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Neo Rauch wird 50: Gemälde mit dem Personal vergangener Propaganda-Welten

Etwas dicker sollte die Brieftasche schon sein, möchte man ein Bild des Künstlers Neo Rauch kaufen.

Etwas dicker sollte die Brieftasche schon sein, möchte man ein Bild von Neo Rauch kaufen. Etwa so gut gefüllt wie bei Hollywood-Star Brad Pitt, der vor einigen Jahren ein Werk des deutschen Malers erwarb. Schon damals schossen die Preise in den oberen sechsstelligen Bereich. Inzwischen auf dem Höhepunkt seines internationalen Ruhmes sind die Bilder schon verkauft, ehe sie gemalt wurden. In kurzer Zeit ist Rauch zu einem der teuersten Künstler seiner Generation aufgestiegen. Am Sonntag feiert er seinen 50. Geburtstag.

Am 18. April 1960 wurde Neo Rauch in Leipzig geboren, der Stadt, in der er bis heute lebt. Er war nur wenige Wochen alt, als seine Eltern bei einem Zugunglück starben. Die Großeltern ersetzten ihm Vater und Mutter. Nach der Schulzeit studierte er an Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Er wird Meisterschüler, Assistent und nach der Wende dort auch Professor. Fundiertes Handwerk und gegenständlich-figurative Malerei bestimmen seine künstlerische Ausbildung in den letzten Jahren des real existierenden Sozialismus. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Staatskunst prägt auch nachhaltig die Bildwelten seiner späteren Gemälde.

Das Personal vergangener Propaganda-Welten bevölkert die großen Formate. Den Agitprop zerschneidet Rauch mit surrealen Splittern und mit Einbrüchen abstrakter Malerei. In fahler Farbigkeit hantieren Forscher, Künstler und Aktivisten mit Bilderrahmen, Werkzeugen und Waffen. Was sie planen und bauen, bleibt rätselhaft, sie verweigern sich einer Erzählung. Alles befindet sich im Umbruch.

Dabei erstarren die Figuren in kahlen Fabrikhallen, verlassenen Baustellen und schaurigen Vorgärten. Im Birkenwäldchen wachsen Raketen. Über den blühenden Landschaften liegt ein dunkler Schatten. Die Menschen dieser beschädigten Gesellschaft fangen an zu schweben. Schlafwandelnd greifen sie ins Leere, und aus ihren Mündern steigen Sprechblasen ohne Inhalt, wie leere Seufzer. "Malen ist für mich die Fortsetzung eines Traums mit anderen Mitteln", sagt Rauch.

Etwa 15 Gemälde verlassen im Jahr sein Atelier. Die Farbe ist noch nicht trocken, da wandern sie meist schon in Privatsammlungen weltweit. Vor allem in den USA ist seine surreale Pop-Art sehr beliebt. Museen hierzulande können sich die hohen Preise kaum noch leisten.

Viele Werke für die beiden Retrospektiven, die jetzt in Leipzig und München gezeigt werden, kommen deshalb aus privatem Besitz. Für eine Begegnung mit diesen sonst versteckten Bildern dürfte ein Besuch der Geburtstags-Ausstellungen lohnen. Und ein kritischer Blick auf die versprochenen neuen Arbeiten könnte zeigen, ob der Star der "Neuen Leipziger Schule" auch im gerade etwas abflauenden Boom seine Originalität behält. Denn zu viele Epigonen, kleine Rauchs, die sich an seinem Stil orientieren, wurden inzwischen auf dem Markt gebracht.

Dem Rummel hat sich Neo Rauch meist entzogen, und von einem Label möchte er schon gar nicht eingeengt werden. Er macht sich auch weiterhin rar im Kunstzirkus. Als erklärter Einzelgänger malt er fleißig weiter in seinem Atelier in einer alten Spinnerei in Leipzig.

Die Ausstellungen "Begleiter" sind in der Münchner Pinakothek der Moderne (20. April bis 15. August) und im Leipziger Museum der bildenden Künste (18. April bis 15. August) zu sehen.

Reinhold Hügerich, APN / APN