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Nach Chili-Bestrafung seiner Tochter: Lieber Jamie Oliver, so geht Erziehung entspannter

Jamie Oliver hat einen Erziehungsfehler gemacht. Damit er ein besseres Gespür für Kinderrechte und elterliche Pflichten entwickelt, haben wir Tipps, die den Umgang mit Pubertierenden erleichtern.

Von Susanne Baller

Jamie Oliver hat Erziehung mit einem Kumpelstreich verwechselt. Wir machen alle mal Fehler, jetzt heißt es: dazulernen!

Jamie Oliver hat Erziehung mit einem Kumpelstreich verwechselt. Wir machen alle mal Fehler, jetzt heißt es: dazulernen!

Er ist der reichste Koch der Welt, berühmt, beliebt, ein echter Kerl, doch am Sonntag hat er seine Fans schockiert. Als Jamie Oliver in "BBC's Good Food Show" offenbarte, dass er sich bei seiner Tochter dafür "revanchierte", dass sie frech zu ihm war, indem er ihr einen mit Chili präparierten Apfel zu essen gab, war klar: Erziehung ist das nicht. Dass eine Zwölfjährige frech oder respektlos zu ihren Eltern ist, gehört quasi zum Erwachsen-werden-Programm eines pubertierenden Gehirns. Das sorgt für Stunk und Stress, ist aber normal. Dass Eltern darauf mit einer Racheaktion reagieren, ist verrückt.

Erziehung hat nichts mit einem Battle à la Joko und Klaas zu tun, sondern damit, Vorbilder vorzuleben, Teenager durch die schwierige Verpuppungsphase der Pubertät zu begleiten, sich hin und wieder mal in die Supervision zu begeben und von oben auf die Situation zu gucken. Oft genug erkennt man dabei, dass es nicht unbedingt der Jugendliche war, der einen Streit provoziert hat. Sondern die Ursache auch mal in den unterschiedlichen Welten zu suchen ist, in denen Eltern und Kinder in dieser Phase leben. Etwa bei Fragen der Ordnung, des Fleißes, der Hilfsbereitschaft und eines freundlichen Tons.

Sensible Schluffis

Aus den lieben Kleinen werden dahinvegetierende Schluffis, die ihre erste Zigarette rauchen, zum ersten Mal Alkohol trinken, sich zum ersten Mal verlieben. Sie teilen kräftig aus, reagieren ihrerseits jedoch extrem sensibel auf alles, was die Eltern sagen. Große Gefühlsausbrüche gehören zur Tagesordnung. Und dann wieder angeberische Dicke-Lippe-Allüren. All das muss sein, um die eigenen Grenzen kennenzulernen ebenso wie die der anderen. Und um ein eigenständiger Mensch zu werden. Eltern müssen da also irgendwie durch, auch ein Jamie Oliver. So geht es entspannter:

Acht Tipps für alle Jamie Olivers

• Ihr Kind erzählt Ihnen nicht mehr alles. Das ist ungewohnt und verunsichert Eltern. Aber hier ist Gelassenheit gefragt. Halten Sie sich zurück. Zeigen Sie Interesse, aber seien Sie nicht zu neugierig.

• Versuchen Sie, bei Streitgesprächen sachlich zu bleiben, Ihr Kind ist es wahrscheinlich nicht. Wenn Sie beide sich anschreien, ist nichts gewonnen. Wenn Sie ruhig bleiben, ja, das ist schwierig!, fühlt Ihr Kind sich ernstgenommen.

• Ihr Kind will ausgehen, Sie wissen nicht genau wohin und mit wem. Ein generelles Verbot ist hier kontraproduktiv. Ihr Kind muss Schritt für Schritt lernen, die Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen. Dass das auch mal schiefgeht, ist ziemlich wahrscheinlich. Aber da müssen Sie beide durch.

• Baustelle Kinderzimmer, ein ewiges Streitthema vor allem zwischen Müttern und Pubertierenden. Die wirksamste Methode lautet: Machen Sie die Tür zu, sodass Sie das Chaos nicht sehen müssen. Wenn Socken und Unterwäsche knapp werden, hilft Ihrem Kind nur eins: aufräumen.

• Das Bad ist permanent belegt und danach hängt ein unglaubliches Deo-Parfüm-Gemisch in der Luft? Treffen Sie zeitliche Absprachen, denn auch Sie haben ein Recht auf Ihr Bad. Das mit dem Deo ist schwieriger, da hilft nur lüften und abwarten.

• Legen Sie mit Ihrem Kind klare Richtlinien fest. Wenn am nächsten Tag eine Arbeit geschrieben wird, muss es entsprechend früher zu Hause sein. Sprechen Sie entweder eine konkrete Uhrzeit ab oder erinnern Sie Ihr Kind zumindest daran, dass es am kommenden Tag fit sein will.

• Falls Sie das Glück haben, die Freunde Ihres Kindes überhaupt noch kennenzulernen, behandeln Sie sie so, wie Sie auch Ihre Freunde behandelt wissen wollen. Auch wenn Sie 27 Piercings im Gesicht, zerrissene Strumpfhosen und grüne Haare haben: Sie müssen toll sein, denn es sind Freunde Ihres Kindes.

• Formulieren Sie für bestimmte Dinge klare Verbote, etwa: Zu Hause wird nicht geraucht. Das funktioniert allerdings nur, wenn Sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Bei Missachtung überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, welche Konsequenzen das haben könnte. Dann weiß es, dass Sie es ernstnehmen.

Falls es hart auf hart kommt ...

Wenn Ihr Kind auf die Anwendung dieser Tipps pfeift und Sie sich ernsthafte Sorgen machen, dass etwas aus dem Ruder läuft, finden Sie in jeder Stadt Erziehungsberatungsstellen. Bei der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung können Sie nach einer für Sie geeigneten Beratungsstelle suchen. Halten Sie die Ohren steif!

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