HOME

USA: Sexualkundeunterricht in #MeToo-Zeiten lehrt, was einvernehmlicher Sex ist

Während es früher im Sexualkundeunterricht größtenteils organisch zuging, lernen Teenager heute, miteinander über ihre Gefühle zu sprechen. Seit dem Weinstein-Skandal nehmen Schulen in immer mehr Bundesstaaten der USA das Reden über Einverständnis in ihre Lehrpläne auf.

Kinder im Klassenzimmer

Klasse einer Middle School (Symbolbild)

Getty Images

Seit dem Skandal um den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein, der im Oktober 2017 mit einem Artikel in der "New York Times" seinen Anfang nahm, wird nicht nur in den USA die Bedeutung von consent, Einverständnis, neu diskutiert. Woran erkennt man, dass das Gegenüber geküsst werden möchte? Muss man jedes Mal vorher fragen? Wie explizit muss man sich ausdrücken? Für Siebtklässler sind diese Themen in der Regel Neuland und deshalb bilden sie im Bundesstaat Maryland inzwischen einen Teil des Sexualkundeunterrichts. 2018, nur wenige Monate nach den ersten Vorwürfen gegen Weinstein, wurde dort ein Gesetz verabschiedet, damit die Bedeutung des Wortes Einverständnis Bestandteil der Aufklärung wird.

Die "Washington Post" schildert eine Szene aus dem Klassenzimmer einer Kleinstadt in Maryland. Die Kinder hören eine Geschichte über Jack und Brenda, der Junge hilft dem Mädchen in der Schulbibliothek bei den Spanisch-Hausaufgaben. Plötzlich beginnt er, sie zu küssen. Brenda mag Jack, aber sie hat Angst, erwischt zu werden. Sie sagt: "Jemand könnte uns sehen." Jack antwortet: "Dann sei leise."

Hat sie jetzt Ja gesagt?

Die 13-Jährigen diskutieren, wie diese Situation einzuordnen ist. Reicht es aus, dass Brenda Jack mag, damit er sie küssen darf? Er hat schließlich nicht gefragt. Und sie hat deswegen auch nicht die Gelegenheit zur Zustimmung bekommen.

Dem Vorbild Marylands sind inzwischen mindestens zehn weitere Bundesstaaten gefolgt, berichtet die "Washington Post". Die Zunahme von Teenager-Schwangerschaften zwischen 2007 und 2015 hatte die Wichtigkeit von Aufklärung über "gesunde Beziehungen" noch einmal unterstrichen. Man wurde sich einig, dass es zu spät ist, über die Vorbeugung vor sexuellen Übergriffen erst auf dem College zu sprechen.

Die richtigen Worte finden

Wann ist der richtige Zeitpunkt, mit Kindern über Grenzen zu sprechen? Während einige Eltern 13 Jahre für zu früh halten, weil die Mädchen in der Zeit meist ihre erste Periode bekommen und mit sich selbst beschäftigt sind, während viele Jungen sich auch noch keine Gedanken über eine Beziehung machen. Andere sagen bereits ihren Kleinkindern, dass sie auch Verwandte nicht küssen müssen, wenn sie das nicht wollen.

Ein Mädchen aus der Klasse in Maryland erzählt, sie habe schon eine Beziehung gehabt. Als sie in der fünften Klasse war, habe ein Junge zu ihr gesagt, dass er sie möge. Sie hatte geantwortet, sie möge ihn auch. Sie beschlossen, einfach Freunde zu bleiben.

Ruiniert eine Frage den Moment?

Die Lehrerin zeigt ihrer Klasse ein Video von zwei Teenagern, die sich verabreden. Er fragt, ob sie Lust hätte, Basketball zu spielen. Sie verneint. Dann sitzen sie auf dem Sofa und sie fragt ihn, ob sie zocken wollen. Er stimmt zu. So geht es eine Weile hin und her, bis er sie schließlich fragt, ob sie sich küssen wollen. Und sie zustimmt. Die Frage wirkt selbstverständlich. Wie alle anderen zuvor. Und sie nimmt dem romantischen Moment kein bisschen seines Zaubers.

Zum Unterricht gehört auch, dass Kleidung nichts darüber aussagt, wie man behandelt werden möchte. Ein Junge, der ein Football-Shirt trägt, möchte nicht einfach angerempelt werden. Das erscheint jedem Kind schlüssig. Die Abstraktion, dass Mädchen, die einen Ausschnitt oder einen kurzen Rock tragen, damit nicht sagen, dass sie Sex wollen, liegt nahe.

Quelle: "Washington Post"

bal

Wissenscommunity