Der geheime Code der Liebe Muss ich mich scheiden lassen?

Liebe Frau Dr. Peirano,
ich, 43, bin seit 4 Jahren von meiner Frau getrennt. Genau genommen habe ich sie damals verlassen. Sie hat das schwer mitgenommen und sie war wegen Depressionen in therapeutischer Behandlung. Mittlerweile haben wir einen ganz vernünftigen Umgang miteinander und ziehen an einem Strang, wenn es um unseren Sohn (9 Jahre) geht. Nun habe ich seit zwei Jahren eine neue Partnerin. Sie hat mir deutlich gesagt, dass es sie stört, dass ich noch verheiratet bin und fordert, dass ich die Scheidung einreiche. Ich kann das verstehen, aber ich habe die Befürchtung, dass es meine Frau in eine erneute Krise stürzt, wenn sie erfährt, dass es in meinem Leben eine andere Frau gibt und dass ich die Scheidung einreichen will. Ich bin hin-und hergerissen und kann mich nicht entscheiden, was ich tun soll.
Was meinen Sie dazu?
Mit freundlichen Grüßen
Timo M.

Lieber Timo M,
als ich Ihr Anliegen gelesen habe, kam mir als erstes eine Frage in den Sinn: Wie getrennt sind Sie eigentlich wirklich von Ihrer Ehefrau? Es sind zwar vier Jahre vergangen und der Umgang miteinander ist friedlich und reibungslos, aber sie zahlen anscheinend einen hohen Preis dafür. Sie müssen verleugnen, dass die Beziehung zu Ihrer Ehefrau beendet ist und ihr vorspielen, dass sie weiterhin alleine leben. Wer bringt sie dazu, die Realität zu verleugnen, dass Sie seit zwei Jahren in einer neuen Beziehung leben und nicht mehr zu Ihrer Frau zurück wollen? Sind Sie es (durch Schuldgefühle oder übertriebene Verantwortung für die Gefühle anderer) oder ist es Ihre Ehefrau (durch Drohungen, Manipulationen, Erpressung etc.)?
Diese Verleugnung kostet Sie sehr viel Lebensenergie. Ihre neue Partnerin spürt, wie gebunden Sie noch an Ihre Ehefrau sind und dass Sie ihr gegenüber die neue Partnerschaft verleugnen. Das ist sehr kränkend und zerstört auf Dauer die Zukunftschancen Ihrer neuen Beziehung, weil die Scherben aus Ihrer alten Beziehung nicht beseitigt werden können und zwischen Ihnen liegen. Das sind die sogenannten Altlasten, die leider immer auch zu Neulasten oder Dauerlasten werden.
Vielleicht können Sie sich anschauen, was Sie in Ihrer Lebensgeschichte über Scheidungen gelernt haben. Es könnte sein, dass Sie (unausgesprochen oder explizit) gehört haben, dass man sich auf keinen Fall scheiden lassen darf. Nur in Ihrem Fall ist die Trennung ja schon äußerlich vollzogen, die Ehe gescheitert und Sie haben eine neue Beziehung. Aus meiner Sicht bringt es nichts, wenn Sie an einem mittlerweile bedeutungslosen Blatt Papier, der Eheurkunde, festhalten.
Es wäre für Sie langfristig sehr befreiend, die Verleugnung aufzugeben und zu Ihren Gefühlen und Ihrer Lebensweise zu stehen. Vielleicht hilft Ihnen therapeutische Unterstützung dabei, den inneren Konflikt zu bearbeiten und zu überlegen, wie Sie Ihrer Ehefrau am besten reinen Wein einschenken. Ich stelle mir so etwas vor wie: "Du wirst es wahrscheinlich sehr schwer aufnehmen, aber ich möchte Dir etwas Wichtiges sagen. Ich möchte, dass Du es von mir erfährst und nicht von anderen, weil ich Dich respektiere."
Ich hoffe, dass Sie Ihren Konflikt bald klären können.
Mit freundlichen Grüßen
Julia Peirano



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