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Diskussion um Schulsport: Bundesjugendspiele - abschaffen oder nicht?

Unter #Bundesjugendspiele wird heftig diskutiert, weil eine Mutter die Abschaffung fordert. Auch beim stern gehen die Meinungen auseinander, ist dieses Sportfest sinnvoll oder lediglich eine Qual?

Susanne Baller vs. Viktoria Meinholz

Bundesjugendspiele sind für viele Kinder eine Qual

Auch dieses Mädchen scheint die Bundesjugendspiele alles andere als zu genießen

Bundesjugendspiele sind nicht das Problem, findet Susanne Baller.

Als Teenager habe ich die Bundesjugendspiele gehasst. Dabei war ich durchaus sportlich, machte an vier von fünf Nachmittagen Sport. Leichtathletik aber war so gar nicht meins. Fand ich langweilig. Etwa so, wie ich heute Gerätetraining in Muckibuden finde. Vor den Bundesjugendspielen hätte ich mich deswegen gern gedrückt. Ich hatte kein Problem mit der Wettkampf-Situation, Turniere kannte ich ja und haben mir Spaß gemacht. Ich hatte auch kein Problem mit Mobbing, schließlich hatte kaum einer meiner Freunde Bock auf Bundesjugendspiele. Mein Problem war neben der Laufen-Werfen-Springen-Ödnis das ebenso langweilige Anstehen in der Hitze.

Nun hat Christine Finke, die den Blog "Mama arbeitet" schreibt und sehr engagiert twittert, eine Petition bei change.org verfasst, in der sie von Manuela Schwesig die Abschaffung der Bundesjugendspiele oder eine freiwillige Teilnahme daran fordert. Sie findet sie nicht mehr zeitgemäß und will sportlich schwache Schüler "vor der Demütigung in der Peergroup" schützen. Unter dem Aspekt des Mobbings, dem Kinder heute anders ausgesetzt sind als früher, ist das verständlich. Doch Finke schreibt auch: "Ein Wettkampf, bei dem Einzelne schon vorher wissen, dass sie chancenlos sind, ist sinnlos und unfair." Und bei diesem Argument komme sogar ich, als BJS-Haterin, ins Schleudern. Denn: Geht es vielen Schülern nicht auch bei Mathearbeiten so? Den einen fällt der Stoff leicht, für die anderen bleibt er ein Mysterium. Sollten wir also auch Klassenarbeiten abschaffen oder die Teilnahme daran freiwillig machen?

Kinder sind heute anderen Herausforderungen ausgesetzt als früher. Sie müssen häufig sehr viel selbstständiger sein, insbesondere wenn beide Eltern arbeiten oder sie bei einem Elternteil aufwachsen, das arbeitet. Viele Eltern haben ein schlechtes Gewissen, weil sie unter der Woche nicht das tun können, was früher zu Mamas alltäglicher Serviceleistung gehörte: Mittagessen kochen, bei den Hausaufgaben helfen, stets als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, das Kind am Nachmittag zum Training oder Musikunterricht bringen etc. (Natürlich gibt es diese Mütter, manchmal auch Väter, immer noch, manche haben sich sogar zu überwachenden Helikopter-Eltern emporgeschwungen, doch das ist eine andere Geschichte.) Eltern wollen ihre Kinder beschützen. Sie ein bisschen in Watte packen - das wäre schön! 

Doch die Bundesjugendspiele sind nicht das Problem. Woran wir wirklich arbeiten müssen, ist nicht deren Abschaffung, sondern dass

  • nicht, wie vor knapp zwei Wochen in Leverkusen geschehen, 17 Kinder bei den Bundesjugendspielen wegen Hitze kollabieren. Das ist verantwortungslos, gefährlich und absolut vermeidbar
  • Lehrer die Kinder ermuntern, die "nur" eine Teilnehmerurkunde bekommen haben
  • wir unser schlechtes Gewissen loswerden, wenn es unseren Kindern gut geht
  • wir unseren Kindern beibringen, andere niemals zu mobben

 Und es gibt tatsächlich Kinder, denen die Bundesjugendspiele Spaß machen.


Warum die Bundesjugendspiele abgeschafft werden müssen, erklärt Viktoria Meinholz.

Juni 1999, in ein paar Tagen beginnen die Sommerferien, die Sonne brennt vom Himmel und ich sitze mit den anderen Mädchen aus meiner Klasse im Gras. Ich bin vierzehn und heute ist für mich der schlimmste Tag des Jahres: Bundesjugendspiele. Schon eine Woche vorher machte sich in meinem Bauch jedes Jahr ein leichtes Ziehen bemerkbar, das spätestens am Abend vorher zu handfesten Bauchschmerzen überging. Das Stadion, in dem wir Sommer für Sommer gequält wurden, war mit Erdhügeln ausgestattet, die als Tribünen fungierten. Dort saßen all die Glücklichen, die gerade weder laufen, werfen noch springen mussten, und schauten ihren Schulkameraden zu. Versagen vor Publikum also. Ich stand an der Springgrube und vollführte das, was mein Versuch eines Weitsprungs war - unter den belustigten Blicken meiner Lehrer, meiner Freundinnen und des Jungen, den ich süß fand.

Ich war nie gut im Sportunterricht, zu ungelenkig, zu ungeschickt. Das war in der Grundschule und auch später immer mal wieder der Grund für heimliche Tränen. Schließlich ist es furchtbar peinlich, wenn alle über den Bock springen und nur ich es auch im hundertsten Versuch nicht schaffte. Doch ich wäre nie dafür, den gesamten Sportunterricht abzuschaffen. Es ist wichtig, dass Kinder sich bewegen, ihre Motorik verbessern. Außerdem habe ich im Laufe meiner Schulzeit gelernt, mit meinem Versagen umzugehen, eine durchaus wichtige Lektion, auch wenn ich das Glück hatte, nie wegen meiner Unsportlichkeit gehänselt zu werden.

Doch die Bundesjugendspiele waren schlimmer als jede Sportstunde. Es war ein Tag voller Demütigungen - und komplett überflüssig. Das Sportfest - was ein hübsches Wort für etwas so Fieses - soll die Motivation der Schüler für alles Sportliche steigern, doch das Gegenteil ist der Fall. Selbst diejenigen, die in Leichtathletik gut waren, mochten den Tag nicht sonderlich. Bei mir verfestigten die Bundesjugendspiele den Eindruck, dass ich alles, was mit Sport zu tun hat, nicht kann. Jahrelang war ich sicher, in egal welcher Sportart quasi automatisch zu versagen.

Natürlich müssen Kinder lernen mit Niederlagen umzugehen, aber die Vier in Mathe war etwas ganz anderes als das Gefühl, wenn unsere sadistisch veranlagte Sportlehrerin jedes Kind einzeln aufrief, um die Urkunden zu verteilen, und mit süffisantem Lächeln sagte: "Viktoria, wieder nur eine Teilnehmerurkunde". Warum soll man Kinder noch immer mit den Bundesjugendspielen quälen? Schließlich werden sie in keinem anderen Fach zu einem öffentlichen Wettkampf gezwungen. Ich sehe den Nutzen dieses Tages einfach nicht - und verfüge dafür über eine lange Liste an negativen Erinnerungen und Gefühlen. Und glaubt man Twitter, bin ich damit beileibe nicht allein. 

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