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Rührender Brief eines Vaters "Du sollst stets für die Freiheit der anderen kämpfen"


In den USA war am Sonntag Vatertag. Ein Papa nutzte den Anlass, um sich bei seinem Sohn für seine häufige Abwesenheit zu entschuldigen - und um ihn eine wichtige Botschaft zu überbringen.

Michael Alandu hat einen sehr wichtigen Job - und deshalb kaum Zeit für seinen dreijährigen Sohn John Paul. Um sich dafür zu entschuldigen, schrieb der Vater anlässlich des Vatertages in den USA nun einen offenen Brief an seinen Nachwuchs. Und weil er sich als Mitarbeiter einer NGO in der Demokratischen Republik Kongo für die Rechte der Frauen einsetzt, nutzte Alandu das Schreiben für eine wichtige Botschaft.

Lesen Sie hier den rührenden Brief, der im Original auf CNN veröffentlicht wurde.

Lieber John Paul,

es ist Vatertag. Ich weiß, dass du dich mal wieder fragen wirst, warum Daddy nicht von der Arbeit nach Hause kommt. Ich weiß, dass dich das traurig macht. Auch mich macht das traurig. Ich möchte dich sehen. Ich möchte dir beim Anziehen und beim Zähneputzen helfen und dich zur Schule fahren. Ich möchte mit dir rausgehen und deinen Gemüsegarten pflegen oder mit dir Fahrrad fahren. Ich bin sicher, dass du mittlerweile besser an die Pedale herankommst als bei meinem letzten Besuch. Ich wette, wenn ich dich das nächste Mal sehe, werde ich nicht mehr rufen müssen: "Bremsen, bremsen!"

Ich schreibe diesen Brief, um dir zu erklären, warum ich meine Arbeit weit weg von zu Hause machen muss. Ich hoffe, du wirst das eines Tages verstehen können.

Ich arbeite in der Demokratischen Republik Kongo in Zentralafrika. Das Land ist so schön wie der Himmel, aber für viele Menschen hier fühlt es sich an wie die Hölle auf Erden. Die Landschaft ist atemberaubend, aber für die meisten der rund 77 Millionen Einwohner geht es schlichtweg ums Überleben. Ihr tägliches Leben ist bestimmt von extremer Armut, Krankheit und einer permanenten Angst vor räuberischen Milizen, die durchs Land ziehen und Frauen und Kinder missbrauchen - ohne dafür eine Strafe fürchten zu müssen.

"Ich helfe dabei, dass Mädchen zur Schule gehen können"

John Paul, mein Job ist es, das Leben dieser Mamas und Kids besser zu machen. Die Frauen arbeiten, wie in so vielen anderen Ländern auch, als Bauern, schleppen Feuerholz nach Hause oder schwere Wasserkanister, sie kochen für die gesamte Familie und kümmern sich um ihre Kinder. Und obwohl diese Frauen so viel arbeiten, verdienen sie sehr wenig Geld und werden sehr schlecht behandelt. Hier bekommen die Männer das Geld, das die Frauen verdienen. Hier entscheiden die Männer, wie sie das Geld ausgeben wollen.

Meistens interessiert es die Männer nicht einmal, wofür die Ehefrauen oder Mädchen das Familieneinkommen ausgeben würden. Frauen bleiben bei den meisten wichtigen Entscheidungen außen vor - selbst wenn sie ihr Leben direkt beeinflussen.

Ich helfe dabei, dass Frauen und Mädchen zur Schule und zum Arzt gehen können, dass sie Geld verdienen und selbstständig werden. Ich bin zu diesem Job gekommen, weil ich während meiner Kindheit in Ghana ähnliche Erfahrungen gemacht habe und mir seitdem klar ist: Wäre mein Leben anders verlaufen, würde ich vielleicht heute auch zu den Leuten gehören, denen CARE (die NGO, für die Alandu arbeitet, Anm. d. Red.) versucht zu helfen.

Die Gesellschaft soll für alle da sein

Um Frauen und Mädchen zu helfen, verbringen ich viel Zeit damit, die Männer aufzuklären. Denn so wie Männer die Macht haben, den Frauen ihr Leben zu erschweren, so haben sie auch die Macht, die Frauen in ihrem Umfeld zu unterstützen. Wir haben zum Beispiel meistens Erfolg mit unserer Arbeit, wenn wir die Söhne und Väter jener Frauen, um die wir uns kümmern, mit ins Boot holen können.

Wir sprechen mit den Ehemännern über Förderprogramme zur Ausbildung von Mädchen und darüber, welche Vorteile es hat, wenn die Frauen Geld zur Seite legen und so ein kleines Geschäft gründen können. Wir zeigen Männern, wie sehr Gewalt den Zusammenhalt innerhalb einer Familie schwächt. Und ich erinnere Männer immer wieder daran, dass die Frauen, denen sie so leicht helfen könnten, ihre Mütter, Tanten, Töchter und Schwestern sind.

Ich sage ihnen auch, dass es für einen verantwortlichen Mann selbstverständlich sein sollte, anderen Menschen mit Respekt zu begegnen. Männlichkeit definiert sich nicht darüber, wie stark oder mächtig jemand ist. Vielmehr geht es darum, dafür Sorge zu tragen, dass es in der Gesellschaft allen gut geht - auch den Frauen und Mädchen. Diese Lektion müssen nicht nur die Menschen hier in der Demokratischen Republik Kongo lernen - auch in den USA und im Rest der Welt gibt es da Nachholbedarf.

Die größte Aufgabe unserer Zeit

Wenn du groß bist, John Paul, dann wirst du das Recht haben, frei zu leben und deine eigenen Entscheidungen zu fällen. Aber deine Freiheit sollte nicht auf Kosten der Rechte von Frauen und Mädchen gehen. Ein Mädchen zu bestehlen ist, wie dich selbst zu bestehlen. Wenn ein Mann einem Mädchen das Recht nimmt, zur Schule zu gehen, dann nimmt er dem Mädchen das Recht, sich selbst zu verwirklichen - das Recht, später mal Ärztin, Ingenieurin, Pilotin, Lehrerin, Krankenschwester oder Hochschulprofessorin zu werden. Der Mann, der sie bestiehlt, nimmt ihr alle Möglichkeiten, um ihr Talent zu erkennen und auszuleben. Deshalb, John Paul, solltest du stets für die Freiheit der anderen kämpfen. Denn Freiheit ist wie ein Boomerang - was du in die Welt hinausträgst, kommt eines Tages zu dir zurück.

Es tut mir sehr leid, dass ich dieses Jahr am Vatertag wieder nicht zu Hause sein kann und nicht einmal vor deinen Augen die Karte öffnen kann, die du für mich in der Schule gebastelt hast. Aber ich bin stolz darauf, Teil einer Bewegung zu sein, bei der die Frauen gefördert werden, damit jeder - ganz gleich welchen Geschlechts - mit Würde und Respekt behandelt wird. Ich werde zwar keine Uniform tragen, wenn ich aus meinem Einsatz zurückkehre, aber du kannst sicher sein, dass sich unsere Familie für die größte Aufgabe unserer Zeit aufopfert. Ich weiß, dass dich das jetzt noch traurig macht - aber vielleicht inspiriert es dich irgendwann dazu, selbst anderen zu helfen.

Ich freue mich so sehr darauf, den nächsten Vatertag mit dir zu verbringen. Und dich dabei zu beobachten, wie aus dir ein guter Mann wird.

Herzlich,
Daddy

steh

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