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Editorial: Schröder und die Gelassenheit

Zwei Themen nehmen in diesem Heft etwas breiteren Raum ein, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben: der vierte Teil unserer Psychologie-Serie, in der es um Wut und Aggression geht. Und die Reportage über Gerhard Schröder, der um seine Macht kämpft.

Liebe stern-Leser!

Zwei Themen nehmen in diesem Heft etwas breiteren Raum ein, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben: der vierte Teil unserer Psychologie-Serie, in der es um Wut und Aggression geht. Und die Reportage über Gerhard Schröder, der um seine Macht kämpft.

Liest man die Serie, erscheint das Verhalten des Kanzlers in einem besonderen Licht: Weder wütend noch aggressiv reagiert der Regierungsparteichef auf die Knüppel, die ihm von links und rechts zwischen die Beine geworfen werden, sondern erstaunlich unaufgeregt. Genau damit folgt er dem Leitsatz der modernen Psychologie: Gefühle sind Entscheidungssache! Sie zu kontrollieren ist besser, als ihnen freien Lauf zu lassen.

Die alte Schule ist offenbar auch beim Kanzler passé. Sie propagierte einst das Ausleben von Wut und Frustrationen: Nur wer polternd fordert und mit der Faust auf den Tisch haut, setzt sich durch und überlebt.

Nun hat Schröder zwar deutlich mit Rücktritt gedroht, aber eben eher verhalten in Gestus und Sprache. Und doch hat es gewirkt, wie wir auf dem Sonderparteitag beobachten durften. Was andere als "Erpressung der Partei" geißeln, ist eigentlich nichts weiter als Ausdruck seiner Gelassenheit: Ich kann auch ohne euch, aber ihr könnt nicht ohne mich! Und wenn ihn die Partei in den nächsten Monaten doch noch aus dem Amt jagt - politische Fallen wird es zuhauf geben -, dann geht er halt mit seiner Doris ins Reihenendhaus nach Hannover, um von dort aus zu verfolgen, wie der eingebaute Selbstzerstörungsmechanismus seiner Partei funktioniert.

So lebt es sich schonender: Denn Ärger tut nicht gut, heißt es in der stern-Serie: "Schübe von Adrenalin und Noradrenalin, den hormonellen Treibstoffen der Erregung aus dem Nebennierenmark, steigern Blutfett- und Zuckerwerte, schädigen Herz und Gefäße und erhöhen so das Risiko eines Infarktes oder Schlaganfalls."

Die Partei, die Steinbrücks, die Gewerkschaften und andere notorische Quertreiber werden sich darauf einstellen müssen, dass dieser Kanzler in Zukunft noch gelassener nach dem Allmachtsprinzip Politik machen wird: ich oder ihr! Für ihn ist das gesünder, für das Land vermutlich auch.

Wenn ein Autor für seine Memoiren vorab acht Millionen Dollar erhält, dann muss der Inhalt des Buches entweder sensationell oder der Schreiber wahnsinnig berühmt sein. Im Fall Hillary Clinton trifft eher Letzteres zu. Die Antworten auf die beiden großen Fragen - Was wird sie über Bills Affäre mit Monica Lewinsky schreiben? Will sie Präsidentin werden? - dürften in dem Werk nicht besonders präzise ausfallen.

Als Senatorin arbeitet sie bislang erfolgreich, selbst Republikaner attestieren ihr politische Klasse. stern-Reporter Jan Christoph Wiechmann hat Hillary Clinton bei Auftritten im Staat New York begleitet und sich in ihrem neuen Wohnort Chappaqua umgehört, wo sie mit dem Ex-Präsidenten in einer Villa mit Pool und vier Badezimmern wohnt. Die Demokraten setzen alle Hoffnungen auf sie. Denn Mrs Clinton, schreibt Wiechmann, sei wohl die Einzige, die aus dem Duell mit Bush eine Schlacht machen könnte.

Herzlichst Ihr Andreas Petzold

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