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Bambini-Mangel: Italien hat die ältesten Mütter - "Fruchtbarkeitstag" soll helfen

Mütter in Italien sind die ältesten in Europa. Oder sie verzichten gleich ganz aufs Kinderkriegen. Nicht nur die Wirtschaftskrise ist Schuld am Bambini-Mangel. Ein "Fruchtbarkeitstag" soll helfen.

Die italienische Bloggerin Priscilla Galloni betreibt das Kinderportal familywelcome.org, in dem sie Tipps gibt, die das Leben mit Kindern in Städten wie Rom und Mailand erleichtern sollen

Die italienische Bloggerin Priscilla Galloni betreibt das Kinderportal familywelcome.org, in dem sie Tipps gibt, die das Leben mit Kindern in Städten wie Rom und Mailand erleichtern sollen

Das Klischee der italienischen Kinderliebe hält sich hartnäckig. Und in der Tat: Die lieben Bambini werden in Italien fast überall mit großen Gesten begrüßt, geherzt und bespaßt. Aber wenn es darum geht, Kinder zu bekommen und Familien das Leben zu erleichtern, sieht es anders aus. Die Italienerinnen warten immer länger auf das Kinderkriegen oder verzichten darauf. Nirgends in Europa sind die Frauen so alt, wenn sie Kinder bekommen.

"Das hat mehrere Gründe, kulturelle und wirtschaftliche", sagt Gianpiero Dalla Zuanna, Professor für Demografie an der Universität Padua, der Deutschen Presse-Agentur. "In Italien will man Kindern alles bieten, man will einen sicheren Job, ein Auto, ein Eigenheim. Wenn man das nicht hat, wartet man mit dem Kinderkriegen." Vor allem in der Wirtschaftskrise würden viele Leute die Entscheidung für Kinder nach hinten verschieben. "Mit einem unsicheren Job gründen viele keine Familie."

Der Staat hilft Familien kaum

Die Folgen: Die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau liegt mit statistisch etwa 1,4 am Ende der EU-Rangliste. Kindergeld, Elterngeld, Betreuungsgeld? Wer Italienern von der Diskussion in Deutschland über Familienförderung erzählt, erntet ein neidvolles Staunen. "Der Staat hilft Familien kaum. Entweder man hat ein richtig geringes Einkommen oder man bekommt gar keine Hilfe", sagt Priscilla Galloni, die selbst mit 39 Jahren Mutter wurde.

Nach der Geburt ihres Sohnes entließ sie ihr Arbeitgeber. "Es passiert hier oft, dass eine Frau nach dem Kinderkriegen den Job verliert. Und Teilzeit-Angebote gibt es kaum." Galloni hat deshalb das Portal familywelcome.org im Internet eröffnet, in dem sie Tipps gibt, wie das Leben mit Kindern in Städten wie Rom und Mailand leichter ist.

Italien gibt nur etwa 1,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Familienförderung aus - weit unter dem Durchschnitt in der EU. In Frankreich, wo Frauen im europäischen Vergleich die meisten Kinder bekommen, sind es mehr als 3 Prozent. Gerade konnte sich die Regierung in Rom zu einem "Baby-Bonus" von 80 Euro pro Monat für Familien durchringen, die weniger als 24.000 Euro im Jahr verdienen. Allerdings nur für die ersten drei Jahre des Kindes.

Tagesmütter gibt es kaum

"Ich halte nichts von einem Betreuungsgeld wie in Deutschland", sagt Demografie-Professor Dalla Zuanna. Aber in Italien müsse es ein flexibleres System für die Kinderbetreuung geben. "Zum Beispiel Tagesmütter, sowas gibt es hier fast gar nicht." Eines von drei Kindern unter drei werde von den Großeltern betreut. In Großstädten wie Rom versuchen Initiativen, das deutsche Tagesmuttermodell zu kopieren, aber das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Krippenplätze für Babys und Kinder unter drei sind je nach Region rar und teuer. Wenn "Nonna" und "Nonno" da nicht in der gleichen Stadt wohnen und wer kein Geld für eine Nanny hat, bleibt zu Hause, verschiebt die Entscheidung für Kinder nach hinten oder lässt sie sausen.

Ein "Fruchtbarkeitstag" soll helfen

"In den letzten zehn Jahren hat sich die Idee durchgesetzt, dass man Kinder auch noch später bekommen kann", sagt Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin. Sie muss wissen, wovon sie spricht, denn sie ist 43 und hat gerade Zwillinge zur Welt gebracht. "Aber das ist nicht so. Das fruchtbare Alter ist nicht unendlich."

Deshalb hat das Gesundheitsministerium nun einen "Fruchtbarkeitstag" ins Leben gerufen, bei dem die Leute für die Probleme einer späten Schwangerschaft sensibilisiert werden sollen. Italien könnte viel mehr tun, um Müttern das (Arbeits-)leben zu erleichtern, sagt Lorenzin der Zeitung "Corriere della Sera". "Ein Kulturwechsel wäre gut (...) Die Wiegen leeren sich. Es ist nicht gerecht, dass Frauen, sobald sie entbunden haben, ins Büro zurück müssen mit einem unguten Gefühl und unflexiblen Arbeitszeiten."

DPA
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