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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Das Weihnachtsgedicht meines Lebens

Blaues Büchlein voller Poesie: "Die 13 Monate" war Erich Kästners letzter Gedichtband 
Blaues Büchlein voller Poesie: "Die 13 Monate" war Erich Kästners letzter Gedichtband 
© privat
Das anstehende Weihnachtsfest wird nicht so unbeschwert und fröhlich sein wie sonst. Und dennoch gibt es gute Gründe, das Leben an sich zu feiern und mit Zutrauen nach vorne zu blicken. Aber auch besinnliches Reflektieren ist nicht verkehrt.

Wenn ich an frühere Weihnachtstage zurückdenke, dann sehe ich immer ganz viel Glanz. Ich höre die kleine goldene Glocke, die erwartungsvolle Kinder mit ihrem hellen Klang ins festlich geschmückte Wohnzimmer ruft. Sie läutet seit meiner eigenen Kindheit einmal im Jahr, für mich ist sie der Soundtrack für Glück.

Eine weitere Tradition in unserer Familie ist das Aufsagen von Gedichten vor der Bescherung. Mein Großvater war Deutschlehrer, mein Vater ist in seine Fußstapfen getreten. Große Literatur und die Schönheit unserer Muttersprache wurden bei uns immer gepflegt, wir Kinder sind damit groß geworden. Deshalb war es auch nie eine Option, am Heiligen Abend kein Gedicht aufzusagen. Mein Vater erinnerte uns spätestens am 4. Advent daran, dass wir uns langsam Gedanken über das Vortragen eines Weihnachtsgedichtes machen sollten. Stillschweigend legte er dann einen Stapel Gedichtbände auf die Anrichte im Flur, jeder von uns drei Geschwistern nahm sich dann irgendwann ein Buch.

Als wir Teenager wurden, begehrten wir auf, wollten statt netter Gedichte lieber den Protestsong eines Liedermachers vortragen. Mein Vater ertrug unser Revoluzzertum mit bewundernswerter Gelassenheit. Er atmete tief durch und wies uns freundlich darauf hin, dass auch der eine oder andere Schriftsteller sich nicht nur verklärend romantisch mit dem Fest und dem nahenden Jahresende auseinandergesetzt hat. Mein alter Herr riet mir, doch mal einen Blick in "Die 13 Monate" von Erich Kästner zu werfen.

Der erfolgreiche Autor gehörte zeitlebens zu den Lieblingsschriftstellern meines Vaters. Alle seine Werke standen sorgsam nebeneinander in seinem Bücherschrank. Ganz außen stand immer "Emil und die Detektive", es war das erste Buch, das mein im Jahr 1934 geborener Vater nach dem Ende des 2. Weltkrieges geschenkt bekam. Das berühmte Jugendbuch von Erich Kästner war 1929 erschienen und wurde später, wie alle seine Bücher, von den Nationalsozialisten verboten. Mein Vater, ein leidenschaftlicher Pazifist, bewunderte den Mut Kästners, denn er war nach Beginn der nationalsozialistischen Diktatur einer der wenigen intellektuellen Gegner des Nazi-Regimes, die in Deutschland blieben, obwohl seine Werke als "undeutsch" verboten und verbrannt wurden.

Trotz aller Repressalien konnte sich der Schöpfer zahlreicher wunderbarer Geschichten wie "Das fliegende Klassenzimmer", "Pünktchen und Anton" oder "Das doppelte Lottchen" unter einem Pseudonym mit Drehbucharbeiten für Unterhaltungsfilme und durch Einnahmen aus der Veröffentlichung seiner Bücher im Ausland über Wasser halten. Nach Kriegsende, vor inzwischen 75 Jahren, war auch für Erich Kästner wieder eine freie publizistische Entfaltung möglich. Er schrieb und schrieb. Auch Gedichte, die mir mein Vater seinerzeit in der Vorweihnachtszeit ans Herz legte.

Der 1955 erschienene Band "Die 13 Monate" gehört für viele zu den schönsten Werken, die Kästner je verfasst hat. Der Autor malt mit wunderbaren Worten das stets wiederkehrende Wunder des Kreislaufs der Natur, schlägt aber auch immer wieder nachdenkliche Töne an. Ich war, als ich das von meinem Vater geerbte blaue Büchlein jetzt wieder einmal zur Hand nahm, begeistert von der Poesie und dem Tiefgang der Verse. Das Gedicht "Der Januar" beginnt mit der Beschreibung des Jahres als neugeborenes Kind. Durch das ganze Werk zieht sich das Motiv des Älterwerdens des Jahres, bis es sich im Dezember schließlich auf den Abschied vorbereitet. Das letzte Gedicht "Der dreizehnte Monat" beschreibt einen fiktiven "Schaltmonat", quasi ein "Best-of" aller anderen Monate.

Der Dezember in Erich Kästners Worten

Das berührende Gedicht über den Dezember habe ich übrigens damals am Heiligen Abend aufgesagt. Mein Patenonkel Hans, ein begnadeter Redner, gab mir zuvor wertvolle Tipps: "Sprich nicht zu schnell Frank, lass die letzte Zeile einer jeden Strophe im Raum nachklingen, bevor du weiter machst." An seine Worte denke ich heute noch bei Vorträgen. Ich übte tagelang vor dem Spiegel und bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich an die letzten Dezember-Zeilen denke. Ich erinnere mich, dass mein Vater Tränen in den Augen hatte, als ich endete. Später nahm er mich in den Arm und sagte: "Du siehst mein Junge, es gibt auch Weihnachtsgedichte, die zum Nachdenken anregen."

Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar. Ist gar nicht sehr gesund. Kennt seinen letzten Tag, das Jahr. Kennt gar die letzte Stund.
Ist viel geschehn. Ward viel versäumt. Ruht beides unterm Schnee. Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt. Und Wehmut tut halt weh.
Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin. Nichts bleibt. Und nichts vergeht. Ist alles Wahn. Hat alles Sinn. Nützt nichts, dass man's versteht.
Und wieder stapft der Nikolaus durch jeden Kindertraum. Und wieder blüht in jedem Haus der goldengrüne Baum.
Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt, wie hold Christbäume blühn. Hast nun den Weihnachtsmann gespielt und glaubst nicht mehr an ihn.
Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag. Dann dröhnt das Erz und spricht: "Das Jahr kennt seinen letzten Tag, und du kennst deinen nicht."

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen besinnlichen Jahreswechsel, Gesundheit und einen guten Start in das neue Jahr. "Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege", heißt es bei Kästner in der ersten Zeile seiner Januar-Verse. Möge es sich gut entwickeln.


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