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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Sommerurlaub – wir am Strand, die Teenagerin im Gefrierfach

Urlaub in Italien: Christiane Tauzher, Mann und Sohn genießen Sonne, Strand und Wasser. Die Teenagerin ist auch dabei. Theoretisch. Für sie sieht der perfekte Sommerurlaub ganz anders aus. Und dann bekam die Familie auch noch riesigen Zuwachs.

Frau im Bett im dunklen Zimmer

Urlaub in sonnigen Gefilde verbringen Teeanger auch gerne in der dunklen, kalten Höhle

Getty Images

An einem heißen Samstag auf einer kleinen italienischen Insel, wie gemacht dafür, die Beine vom Felsen baumeln zu lassen, im Liegestuhl ein Buch zu lesen, den Bauch in die Sonne zu halten, beglückt übers blaugrüne Meer zu blicken, lag der Bauch der Wombi flach auf der Matratze in einer abgedunkelten Höhle. Die Jalousien beider Fenster, hinter denen sich das Meer und der Strand erstreckten, ließen keinen Lichtstrahl hindurch. Die Klimaanlage brummte auf höchster Stufe. Zähneklappernd betrat ich das schuhschachtelgroße Zimmer. "Hallo?", fragte ich ins Dunkel und stolperte über ein paar feuchte Handtücher, die, wie mir die Wombi später erklären würde, "vom Haken gefallen" waren. Nichts. Ich benutzte die Taschenlampe auf dem Handy, um den genauen Aufbahrungsort der Wombi lokalisieren zu können. Sie lag, das Gesicht in die Matratze gepresst, reglos da, als hätte ihr jemand eins drüber gezogen. "Oh, mein Gott", war mein erster Gedanke, "hoffentlich atmet sie noch." Horror-Geschichten von betäubten und entführten Kindern in Hotelanlagen schossen mir durch den Kopf. Ich beruhigte mich wieder, als ein tiefer Seufzer der Wombi-Brust entfuhr.

Die Bedingung für einen gemeinsamen Urlaub war gewesen, ein eigenes Zimmer zu bekommen. Und zwar eines mit Klima. Der Olaf hatte Verständnis gehabt und der Wombi den Wunsch erfüllt. Wer, wie ich, Freudentänze erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Wombi sagte "okay." Dass sie mit uns urlaubte, war anscheinend Entgegenkommen genug von ihrer Seite.

"Wir gehen an den Strand, kommst du mit?", fragte ich den reglosen Körper auf dem Bett. Die Wombi hob kurz eine Hand. Ich wartete, ob noch eine Antwort folgen würde, aber das war's. "Kommst du nach?", fragte ich. Die Wombi grunzte. Mittlerweile zitterte meine Stimme vor Kälte, und ich war froh, das Gefrierfach, in dem sich die Wombi konservierte, wieder verlassen zu können.

"Sie kommt vielleicht nach", sagte ich zum Olaf, der mit zwei großen Badetaschen und dem Mini an der Hand auf mich wartete. Das Liegebett am Strand, das wir für die Wombi unter dem Schirm bezahlt hatten, blieb leer. Der Olaf ärgerte sich.

Als wir wieder im Hotel ankamen, waren die Jalousien des Wombi-Zimmers noch immer geschlossen. Mit einer Veränderung: Die Wombi war wach und schaute sich seitlich liegend, den Kopf auf zwei Kissen abgestützt, zugedeckt mit drei Decken, auf dem Laptop ihres Vaters zum hundertsten Mal Harry Potter, Teil fünf, an. Neben ihr ein leerer Pizza-Karton. Intensiver Oregano- und Zwiebelgeruch lag in der kalten Luft.

"Wieso bist du nicht zum Strand gekommen?", fragte sie der Olaf.

"Zu heiß", antwortete die Wombi ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. "Ja, im Sommer ist es heiß", sagte der Olaf, "das ist das Schöne am Sommer."

"Deine Meinung", antwortete die Wombi, "ich würde das hier gern zu Ende sehen." Es klang so, als hätte der Olaf sie bei der spannendsten Stelle unterbrochen - dass die Wombi den Film auswendig konnte, tat hier nichts zur Sache.

Leben kam jeden Abend in die Wombi, etwa zwei Stunden, bevor wir zum Essen in die Stadt gingen. Wir mit geröteten Gesichtern, ermattet von vielen Stunden in der Sonne. Die Wombi mit Alabaster-Teint, frisch und ausgeruht von vielen Stunden in der künstlichen Kühle.

So vergingen die Tage. Zweimal hatte sich die Wombi dazu durchgerungen mit uns den Strand zu besuchen. Mit herabhängenden Mundwinkeln hatte sie schon beim Abstieg zum Meer, der über viele Stufen führt, über Knieschmerzen und Schweißausbrüche geklagt. Je näher wir dem Wasser kamen, desto mehr Leiden kamen hinzu. Die sanfte Brise versursachte ihr Kopfweh, die Kieselsteine am Strand rissen ihre zarten Sohlen auf. Ja, wir setzten sie einer Tortur aus, bis sie ihren ermatteten geschundenen Körper endlich auf die Sonnenliege drapieren konnte. Und kurze Zeit später einschlief.

Ins Wasser ging sie nicht, da sie ja nicht wisse, "was da so herumschwimmt."

"Wir schwimmen da herum", versuchte es der Olaf mit einem Witz. Die Wombi gähnte und drehte sich auf die andere Seite. Eine Stunde nach Ankunft am Strand beklagte sie Hitze und Lärmbelästigung und machte sich auf den Rückweg zu ihrem Gefrierfach.

Am letzten Tag des Urlaubs kaufte die Wombi von ihrem Taschengeld ein Riesenschwimmtier, eine gelbe dicke Ente, fast so groß wie ein VW-Käfer. "Wozu brauchst du das?", fragte ich sie, "du schwimmst doch gar nicht gern."

"Ja, eben deshalb", sagte sie, "die Ente schwimmt, ich liege drauf. Man kann sie auch als Liegestuhl verwenden" Das Gummitier (made in Taiwan) war in einer sperrigen Schachtel verpackt, die die Wombi die ganze Heimreise "Italien-Wien" unterm Arm trug. "XXL-Schwimmtiere gibt es aber doch auch bei uns zuhause zu kaufen", merkte ich an. "Dieses nicht", sagte die Wombi und schleppte weiter.

Riesenschwimmente

Diese Riesenschwimmente wirkt fast so groß wie ein VW Käfer, besonders wenn man sie mit sich herumträgt

Hersteller

Zuhause angekommen füllte sie die Gummiente mit Luft. Auf dem dicken gelben Hals hatte der Hersteller einen Hinweis hinterlassen: "Höchstbelastung 35 Kilogramm."

"Sie ist trotzdem eine hübsche Deko", sagte ich, um etwas Nettes über die nutzlose Ente zu sagen. Insgeheim wünschte ich mir, dass ein Reiher in der Nacht mit seinem langen Schnabel auf das Ungetüm einstechen würde.

Die Wombi sah mich forschend, dann sagte sie. "Das ist ja super, dass dir die Ente plötzlich so gut gefällt. Du kannst sie haben."

Seither warte ich auf den Reiher.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(