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Editorial: Somalia im Süden Amerikas

Liebe stern-Leser!

Der Wirbelsturm "Katrina" hat auch die Zivilgesellschaft der stolzen US-amerikanischen Demokratie verwüstet. Scheinbar gelähmt verfolgten die Amerikaner tagelang, wie sich in New Orleans ungehindert Anarchie breit machte.

Wie in Somalia würden bewaffnete Banden auf Pick-ups durch die Straßen patrouillieren, berichtete ein Polizeioffizier einer CNN-Reporterin. Den Amerikanern wurde schmerzhaft vor Augen geführt, was geschieht, wenn der Staat zu leichtfertig mit seinem Gewaltmonopol umgeht und jedem Bürger nahezu uneingeschränkt den Besitz von Waffen gestattet.

Gleichzeitig starben amerikanische Bürger, weil die wendigste Militärmacht der Welt es nicht schaffte, die Sturmopfer rasch mit Trinkwasser und Nahrung zu versorgen. Die Tragödie erscheint wie eine Perversion der amerikanischen Gesellschaftsphilosophie, dass jeder für sich selbst Verantwortung zu tragen habe. Die Wohlhabenden, überwiegend Weiße, kamen meist davon, der Rest soff ab.

Live auf allen Kanälen zeigte sich, wie fatal es sein kann, wenn die Regierung erst in der Not Verantwortung für das Leben der Bürger übernimmt. Ein verschlankter Staat, der auf Privatisierung setzt statt auf staatliche Vorsorge, ist in einer solchen Situation offensichtlich nicht in der Lage, das Recht der Überlebenden auf Menschenwürde und Unversehrtheit durchzusetzen.

Zornig diskutiert die Nation nun, warum der Präsident monatlich 5,6 Milliarden Dollar im Irak ausgibt, aber beim Deichbau fahrlässig geknausert hat. Dass die USA innerhalb von 24 Stunden überall auf der Welt Feldlazarette aufstellen können, in New Orleans aber reihenweise Patienten in den Kliniken starben.

Daraus könnte sich in den Vereinigten Staaten die vielleicht wichtigste Debatte seit dem Vietnamkrieg entwickeln. Denn jetzt stellt das Land Fragen: Wie viel Solidarität braucht unser Gemeinwesen? Gehen wir gerecht um mit jenen, die am unteren Rand der Gesellschaft leben? Betreiben wir zu viel Welt- und zu wenig Innenpolitik? Haben wir über den Export von Demokratie und Freiheit Ressourcen geopfert, die im eigenen Land gebraucht werden?

Die Antworten dürften Bush in Bedrängnis bringen. Wir Deutsche sollten uns indes verkneifen, mit dem Finger auf Amerika zu zeigen. Häme darüber, dass die Großmacht-Fassade der USA ausgerechnet zuhause eingestürzt ist, wird dem Leid von Hunderttausenden nicht gerecht.

Indes scheint der typisch amerikanische Optimismus ungebrochen zu sein. Im Colisseum von Jackson, Mississippi, dem größten Flüchtlingslager im ärmsten Bundesstaat der USA, sprach stern-Reporter Michael Streck mit dem Highschool-Lehrer Brian Fitch, 47, aus Bay St. Louis. Er hatte alles verloren, aber nun ein Dach über dem Kopf, warmes Essen, Wasser, Air-Condition und eine Matratze - weshalb Fitch sagte: "Man bekommt eine andere Perspektive auf die Dinge. 90 Prozent der Weltbevölkerung wären froh, könnten sie unter diesen Bedingungen leben."

Zwölf stern-Reporter und Fotografen durchstreiften vergangene Woche die Katastrophengebiete. Sie wurden von Polizisten aufgegriffen ("Get the fuck out of here!"), wateten durch hüfttiefes Wasser in New Orleans, recherchierten im Superdome, wo die Gesetzlosigkeit Flüchtlinge in Angst und Schrecken versetzte. USA-Korrespondent Jan Christoph Wiechmann und Fotograf David Rochkind begleiteten die Rangers der Wildlife Enforcement Agency von Louisiana bei ihrem Rettungseinsatz mit dem Motorboot. Es war die einzige Möglichkeit, in einige entlegene Viertel von New Orleans vorzustoßen.

Wiechmann: "Die Ranger hatten uns nur unter der Bedingung mitgenommen, dass wir auch helfen. Und so kam es. Wir haben alte Menschen, die seit fünf Tagen in einem Altenheim ausharrten, in Rollstühlen herausgeholt und Schwerbehinderte aus dem 15. Stock getragen. Auf den Fluren lagen Leichen. Wenn du das Elend und die Verzweiflung siehst, willst du nur helfen."

Herzlichst Ihr


Andreas Petzold

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