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Ominöser SPD-Mann Das Phantom aus dem Bundestag: Jakob Maria Mierscheid ist der Abgeordnete, den es nicht gibt

Bundestag: Phantom-Abgeordneter Jakob Maria Mierscheid
Im Bundestag lässt sich der SPD-Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid nie blicken
© imagebroker / Imago Images
Immer wieder geistert im Bundestag der Name Jakob Maria Mierscheid herum. Seit 1979 soll er für die SPD im Parlament sitzen, doch in Wirklichkeit ist der Abgeordnete lediglich eine Kunstfigur – und eine willkommene Erheiterung im oft förmlichen Politikalltag.

Norbert Lammert sah man die Mühe an, sich sein Grinsen zu verkneifen, als er am 1. März 2013 die Sitzung des Bundestags eröffnete. Denn der damalige Bundestagspräsident durfte an diesem Tag ganz besondere Glückwünsche übermitteln: Er gratulierte dem SPD-Abgeordneten Jakob Maria Mierscheid zum 80. Geburtstag. Mierscheid sei "ein geschätzter und gelegentlich verzweifelt gesuchter Kollege", der allerdings die Sitzung "aus zwingenden Gründen" verpassen müsste. Einige Kolleg:innen würden sogar bezweifeln, ob es ihn überhaupt gebe.

Solche Spekulationen wies Lammert an jenem Tag mit einem schelmischen Lächeln entschieden zurück. Unter dem Gelächter vieler Abgeordneten, weil jeder im Reichstag wusste: Jakob Maria Mierscheid existiert tatsächlich nicht. Er ist das Phantom des deutschen Parlaments.

Jakob Maria Mierscheid – der Abgeordnete, den noch niemand gesehen hat

Norbert Lammert ist nicht der einzige, der den ominösen Sozialdemokraten behandelt wie einen real existierenden Kollegen. Jakob Maria Mierscheid besitzt einen Eintrag auf der Website der SPD-Bundestagsfraktion und wird dort mit einem ausführlichen Lebenslauf vorgestellt: Man erfährt unter anderem, dass Mierscheid 1933 geboren wurde, vier Kinder hat, mit der Silbernen Ehrennadel des Männergesangsvereins Morbach ausgezeichnet wurde und seit 1979 für die Sozialdemokraten im Bundestag sitzt. 2017 veröffentlichte die SPD-Parteizeitung "Vorwärts" ein Interview mit dem vorgeblich pressescheuen Politiker, in dem er sich für Martin Schulz als Kanzler aussprach. Lange tauchte er sogar auf der Website des Deutschen Bundestages auf.

Als seine größte Errungenschaft gilt das sogenannte "Mierscheid-Gesetz", mit dem sich das Abschneiden der SPD bei Bundestagswahlen anhand der Rohstahlproduktion in den alten Bundesländern vorhersagen lassen soll: Je höher die Produktion, desto besser das SPD-Ergebnis. Tatsächlich ließen sich damit in der Vergangenheit mitunter Prognosen treffen, die zumindest nicht ganz an der Realität vorbeigingen. In seiner Arbeit widmet sich Mierscheid, so heißt es, neben Sozialfragen insbesondere der Aufzucht und Pflege der geringelten Haubentaube in Mitteleuropa mit großer Leidenschaft.

Auch in anderen Fraktionen ist Mierscheid beliebt

Doch wie konnte es dazu kommen, dass ein fiktiver Abgeordneter im oft so förmlichen Politikbetrieb eine solche Rolle erlangen konnte? Die Spur führt ins Jahr 1979, das Jahr, in dem Mierscheid angeblich erstmals in den Bundestag – damals noch in Bonn – einzog. Kurz zuvor war Carlo Schmid, langjähriger Abgeordneter der SPD und Bundestagsvizepräsident, verstorben. Zwei seiner Kollegen, die Parlamentarier Peter Würtz und Karl Haehser, erfanden deshalb die Kunstfigur Mierscheid. Sie sollte als würdiger Nachfolger von Schmid, der für seinen Humor bekannt war, dienen. Irgendwann verselbstständigte sich das Phänomen Mierscheid, längst wird der fiktive Politiker auch in anderen Fraktionen des Hohen Hauses geschätzt. Sämtlichen Abwerbe- und Vereinnahmungsversuchen durch andere Parteien hat Mierscheid über die Jahre jedoch widerstanden.

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In der SPD dient Mierscheid nicht nur als willkommene Erheiterung im Politikalltag, der altehrwürdige Abgeordnete soll auch an die traditionellen Werte der Sozialdemokraten erinnern. "So einer wie Mierscheid wird gebraucht", sagte der mittlerweile verstorbene Fraktionschef Peter Struck einst. "Im politischen Alltag sind wir pragmatisch orientiert, es geht um Problembehandlung. Dass jemand da ist, der das hinterfragt, ist nötig." Ab und zu wird Mierscheid noch in Bundestagsreden zitiert, was immer für große Erheiterung im Plenum sorgt. In der alten Hauptstadt Bonn gab es zwei Cafés, die seinen Namen trugen, im Berliner Paul-Löbe-Haus, wo die Abgeordneten ihre Büros haben wurde 2009 eine Brücke nach ihm benannt. Und trotz seines hohen Alters geht Mierscheid mit der Zeit und ist auch im Netz präsent – mit eigenen Accounts auf Twitter und Facebook.

Quellen: Bundestag / SPD-Bundestagsfraktion / "Vorwärts" / Jakob Mierscheid auf Twitter

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