreten Film kann ich mich nicht dafür stark machen, dass Eltern mit ihren Kindern, die jünger sind als zwölf Jahre, in diesen Film gehen. Ich persönlich würde es nicht tun. Es gibt aber Filme ab zwölf, die auch für jüngere Kinder eine Bereicherung sein können. Die Eltern sind hier verstärkt gefordert, sich vor Besuch eines Filmes gründlich zu informieren, was auf sie zukommen wird im Kino und sich genau zu überlegen, ob das mit ihren jüngeren Kindern zu machen ist.

Wenn der "Wrestler" für jüngere Kinder nicht geeignet ist, sollte die FSK den Film dann nicht erst ab 16 einstufen, um zu verhindern, dass Eltern ihre Kinder mit hinein nehmen können?

Eine Bevormundung der Eltern hat uns der Gesetzgeber bei der Regelung zur "elterlichen Begleitung" nicht aufgetragen. Wir sind dafür da, zwischen den einzelnen Freigaben zu unterscheiden, und daran müssen wir uns auch halten.

Eine mögliche Lösung für solch zwiespältige Fälle wäre eine Freigaberegelung mit oder ohne "elterliche Begleitung". Ist eine solche Regelung noch im Gespräch?

Ja, es wird rege diskutiert, ob man hier in Zukunft unterscheidet oder nicht. Die Diskussion ist nicht abgeschlossen. Natürlich wird immer wieder beobachtet, dass Eltern bestimmte Filme lieber nicht mit ihren Kindern besuchen sollten und es trotzdem tun. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass es hier zu nennenswert häufigen Fehlentscheidungen von Eltern kommt. Das haben entsprechende Umfragen auch bestätigt. Wenn die Eltern neben ihnen sitzen, empfinden Kinder Filme anders. Der Schutz der Eltern ist dann präsent. Wir müssen positiv anerkennen, dass das funktioniert. Wenn Eltern aber feststellen, dass sie sich in ihrer Einschätzung getäuscht haben, sollten sie den Kinosaal verlassen. Da appelliere ich immer wieder an die Eltern. Denn wir ziehen mit unserer Einstufung nur eine untere Grenze dessen, was beeinträchtigend ist. Es handelt sich keinesfalls um eine Empfehlung.

War das auch der strittige Punkt bei den "Harry Potter"-Filmen, die ab sechs Jahren freigegeben wurden?

Da ist es genau so gewesen. Wir haben keine einzige Zuschrift erhalten, dass ein Kind durch "Harry Potter" wirklich beeinträchtigt gewesen wäre. Vielmehr war es für manche eben nicht der lustige Kinoabend, den man erwartet hatte, sondern die Kinder haben Spannung erfahren, sich vielleicht auch mal erschreckt. Was nicht passieren darf ist, dass die Grenze zur Beeinträchtigung überschritten wird, wenn ein Kind etwa sagt: Das war so schlimm, das vergesse ich mein Leben lang nicht mehr.

Haben Sie auch schon Einstufungen korrigiert?

Ja. Dafür gibt es verschiedene Rechtsmittel, die eingelegt werden können. Einmal von den Antragstellern, die sagen: Wir wollen gerne eine weitergehende Freigabe für den Film. Auf der anderen Seite haben auch die Länder das Recht, einen Film erneut prüfen zu lassen, meistens mit der Maßgabe, die Altersfreigabe hoch zu setzen. Das kam im Jahr 2008 zweimal vor. Einmal wurde die Prüfentscheidung der FSK bestätigt, das andere Mal revidiert. Das war bei dem Film "Keinohrhasen", der von uns zunächst eine Freigabe ab sechs Jahren erhalten hat. Die teilweise obszöne Sprache wurde dann aber als störend empfunden, und die Länder haben appelliert, dass der Film noch einmal gesichtet und geprüft wird. Im Ergebnis wurde der Film dann ab zwölf freigegeben.

Sind die bestehenden Altersgrenzen denn überhaupt noch sinnvoll, oder sollte die Struktur mal erneuert werden? Schließlich hat sich auch unsere Medienwahrnehmung mit den Jahren verändert.

Auch das ist eine immerwährende Diskussion, die wohl in absehbarer Zeit nicht zu einer Veränderung führen wird, weil keine bessere Alternative in Sicht ist. Der Wunsch, veränderte Kompetenzentwicklung in den Altersfreigaben abzubilden, scheitert daran, dass es keine einheitliche Meinung dazu gibt: Soll man Filme ab 14 oder lieber ab 15 freigeben? In der Pädagogik gibt es die unterschiedlichsten Theorien zu diesem Thema, die alle ihre Schwächen haben. Wir sagen: Das bestehende System hat sich über Jahrzehnte etabliert bei den Nutzern, also bei den Eltern und Kindern. So lange es nichts gibt, was wirklich hundertprozentig besser ist, sollten wir das System nicht ändern.