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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Herr Lammert dreht ab

Die Bundestagsverwaltung hat der heute show verboten, im Plenarsaal zu drehen. Präsident Norbert Lammert hätte wissen können, was er damit auslöst: Spott und Verdrossenheit.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Erich Kästner hat einmal einen Satz gedichtet, der sich zum Gassenhauer halbaufgeklärter Kreise entwickelt hat: "Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken." Es gibt allerdings eine Steigerung: Wenn man den Kakao auch noch selbst anrührt, durch den man dann gezogen wird. Genau das haben Bundestagspräsident Norbert Lammert und seine Verwaltung gerade getan. Sie haben der "heute show" einen Dreh im Parlament untersagt - mit dem satirepreisverdächtigen Hinweis auf die Hausordnung, der zufolge es verboten sei, eine Plenarsitzung lediglich als eine Art Kulisse zu nutzen. Dabei dachten wir, genau dafür sei der Bundestag da: als Bühne.

Ja, es ist nicht angenehm, wenn man zum Affen gemacht wird. Aber es gibt in dieser Hinsicht deutlich Schlimmeres als die "heute show". Die Sendung erreicht bis zu drei Millionen Zuschauer. Darunter auch solche, für die der Fernsehsessel nicht die vorletzte Ruhestätte ist, jüngere Menschen, die völlig atypisch sind für das Publikum eines öffentlich-rechtlichen Senders. Einige Politiker dürften diese Zuschauer erst durch die "heute show" kennen gelernt haben. Man kann das sogar für sich nutzen. Es gab bereits Politiker, die sich gerade deshalb für die "heute show" hergaben, weil sie wissen, dass es ihnen im Zweifel sogar nützt.

Selbstangerichtetes Kamerafutter

Eine gewisse Schmerzresistenz gehört im Übrigen zu den unabdingbaren Berufsanforderungen des Politikers. Man mag das beklagen, ändern wird man es nicht mehr. Es gab Zeiten, da setzten sich Politiker ausgesprochen gerne ins Publikum, wenn eine Kabarettsendung im Fernsehen lief - als selbst angerichtetes Kamerafutter. Man konnte sie dann lachen sehen, während sie verscheißert wurden - dabei haben sie wahrscheinlich insgeheim vor Ärger die Backen zusammenkniffen, dass es weh tat. Aber sie demonstrierten Souveränität, Humor und Gelassenheit. Eigenschaften, über die Norbert Lammert eigentlich verfügt. Umso erstaunlicher, dass er diese Eigenschaften in der causa "heute show" so vermissen lässt.

Offenkundig bemerkt der sonst so kluge Mann nicht einmal, was er gerade anrichtet beim Versuch, einen unterstellten Schaden abzuwenden vom Parlament und der Politik. Dabei geht es gar nicht um Meinungsfreiheit. Die ist nicht bedroht. Lediglich die Arbeit einer Produktionsfirma wird behindert. Das ist nicht nett, nicht schön, aber kein grundsätzlicher Verstoß gegen ein grundgesetzlich verbrieftes Recht. Die "heute show" profitiert von der Entscheidung sogar mehr als sie darunter leidet. Was kann man daraus nicht alles machen. Wir freuen uns schon auf die nächste Sendung.

Spaßbremse und Schadensfall

Ein Anschlag auf die Pressefreiheit ist das Drehverbot nicht. Es ist schlimmer: eine Art Selbstmordattentat des Bundestags. Wer schon immer wusste, dass Politiker eine humorlose, kritikresistente elitäre Kaste bilden, sich abschotten und am liebsten mit der restlichen Welt nichts zu tun haben - der darf sich nun auf Schönste bestätigt sehen. Norbert Lammert klagt gerne - und zu Recht - über Politikerverachtung und Politikverdrossenheit. Soeben hat er mit seiner Verwaltung einen tollen Beitrag dazu geleistet, dass beides weiter wächst. In diesem Sinne: Danke für diesen unbedachten Tritt auf die Spaßbremse, Herr Präsident. Und viel Vergnügen mit dem Kakao!

stern-Autor Andreas Hoidn-Borchers sieht Oliver Welke lieber in der "heute show" als neben dem Fußballfeld – aber nur, weil dann Oliver Kahn nicht dabei ist. Sie können ihm auf Twitter folgen, unter: @ahborchers