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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Die Teenagerin mistet aus. Fast alles muss raus. Zuerst freut sich ihre Mutter, aber dann ...

Das Zimmer der Teenagerin ist eine Höhle voller Berge aus Klamotten. Christiane Tauzher versucht, ihre Tochter zu überreden, doch einmal richtig auszumisten. Eine lange Diskussion beginnt, an deren Ende ein unerwartetes Ergebnis steht.

Teenagerin liegt auf Klamotten

Wenn man den Boden des Zimmers nicht mehr sieht, ist ein guter Moment, mit dem Aufräumen anzufangen. Sagen Eltern.

Getty Images

Das Zimmer der Wombi ist größer als meine erste Wohnung, die in einer üblen Gegend lag und ein grüngestrichenes Klo am Gang hatte. Meine "Garderobe" bestand aus drei Fleischerhaken, eingehängt an der Oberkante der Duschkabine, die höchstens das Gewicht von zwei Windjacken und einer Mütze trugen. Beim gefütterten Parker ächzte die Plexiglas–Duschwand bereits. Acht Schritte war die Wohnung lang und der Küchen-Vorzimmer-Badbereich eng und dunkel wie ein Flaschenhals.

Die Wombi lebt dagegen im Paradies. Von ihrem Bett aus kann sie durch ein Dachschrägenfenster die Sterne zählen, ihr Schreibtisch ist groß wie der einer Generaldirektorin, und ihr begehbarer Schrank hat sogar Beleuchtung. Auf der Strecke zwischen Bett und Schrank (fünfzehn Schritte) habe ich insgesamt zwölf Haken in Wände und Deckenbalken geschraubt, um der Wombi genug Möglichkeiten zu bieten, ihr Zeug aufzuhängen. Leider schaut es so aus, dass die Haken alle immer besetzt sind. Drei bis fünf Teile übereinander. Hätte die Wombi in meiner ersten Wohnung mit den Fleischerhaken gehaust – die Duschkabine wäre an Tag eins in sich zusammengefallen.

Das Unordnungssystem der Wombi hat dazu geführt, dass der Rest ihres geräumigen Zimmers in Kleidung erstickt. Überall türmt sich Wäsche. Falsch, es türmt sich nicht, es knäuelt sich. Nichts, wirklich nichts, was sich an Textilem im Wombi-Zimmer befindet , ist zusammengefaltet. Das brachte mich auf die Idee, die Wombi davon zu überzeugen, wie reinigend und befreiend es sei auszumisten, sich von Altem zu trennen, seinen Kleiderstil zu überdenken, ein paar Erinnerungen nachzuhängen. "Wenn es so toll ist, warum fängst du nicht damit an?", fragte mich die Wombi. "Bei mir gibt es nichts auszumisten", sagte ich (=Lüge Nummer 1), "ich bin 42, da kauft man sich nicht ständig neue Sachen (=Lüge Nummer 2). Das was ich besitze, kannst du noch deinen Enkelkindern vererben (=Lüge Nummer 3). Vieles davon ist total zeitlos." Die Wombi meinte, dass zeitlos gleichzusetzen sei mit fad. "Ich finde, du solltest mindestens die Hälfte deiner Sache weggeben und modisch neu anfangen. Du bist keine zwanzig mehr." Das klang so, als beherberge mein Schrank bloß Miniröcke, löchrige Jeans und Hotpants. Ich ließ die Fehleinschätzung des Inhalts meiner Garderobe im Raum stehen und versuchte es damit: "Wenn du ausgemistet hast, gehen wir ein Eis essen." Die Wombi fand diesen Vorschlag "nur peinlich".  "Okay, Du bekommst 500 Euro", sagte ich. Wombis Augen weiteten sich und begannen zu glänzen – "meinst Du das ernst?", fragte sie. "Natürlich nicht", lachte ich. Die Miene der Wombi verfinsterte sich. Gleich würde sie das Gespräch abbrechen. Ich hatte es zu weit getrieben.

Erst wollte sie nicht, dann fackelte sie nicht lange

Aber weil ich in Fahrt war, sagte ich noch: "Wenn DU nicht ausmisten willst, mache ICH es für dich." Das funktionierte. Vor sich hinfluchend und schimpfend begann die Wombi unverzüglich mit der Arbeit. Vier Stunden brauchte sie dazu, das Gewand aus ihrem Schrank, auf und in ihrer Kommode, über dem Fauteuil, auf dem Boden und an den Haken nach den Kriterien "weg" oder "behalten" zu hinterfragen. Und sie fackelte nicht lang. Tabula rasa machte sie. Am Ende standen zwei Säcke, groß wie Heuballen, mit verstoßener Kleidung vor ihrer Tür.

"Ich hoffe, du bist nun zufrieden", sagte die Wombi und führte mich durch ihr nacktes, fast kahles Zimmer. Die zwölf Haken wirkten ohne schweren Behang fast bedrohlich, wie übergroße Nasen ragten sie aus der Wand. "Toll", sagte ich, "fühlst du dich jetzt nicht besser?" Die Wombi verneinte, "aber solange du dich besser fühlst, ist ja alles in Ordnung. Du wirst immer mehr zum Fräulein Rottenmeier."

Zur Entspannung begann die Wombi nun auf der Ukulele in Dauerschleife das Regenbogenlied in der Version "dicker Mann aus Hawaii" zu spielen. Ich schaute in die Säcke, um die weggelegten "Kinder" der Wombi zu inspizieren. Dabei stieß ich auf ihre geliebten Hoodies, die wir über die letzten zwei Jahre zu jedem Anlass kaufen mussten. Oversizige, dicke hässliche Pullover mir riesigen Schriftzügen über der Brust.

"Bist du sicher, dass du die weggeben willst?", fragte ich. "Bin sicher", trällerte die Wombi. "Und die Reiterhosen auch?", fragte ich. "Auch", antwortete Wombi gut gelaunt. So ging es weiter. Mit den T-Shirts von diversen In-Marken, Jeans mit Rissen und hohem Bund, hüftige Jeans ohne Risse, Regenjacken, Skijacken. Ich fragte mich, ob die Wombi überhaupt noch etwas zum Anziehen hatte.

"Du wolltest es so", sagte sie.  

Nachdem die Putzfrau und ihre beste Freundin die Säcke ausgeweidet hatten und der Rest, der noch übrig war, im "Kleidung für die Welt"-Container steckte, fragte mich die Wombi, wann wir nun endlich in die Shopping City aufbrechen würden.

"Wie meinst du das?", fragte ich sie.

"Na, du hast doch gesagt, ausmisten sei befreiend. Nun, da das Alte zu Grabe getragen wurde, wird es Zeit für Neues. Nach der Befreiung kommt die Erneuerung."

Ich sagte "hmmmmmmm" und "naja".

"Soll ich in Zukunft nackt gehen?", entrüstete sich die Wombi.

Ich schob das Fräulein Rottenmeier in mir, das gerade die Hände in die Hüften stemmte, beiseite.

"Okay", sagte ich, "fahren wir. Ich brauche auch wieder mal was Neues."

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