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Spendenkampagne für Jungen mit Down-Syndrom: Leo Forrest öffnet Herzen - und Brieftaschen

Wir verhalten uns total bigott: Einerseits tun wir alles, um kein behindertes Kind mehr auf die Welt kommen zu lassen. Andererseits rührt uns Leo Forrest so, dass wir das Portemonnaie zücken. Warum?

Von Susanne Baller

Leo Forrest kam am 21. Januar 2015 in Armenien zur Welt

Leo Forrest kam am 21. Januar 2015 in Armenien zur Welt

Was rührt uns eigentlich an dem Fall Leo Forrest so sehr? Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles dafür getan wird, Babys mit Behinderung gar nicht erst auf die Welt kommen zu lassen. Es finden Spätabtreibungen statt - auch nach der 22. Schwangerschaftswoche. Ärzte raten Frauen über 35 zu einer ausgeklügelten Pränataldiagnostik, weil sie durch ihr Alter einer Risikogruppe zugeteilt werden. Föten mit Fehlern werden aussortiert. Und dann bewegt seit ein paar Tagen Samuel Forrest, der Vater des kleinen armenischen Jungen mit Down-Syndrom, nicht nur die Herzen vieler Menschen, sondern sammelt mit seiner Geschichte über den kleinen Leo auch richtig viel Geld: Knapp 500.000 Dollar kamen bislang auf der die Spendenplattform Gofundme für "Bring Leo home" zusammen. In nur zwölf Tagen.

Was war passiert?

Der Neuseeländer Samuel Forrest und seine armenische Frau bekamen am 21. Januar in Armenien ihr erstes Kind, einen Sohn, den sie Leo nannten. Das ist etwa der einzige Punkt, in dem sich die Aussagen von Vater und Mutter nicht widersprechen. Schenkt man Forrest und seiner rührenden Geschichte glauben, haben sich seine Frau und ihre Familie dagegen entschieden, Leo bei sich aufzunehmen. Der Junge sollte in ein Waisenhaus, in Armenien gelten Kinder mit Behinderung als eine Schande. Vater Samuel jedoch wollte das Kind behalten, schrieb er, mit ihm in sein Heimatland fliegen und es dort großziehen. Seine Frau habe ihn vor die Wahl: Leo oder ich? gestellt. Und kurze Zeit darauf die Scheidung eingereicht. Um den Flug und das erste Jahr zu finanzieren, erstellte Forrest die Spendenkampagne, mit der er hoffte, rund 60.000 Dollar zusammenzubekommen. Fast das Zehnfache gaben Menschen in weniger als zwei Wochen. Rührend, ein Vater, der sich für seinen behinderten Sohn einsetzt und dafür seine Ehe opfert. Das erinnert an Geschichten aus dem Alten Testament, das klingt wie eine große Prüfung. Aber wieso werden wir da plötzlich spendenbereit, während eine Kampagne für Inklusion wahrscheinlich erfolglos bleiben würde? Natürlich, es ist das herzzerreißende Einzelschicksal. Wir haben dem Vater geglaubt, der Mutter des kleinen Leo schlug im Internet viel Unverständnis bis hin zu Hass entgegen. Wahrscheinlich haben auch Leute gespendet, die auf der anderen Seite eine Abtreibung eines Baby mit DS befürworten.

Die zweite Seite der Medaille

Am Wochenende meldete sich nun aber Leos Mutter bei Facebook zu Wort und schildert ihre Version der Ereignisse. Sie klingt deutlich anders. "Der 21. Januar war der glücklichste Tag für mich, da ich endlich meinen lange erwarteten Sohn zur Welt brachte. Unser Sohn wurde um 6.30 Uhr morgens geboren und ich erinnere mich an die alarmierten Gesichter um mich herum und die besorgten Blicke der Ärzte. Ich bin Stunden nach der Narkose erwacht. Meine erste Frage galt dem Verbleib meines Kindes. Ich erinnere mich an die traurigen Gesichter meiner Verwandten und der Ärzte sowie daran, dass die Diagnose wie ein Urteil klang: 'Ihr Kind wurde mit dem Down-Syndrom geboren.' Niemand kann sich vorstellen, was ich in diesem Moment gefühlt habe." Die Mutter klagt, ihr Mann habe ihr in diesem und den folgenden Momenten nicht beigestanden, sondern seine Geschichte verbreitet. Auch das Ultimatum, dass sie ihrem Mann gestellt haben soll, sei erfunden. "Ich habe keinerlei Unterstützung von ihm bekommen. Nach dem Vorfall hat er das Krankenhaus verlassen und mir Stunden später mitgeteilt, dass er das Kind mitnimmt und dass er das Land in Richtung Neuseeland verlassen wird und ich nichts mehr mit der Situation zu tun hätte. Ohne mir eine Möglichkeit zu geben oder zu versuchen, mit mir eine Lösung in dieser schwierigen Situation zu finden, hat er die Geschichte auf jeder möglichen Plattform verbreitet."

Möge alles gut ausgehen

Inzwischen ist auch Samuel Forrest auf seiner Kampagnenseite ein wenig zurückgerudert und schreibt, er habe Verständnis für seine Frau und bewundere sie. Aber was stimmt nun? Geht die halbe Million womöglich an einen Lügner, der seine Frau in einer emotional sehr schwierigen Phase alleingelassen hat? Es gibt jedenfalls bisher keine Angaben von ihm, wie viel er von dieser hohen Summe an welche Organisationen spenden will, das bleibt abzuwarten ... Dieser Fall zeigt vor allem eins ganz deutlich: Wie schwer die Diagnose zu verarbeiten ist, ein Kind mit einer Behinderung wie Down-Syndrom bekommen zu haben. Viele Eltern brauchen Wochen, um ihre Ängste abzubauen und sich auf die neue Situation einzustellen. Diese Zeit haben sich der Neuseeländer und die Armenierin nicht genommen, vielleicht nicht nehmen können. Hoffentlich werden sie, wenn sie ihren kleinen Sohn ein wenig kennengelernt haben, merken, dass er einzigartig ist und liebenswert. Hoffentlich können sie den ersten Schock überwinden und eine Familie bleiben. Hoffentlich können sie mit ihrer Geschichte andere Paare vor übereilten Aktionen bewahren. Damit wäre die halbe Million schon mal gut angelegt.

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