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C. Tauzher: Die Pubertäterin: Umweltschutz mit viel Frischhaltefolie: Wie die Teenagerin den Planeten retten will

Klimakrise und Umweltverschmutzung sind große Themen in der Familie von Christiane Tauzher.  Der Beitrag der Teenagerin ist, aufzuzeigen, was die anderen beim Umweltschützen falsch machen.

Frau mit Pappbecher

Die Welt retten? Klar, aber nicht ohne Coffee to go!

Getty Images

Es vergeht kein Tag an dem die Wombi nicht zumindest einmal erwähnt, dass sie so schnell wie möglich von zuhause ausziehen will. Weg von uns. Weg von den Regeln, weg vom Im-Haushalt-mithelfen, weg vom Zimmer-aufräumen, weg vom Handtücher-nach-dem-Duschen-aufhängen.

Das Leben der Wombi ist hart und später, wenn sie ein Weltstar sein wird (davon geht sie nämlich aus, nur das Genre, in dem sie es zu Weltruhm bringen wird, hat sie noch nicht festgelegt) – später also, wenn ihr Biograf sie zu ihrer Kindheit und Jugend befragen wird, kann sie von dieser traumatischen Zeit in unseren Fängen berichten. Ein teurer Psychologe wird die weltberühmte Wombi stützen müssen, wenn alles wieder hochkommt. Die böse Mutter, die verlangt hat, dass sie ihr Bett macht, ihrem Hund frisches Wasser hinstellt, ab und zu einen Apfel isst und am Wochenende mit der Familie an einem Tisch sitzt. Und erst der Vater – der wollte, dass sie, sobald sie ihr Zimmer verließ, das Licht abdrehe, dass sie ihren Schreibtisch von Schminkzeug befreie und dass sie ab und zu mal in ein Schulbuch schaue.

In der Biografie wird am Ende herauskommen, dass die Eltern der Wombi Tyrannen waren. Und nicht nur das – sie hatten sich auch um den Klimawandel nie geschert. Eigentlich tragen sie die Hauptschuld an der Gletscherschmelze, den Plastikbergen im Meer, der Erderwärmung und dem Regenwaldsterben.

Das Thema Klimawandel kommt bei uns oft aufs Tapet. "Wieso kaufst du Äpfel in der Cellophanverpackung?", fragte mich neulich die Wombi. Bevor ich antworten konnte, sagte sie, "naja, dir kann es ja egal sein. In dreißig Jahren, wenn die Erde kaputt ist, lebst du eh nicht mehr." Äh, da wäre ich 73, also durchaus noch in einem Alter, in dem man noch leben könnte.

Ich überhörte die Sache mit meinem Ablaufdatum, kaufe seither aber keine Äpfel mehr in der Plastikhülle. Denn wo die Wombi recht hat, hat sie recht. Auch Plastikhalme, Milch in Tetrapacks und Petflaschen hat die Wombi uns verboten. Wo sie nicht so streng ist, sind Fahrten mit dem Auto. Besonders dann nicht, wenn es darum geht, sie irgendwo abzuholen oder hinzubringen. Einkaufsfahrten, so findet sie, könne ich auch mit einem Trolley zu Fuß bewältigen. Immer dann, wenn ich den Wocheneinkauf erledige, gehört die Umwelt geschont. "Ich lege mir so einen Einkaufssack auf Rädern zu, wenn du in Zukunft auf Kaffee im Plastikbecher verzichtest", schlug ich vor. Die Wombi lehnte ab. Niemand, der jung und halbwegs normal sei, komme an Starbucks vorbei, schnaubte sie. "Wieso lässt Du dir deinen Latte Caramel nicht in ein Glas füllen, das du von zuhause mitnimmst?", fragte ich. "Du hast doch keine Ahnung", seufzte die Wombi, und damit war der "Latte im Glas" vom Tisch. Prinzipiell zeigt die Wombi gerne auf, was die anderen beim Umweltschützen falsch machen. Das ist ihr Beitrag.

Mit dem Rad fahren? Absurde Idee!

"Du könntest öfter mal mit dem Rad fahren", sagte ich einmal. Abgelehnt. Der Klimawandel muss Verständnis dafür haben, dass die Wombi nicht mit Schweißflecken unter den Achseln ankommen kann. Wo auch immer. Schwitzen sei das Letzte. Nur Profi-Sportler dürften in Ausübung ihres Berufes schwitzen. Bei allen anderen, klärte mich die Wombi auf, sei es "total peinlich". "Aber wenn ich mit dem Einkaufstrolley zum drei Kilometer entfernten Supermarkt wandere, schwitze ich garantiert auch", gab ich zu bedenken. "Bei dir ist das egal", sagte die Wombi.

Wenn sie einmal alleine wohne - also in fünf Jahren - werde sie alles anders machen. Auf unnötige Geräte wie zum Beispiel einen Geschirrspüler wolle sie komplett verzichten. "Ich habe mir überlegt", sagte sie, "dass ich die Teller in Frischhaltefolie einwickle, darauf esse ich dann, wenn etwas übrig bleibt (das passiert nie. Anm.), brauche ich nur die Folie drüberschlagen und abwaschen muss ich dann auch nicht. Das ist total praktisch."

"Aha", sagte ich, "und was ist, wenn du mal ausnahmsweise alles aufisst? Was passiert dann mit der Frischhaltefolie? Wäscht du die dann ab? Aber wozu ist sie dann überhaupt da? Dann könntest du ja gleich den Teller benützen und nach Gebrauch abspülen. Frischhaltefolien sind übrigens in der Regel auch aus Plastik ..."

Die Augen der Wombi verengten sich zu Schlitzen - "siehst du, genau das meine ich", fauchte sie, "du fährst immer über mich drüber. Wie ein Bulldozer. Nie kann ich etwas richtig machen. Wenn ich einmal eine Idee habe, machst du sie mir sofort kaputt. Du bist so ..." Abgang, Türenknallen, Stille.

Die Biografie wird den Titel tragen: "Überrollt, gedemütigt, missverstanden - der harte Weg an die Spitze."

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