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WM-Titel vor 30 jahren Klinsmann über ein Matthäus-Tor, Beckenbauers Gelassenheit und eine Entschuldigung an Hertha

WM 1990: Andreas Brehme, Pierre Littbarski, Jürgen Klinsmann, Bodo Illgner
Römische Nacht: Andreas Brehme, Pierre Littbarski, Jürgen Klinsmann, Bodo Illgner und Jürgen Kohler (beide Hintergrund), Rudi Völler, Thomas Häßler, Guido Buchwald und Thomas Berthold (vl.n.r.)
© Frank Kleefeldt / DPA
Vor 30 Jahren holte Deutschland in Rom den dritten WM-Titel. Für Jürgen Klinsmann war es der Höhepunkt seiner Karriere. Im Interview spricht der 108-fache Nationalspieler über die Gründe für den Erfolg, alte Fußballschuhe und seinen Abschied von Hertha.

Für viele Experten und Ex-Kollegen hat Jürgen Klinsmann 1990 im WM-Achtelfinale gegen die Niederlande das Spiel seines Lebens gemacht. Später gewann er mit der Nationalelf den WM-Titel. Der gebürtige Schwabe prägte als Torjäger 15 Jahre den deutschen Fußball mit und wurde zum internationalen Star. In seiner Karriere schoss er in 606 Pflichtspielen 274 Tore und gewann nach der WM 1990 auch die EM 1996. Als Bundestrainer sorgte er mit für das WM-Sommermärchen 2006 in Deutschland. Sein letztes Kapitel als Trainer von Hertha BSC beendete er abrupt und wurde dafür heftig kritisiert. Im Interview spricht über den großen Triumph von Rom und den peinlichen Abschied aus der Hauptstadt.

Welcher Augenblick vom WM-Turnier in Italien ist bei Ihnen besonders hängen geblieben. Und welche der sicher Dutzenden Feiern danach hatte noch einen speziellen Aspekt?

Klinsmann: Vor dem Endspiel habe ich einfach in der Kabine auf Franz Beckenbauer gestarrt und mir gesagt, der Franz hat das alles schon erlebt und ist so souverän. Alles wird gut und wir gewinnen das Ding. Seine Gelassenheit und Ausstrahlung hat uns unendlich viel Selbstvertrauen gegeben. Das Feiern selbst habe ich nicht mehr so sehr in Erinnerung, wir waren alle überwältigt von den Gefühlen.

Ohne Frage war es 1990 eine Goldene Generation mit Ihnen, Völler, Häßler, Brehme, Matthäus, Kohler, Buchwald usw. Was hat diese Generation besonders ausgezeichnet? 

Wir hatten einen extremen Hunger auf Erfolg, fast schon über der Grenze des Vorstellbaren. Viele von uns waren ja zu dem Zeitpunkt bei Klubs in Italien. Unser Fokus lag voll und ganz auf Gewinnen, egal wie! Diesen Hunger nach dem Titelgewinn beizubehalten, war leider nicht mehr möglich. Deswegen kamen dann die Enttäuschungen bei der EM 1992 und der WM 1994.

Gab es einen Knackpunkt vor oder während des Turniers, nachdem alle gesagt haben: Wir packen das? 

Der Startschuss mit dem Sieg über Jugoslawien gab uns das Selbstvertrauen, alles gewinnen zu können. Lothar Matthäus' Super-Tor gegen Jugoslawien war wie ein großes Ausrufezeichen für uns – aber auch für die anderen Mannschaften. Dennoch trafen wir mit Holland und England im Achtel- und Halbfinale auf zwei Mannschaften, die uns auch hätten schlagen können.

Es war auch ein historischer Triumph, weil ein halbes Jahr zuvor der Eiserne Vorhang aufgegangen war und Deutschland wieder zusammen feierte. War man sich sofort dieser Bedeutung bewusst?

Wir fühlten uns schon ein Stück weit auch verantwortlich für Gesamt-Deutschland. Genau zum Zeitpunkt als die Mauer fiel, hatten wir ja das entscheidende Qualifikationsspiel gegen Wales in Köln, wo uns "Icke" Häßler mit seinem Treffer zum 2:1 erlöst hat. Von dem Tag an war es die Gesamt-Deutsche-WM für alle! Ein tolles Gefühl und wir hatten ja dann zudem lauter Heimspiele im San-Siro-Stadion in Mailand.

Wo ist Ihre Medaille? Haben Sie noch ein original Trikot oder Schuhe oder ein anders Souvenir, das Sie Ihren Kindern weitergegeben haben?

Meine Medaille und eine Kopie der WM-Trophäe sind bei mir zuhause im Büro. Das Trikot habe ich leider nicht mehr, ich weiß nicht, wo das gelandet ist. Es war ein wundervolles Design 1990. Noch heute spiele ich in einer Seniorenmannschaft wie damals mit meinen adidas Copa Mundial Nockenschuhen. 

Wann haben Sie zuletzt noch mal ein Video von 1990 gesehen? 

Zuletzt habe ich für die Fifa eine Videoschalte mit Gary Lineker gemacht, bei der wir über das Halbfinale Deutschland - England diskutiert und das gesamte Spiel nochmals angeschaut haben. Unglaublich, wie knapp alles war, nicht nur beim Elfmeterschießen.

Haben Sie mittlerweile das Kapitel Hertha BSC verdaut und bereuen Sie es im Nachhinein, wie das alles gelaufen ist?

Es tut mir sehr leid, wie mein Weggang von Hertha BSC zustande kam, nachdem wir sechs Punkte zwischen uns und den Relegationsplatz gelegt hatten. Wir haben es damals in zehn Wochen leider nicht geschafft, zu einer schriftlichen Vereinbarung zu kommen. In der Umsetzung meines Weggangs habe ich sicherlich Fehler gemacht und dafür möchte ich mich nochmals entschuldigen. Dass anschließend eine Analyse, die ich in meiner Eigenschaft als Berater des Investors für den internen Gebrauch erstellt habe, an die Öffentlichkeit kam, hat allen Beteiligten geschadet. Mir ist heute noch ein Rätsel, wie das an die Medien kam. Aber das ist Vergangenheit. Das Allerwichtigste ist, dass Hertha den Klassenverbleib geschafft hat und in der Bundesliga bleibt.

tis / Jens Mende DPA

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