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Daddylicious: Mehr als Fahrräder und Tatort: Warum Münster meine Heimat ist

Als sein Sohn geboren wurde, zog Mark Bourichter vom weltmännischen Hamburg zurück ins piefige Münster. Und hat es nicht bereut. Eine Liebeserklärung an eine kleine Großstadt.

Münster

Hafen gibt's nicht nur in Hamburg: eine kleine Version hat auch Münster zu bieten

Tatort, Fahrräder, Provinz und dritte Liga. Schnell wird diese Stadt in Westfalen in altbekannte Schubladen gesteckt. Die Menschen seien hier ein wenig merkwürdig – von verschlossen, stur, humorlos bis spießig. Außer den zahlreichen Kirchen hätte dieses Städtchen nichts zu bieten. Sagt man.

Vor ein paar Jahren noch war "Holiday on Ice" in der Halle Münsterland das Maß aller Dinge und der kleine Strohhalm zur großen, weiten Welt da draußen. Doch Münster kann mehr und hat sich mittlerweile zu einer echten kleinen Perle entwickelt. Ein Grund, warum ich vor vier Jahren aus Hamburg wieder in dieses Bullerbü mit einem Hauch Spießigkeit gezogen bin, hat mit meiner neuen Rolle als Papa zu tun.

"Seegers" statt "Digger"

Und natürlich mit dem Herzen. Da ist in der Regel nur Platz für eine Heimat. Die wunderschöne Stadt Hamburg hat neun Jahre versucht, dieses Spießerkaff von seinem Thron zu stoßen. Vergeblich. In Hamburg sagt man "Digger" und in Münster sagt man "Seegers".

Und als unser Sohn geboren wurde, haben wir uns die Königsfrage gestellt: Für lange Zeit Hamburg oder wieder zurück? Bleibt Hamburg das, was es für uns als kinderloses Paar war? Liegt die zwingend notwendig werdende größere Wohnung noch in der Stadt oder sitzen wir im Speckgürtel oder so genannten Metropolregion fest? Was passiert mit dem Sohnemann? Kita mitten in der Stadt? Gehöre ich dann auch zu den Eltern, die in zweiter Reihe jeden Morgen den Hamburger Berufsverkehr lahmlegen, um in Windeseile das Kind "abzugeben"? 

Keine Ahnung. Ich habe es nie rausgefunden. Jetzt wohnen wir immer noch mitten in der Stadt. Aber eben an der Aa und nicht mehr an der Elbe. Der Sohnemann fährt mit der Leeze in die Kita. Ein Weg, den er sicherlich mit fünf Jahren locker alleine fahren könnte. Die Leeze als Hauptverkehrsmittel – der Innenstadtring nur für Fahrräder zugelassen. Kopfsteinpflaster so weit das Auge reicht.

Und jeden Samstag zentriert sich das Spießertum mit den "Normalos" auf dem Wochenmarkt am Domplatz. Schlange stehen für das Mettbrötchen bei "Dieks". Der Geldadel stolziert über den Prinzipalmarkt. Die Kinder stehen im Schuhhaus an der wirklich alten Rutsche immer noch Schlange. Neben dem Rathaus wird das erste Pils getrunken, während die ein oder andere Pferdekutsche vorbeischleicht, um Touristen die Geschichte der Wiedertäufer-Käfige zu erläutern. Die Uhr tickt hier eben westfälisch.

Mit dem Sohn ins Preußenstadion

Ja, und um 13 Uhr geht es mit besagter Leeze alle zwei Wochen ins Preußenstadion – natürlich mit Zwischenstopp bei "Krone". Ich gehe seit 35 Jahren in dieses Stadion. Mein Vater hat mich als Koten alle zwei Wochen auf der Gegengerade auf den Schultern getragen. Vater-Sohn-Ding. Kenner wissen, was 35 Jahre Preußen Münster nervlich bedeuten. Mein Sohn geht jetzt mit mir. Und beim ersten Mal hatte ich dabei Tränen in den Augen. So wiederholt sich also Altbekanntes: Vater-Sohn-Ding. 

Doch Münster kann mittlerweile mehr. Die Stadt strengt sich an, den Puls der Zeit nicht zu verpassen. Die Beginner treten mittlerweile hier auf. Das sogar zweimal. Der Skaters Palace ist die letzte Bastion der glorreichen Zeiten, in denen Münster als Hauptstadt der Jugendkultur galt. Und ist ein Ort für Konzerte und Treffpunkt alter "Koten" von gestern. Mit ner "Lowine" versteht sich.

Münster wird ein Zentrum digitaler Wirtschaft in diesem Bundesland. Wird auch mal Zeit, wo doch Kommunikationswissenschaftler und BWLer Tür an Tür lehren und lernen. Der Hafen wird (leider) erwachsen und immer mehr ein Zentrum für Junggesellen- und Junggesellinnen-Abschiede für die Menschen aus dem "Speckgürtel". Die Gentrifizierung hängt wie ein Damoklesschwert über der Stadt. Die Mieten gleichen sich leider den Großstädten an. An ein Eigenheim in der Stadt ist schon seit Jahren nicht mehr zu denken.

Eine Großstadt in klein

Münster ist eine Großstadt in klein. Sie hat ihre Macken. Sie hat zu wenig Kitaplätze. Sie versperrt damit vielen Menschen, die wieder zurückkommen wollen, diese Möglichkeit. Trotzdem ist sie liebenswert. Sie hat nicht jedes Wochenende ein Großevent mit Feuerwerk für Touristen. Sie will auch nicht Olympia. Uns reicht ein Marathon, der einmal im Jahr so ziemlich alles still legt. Ich bin in fünf Minuten mit dem Sohnemann auf dem Ponyhof und damit auf dem "Land".

Ich kann die vielen Studenten verstehen, die nach dem Studium nur noch raus in die große weite Welt wollen. Aber ich kann auch die Münsteraner verstehen, für die diese Stadt der beste Fleck der Erde ist. Die Hamburger haben ihren Hashtag #welovehh und wir haben #ms4l. Münster 4 Life!

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