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Kommentar

Klärung der Vaterschaft: Dieses Urteil ist so 1950

Kinder können Männer, die sie für ihren leiblichen Vater halten, juristisch nicht zu einem Gentest zwingen. Zum dritten Mal landet der Fall vor Gericht, zum dritten Mal wurde die Klage abgewiesen. Dabei ist die Zeit inzwischen längst reif für eine andere Entscheidung. 

Ein Hammer in der Hand eines Richters

Gescheitert: Die 65-jährige Klägerin wird nicht erfahren, ob der Mann, der ihre Geburt beim Standesamt gemeldet hat, auch ihr Vater ist

Eine 66-jährige Frau, die endlich Gewissheit über ihre Herkunft haben wollte, ist vor Gericht gescheitert, weil ihrem Interesse "die Grundrechte der anderen von einer Klärung Betroffenen" entgegenstünden. So heißt es in der Urteilsbegründung von Ferdinand Kirchhof, Vize-Präsident des Bundesverfassungsgerichts. Doch welche "anderen" sind in diesem Fall gemeint? 

Die Klägerin aus Nordrhein-Westfalen hat in Karlsruhe durchzusetzen versucht, woran ihre eigene Mutter bereits 1954 vor Gericht gescheitert war, damals ging es um eine "Feststellung der blutsmäßigen Abstammung" der Tochter. 2009 war die Tochter ebenso erfolglos, als sie den Mann, von dem sie (auch heute noch) vermutet, dass er ihr Vater ist, zur Abgabe einer DNA-Probe zwingen wollte. Dieser hatte 1950 ihre Geburt beim Standesamt gemeldet, hatte auch einmal in ihr Poesiealbum geschrieben – aber er ist nicht eingeschritten, als sie und ihre Mutter unter deren späterem Ehemann litten. Er hat die Vaterschaft nie anerkannt, war nie zu einem Test bereit. Dabei ging es der Frau nicht um Geld, Erbschaft oder Ähnliches, lediglich um Gewissheit, um eine sogenannte "rechtsfolgenlose Abstammungsklärung". Schon hier hätte der Rechtsspruch anders ausfallen müssen.

Gilt Recht nur in eine Richtung?

Im Jahr 2011 schien das Thema Klärung der Vaterschaft eine vorwärtsgewandtere Richtung einzuschlagen. Damals hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg entschieden, dass leibliche Väter außerhalb der Familie ein Recht auf Kontakt zu ihrem Kind haben, wenn dieser dem Wohl des Kindes dienlich ist. Bis dahin hatte der Schutz der Familie immer an oberster Stelle gestanden und alle anderen Interessen übertrumpft. Während in Straßburg also die Rechte von leiblichen Vätern gestärkt werden, erhält in Karlsruhe eine Frau keine Handhabe, ihre mögliche Herkunft zu erfahren.

Nicht nur das harte Schicksal der 66-Jährigen gibt Anlass, an diesem Urteil zu zweifeln. Die Familienstrukturen haben sich in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten verändert, dem hätte das Gericht stärker Rechnung tragen sollen. Zum Beispiel gilt das Recht auf Kenntnis der Abstammung für Kinder von Samenspendern und hat Vorrang vor dem Recht des Spenders. Hier hat die Lebenswirklichkeit moderner Familien sich als Richtschnur für ein Urteil erwiesen.

Das ließe sich doch prima übertragen: Jedes Kind hat das Recht zu wissen, wer sein leiblicher Vater ist.

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