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Eigenverantwortung: Mehr Freiheit für die Schulen

Spätestens seit der Pisa-Studie schwirren die unterschiedlichsten Vorschläge für eine Verbesserung des deutschen Schulsystems durch die politische Landschaft.

Spätestens seit der Pisa-Studie schwirren die unterschiedlichsten Vorschläge für eine Verbesserung des deutschen Schulsystems durch die politische Landschaft. Mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit der Lehrstätten - so lautet ein Rezept, das vor allem die Liberalen anpreisen. "Die Schulen benötigen eine größere finanzielle und pädagogische Verantwortung, damit sich der Wettbewerb zwischen den einzelnen Schulen verstärkt", erklärt FDP-Bildungsexpertin Mieke Senftleben. Auch die Lehrer sind für mehr Eigenverantwortung - bis zu einem gewissen Maß.

Neben einem eigenen Budget, über das die Schulen frei verfügen könnten, und der Entwicklung unterschiedlicher Schulprofile fordert die FDP mehr Möglichkeiten für die Schulleitung, etwa bei der Auswahl der Lehrer. Die Höhe der staatlichen Unterstützung soll sich nach den so genannten "Schülerkosten" der jeweiligen Länder richten, erklärt Senftleben. Daneben gebe es noch weitere Boni, etwa für Schulen mit hohem Immigrantenanteil zur Förderung der Integrationsarbeit. "Besonders wichtig sind stärkere Qualitätskontrollen - auch über den richtigen Einsatz der Gelder - seitens des Staates." Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse, etwa in Form eines Rankings, werde Transparenz für die Öffentlichkeit geschaffen und der Wettbewerb gefördert.

Bereits jetzt vereinzelte Schritte

Auch mit der Entwicklung von Schulprofilen kann Senftleben zufolge die Unterrichtsqualität verbessert werden. Mit der Konzentration der Lehrstätten auf einen Schwerpunkt, etwa den musischen Bereich, könne die individuelle Förderung der Schüler garantiert werden. Darüber hinaus sei es wichtig, mit mehr Autonomie im finanziellen und pädagogischen Bereich den Wettbewerb zu fördern, damit sich das beste Modell durchsetzen könne. Höhere Eigenverantwortung bedeute mehr Kreativität, erklärt Senftleben. Freiheiten, die hier zu Lande noch tabu seien, hätten sich in Ländern wie Schweden und Finnland gut bewährt. So variiere etwa in Schweden das Gehalt der Lehrer je nach Einsatz und Engagement zwischen 50 und 100 Prozent.

Aber auch in Deutschland finden sich schon vereinzelte Schritte in Richtung Eigenverantwortung. Den bayerischen Schulen stehe je nach Größe ein gewisser Etat pro Kalenderjahr zu, erklärt der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus. "Lehrer, die sich besonders engagieren, beispielsweise fürs Schultheater oder durch die Organisation eines internationalen Austausches, können von diesen Geldern mit einer Prämie belohnt werden." Auch würden an vielen Schulen in Süddeutschland die Lehrer alle vier Jahre beurteilt. Von den Ergebnissen hänge dann die Möglichkeit einer Beförderung ab.

In der Wettbewerbssituation hätten soziale Brennpunkte das Nachsehen

Die von der FDP geforderte Freiheit in Personalangelegenheiten findet aber wenig Anklang bei Kraus: "Auch weniger attraktive Schulstandorte müssen Chancen auf gute Bewerber haben." Deshalb sei eine übergeordnete Instanz wie das Kultusministerium nötig, die versuche, eine gute personelle Ausstattung an allen Schulen zu garantieren.

Auch Eva Maria Stange, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), begrüßt eine höhere Eigenverantwortung der Schulen, soweit sie der eigenen Profilbildung zugute kommt. "Eine Förderung des Wettbewerbs zwischen den Schulen lehnt die GEW hingegen ab", erklärt sie. Es sei wichtig, überall qualitativ gute Schulen zu finden. "In der Wettbewerbssituation hätten soziale Brennpunkte unweigerlich das Nachsehen."

"Kurze Beine - Kurze Wege"

Eine ähnliche Gefahr sieht Stange in der Abschaffung der Schulbezirke. Die FDP möchte diese für viele Grundschulen bestehende Einteilung aufheben, weil dann Eltern die Möglichkeit hätten, im freien Wettbewerb die für ihr Kind geeignetste Schule auszusuchen. Stange kritisiert, dass davon lediglich die Schüler profitierten, deren Eltern mobil genug seien, um ihre Kinder quer durch die Stadt zu fahren. Die übrigen Kinder hätten das Nachsehen. "Die Mischung eines Bezirks muss sich auch in der Grundschule wiederfinden."

Auch Kraus hält das Motto "Kurze Beine - Kurze Wege" hoch und warnt vor einer "Förderung der Gettoisierung" durch die Abschaffung von Schulbezirken. Generell ist er der Meinung, dass die Föderalisierung der bislang beste Wettbewerb sei. Studien wie Pisa zeigten hierbei die besten Kontrollmöglichkeiten. Deshalb lehnt Kraus auch eine Umverteilung der Kompetenzen auf den Bund kategorisch ab: "Sonst wäre der letzte Rest an Kontrolle verloren."

Jenny Tobien, AP

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