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Klagefreudige Eltern: Kampfzone Klassenzimmer

Die Berliner Schulanwältin Simone Pietsch erlebt täglich, wie sich die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern verändert hat: Bei Problemen wird ein Anwalt eingeschaltet. Sie versucht zu vermitteln.

Von Catrin Boldebuck

Wenn die Eltern an der Gerechtigkeit eines Lehrers oder einer Note zweifeln, schalten sie immer häufiger einen Anwalt ein

Wenn die Eltern an der Gerechtigkeit eines Lehrers oder einer Note zweifeln, schalten sie immer häufiger einen Anwalt ein

Bundesweit beklagen Lehrerverbände die zunehmende Streitlust von Eltern. Besonders vor den Zeugnissen steigt die Zahl der Dienstaufsichtsbeschwerden. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband, der fast 60.000 Lehrer vertritt, vermeldete im vergangenen Jahr: Man zähle inzwischen viermal mehr Streitigkeiten zwischen Eltern und Lehrern als noch vor 20 Jahren. Glaubt man den Lehrerverbänden, dann liegt die Schuld für die Klagewut vor allem bei einem neuen Eltern-Egoismus, verbreitet in der gebildeten Mittel- und Oberschicht, befeuert von spezialisierten Schulrechtsanwälten, die auch vor Einschüchterung nicht zurückschrecken.

Die Berliner Rechtsanwältin Simone Pietsch, 49, hat in den vergangenen zehn Jahren Hunderte von Eltern beraten. Die zierliche, mädchenhafte Frau, selbst Mutter von zwei Kindern, vertritt aus Überzeugung Klienten in Schulrechtsfragen - sie selbst hatte eine "furchtbare Schulzeit".

Die Eltern sind kritischer geworden

Täglich führt sie bis zu vier Beratungsgespräche in ihrer Kanzlei am Berliner Ku'damm. Längst nicht alle enden vor Gericht. "Die Ansprüche an Schule sind gestiegen", beobachtet Anwältin Pietsch. "Die Eltern sind viel kritischer geworden. Sie haben sich emanzipiert. Lehrer sind für sie keine Respektspersonen mehr. Und sie sollen Aufgaben der Familie übernehmen. Dabei vergessen Mütter und Väter teilweise, dass Lehrer in erster Linie Pädagogen sind und keine Psychologen." Die neuen Möglichkeiten der Kommunikation per E-Mail trügen zur Verschärfung des Eltern-Lehrer-Verhältnisses bei, so Pietsch. Dadurch fallen Hemmschwellen weg, die Eltern erwarten auf ihre E-Mails zügig eine Antwort, die Lehrer haben weniger Chancen, sich zu verschanzen.

Etwa ein Drittel ihrer Mandanten will einen Platz an einer Schule einklagen. Den übrigen gehe es um Strafen, etwa um Einträge ins Klassenbuch oder um Schulverweise. Viele Eltern kommen auch wegen der Noten oder der Zulassungen zum Abitur.

Simone Pietsch, 49, muss nicht unbedingt klagen. Hauptsache, die Eltern und vor allem die Schüler sind glücklich.

Simone Pietsch, 49, muss nicht unbedingt klagen. Hauptsache, die Eltern und vor allem die Schüler sind glücklich.

Haben Klagen gegen Noten Aussicht auf Erfolg?
"Klagen gegen Noten haben nur Sinn, wenn der Lehrer beispielsweise die Durchschnittsnote falsch ausgerechnet hat. Liegt sie innerhalb seines Ermessensspielraums, müsste ich nachweisen, dass der Lehrer das Kind nicht mag - das funktioniert nicht."

Das Problem bei Klagen ist immer die Zeit: "Ein Eilverfahren dauert 14 Tage bis fünf Wochen und ist nur vorläufig", erklärt die Anwältin. Ein Gerichtsverfahren dauert mindestens ein Jahr. In den meisten Fällen bräuchten die Eltern und vor allem das Kind aber sofort eine Lösung. Für einen Rechtsstreit braucht man Geld. Aber zwei Drittel ihrer Klienten sind keine Akademiker und auch nicht betucht. "Viele Eltern sagen: 'Dann fahren wir eben zwei Jahre lang nicht in den Urlaub, das ist es uns wert.' Der Lehrer dagegen muss das Verfahren nicht selbst zahlen - das übernimmt in der Regel der Staat."

Und wie reagieren die Kinder?

"Oft sind die Eltern aufgebracht und reflektieren daher nicht, dass ihr Kind weiter in die Schule gehen muss. Dabei empfindet das Kind den Konflikt in vielen Fällen als gar nicht so schlimm. Wenn ich das bemerke, versuche ich, die Eltern zu einem Umdenken zu bewegen."

Sie ist überzeugt, dass viele Mütter und Väter eigentlich gar nicht klagen wollen, denn das bedeute Streit. Oft sei sie mehr Psychologin als Rechtsanwältin. "Die Eltern fühlen sich hilflos. Sie sind in Not! Die brauchen weniger einen Anwalt, sondern viel mehr Informationen, eine Anlaufstelle. In Skandinavien gibt es Schulmediation. In Deutschland können Eltern zum Kinderarzt oder Psychologen gehen - das wollen viele aber nicht." So bleibe ihnen nur der Weg zum Anwalt.

"Bei dem Fall stehen mir die Haare zu Berge"

Viele Fälle löst Simone Pietsch daher auf anderer Ebene. Stellvertretend für die Eltern versucht sie, mit der Schulaufsicht oder dem Schulleiter ins Gespräch zu kommen, der nicht selten das Gespräch verweigert. So wie im Fall des 18-jährigen Achmed*. Der selbstbewusste junge Mann wollte nach einem Schuljahr in den USA an seinem alten Gymnasium das Abitur machen. Doch kurz vor den Weihnachtsferien erfuhr er, dass er im Halbjahreszeugnis in Sport und Kunst null Punkte bekommen würde. Daher würde er nicht versetzt, könne nicht zum Abitur zugelassen werden und müsse sofort die Schule verlassen. Begründung: zu viele Fehlstunden. Achmed, der bis dahin ein ausgezeichneter Schüler gewesen war und dazu noch Schülersprecher, sowie seine Eltern fielen aus allen Wolken. Es habe keinerlei Vorwarnung gegeben, erzählt Achmed. Sein Vater, der vor 30 Jahren aus der Türkei nach Deutschland eingewandert war und sich lange als Elternsprecher in der Schule engagiert hatte, versuchte mit dem Schulleiter zu sprechen. Vergeblich.

"Bei dem Fall stehen mir die Haare zu Berge. Achmed ist ein Leistungsträger, den man fördern sollte", sagt Simone Pietsch. Eine einstweilige Verfügung wurde vom Gericht zwar abgewiesen, aber weil Achmed in den USA zur Schule gegangen war, konnte er sich bei dem amerikanischen Touro College in Berlin direkt für die Aufnahmeprüfung bewerben. Er bestand den Test und studiert nun bereits seit einem halben Jahr sein Wunschfach Psychologie. Den Tipp mit dem College hatte er von seiner Anwältin Simone Pietsch bekommen. "Ich muss nicht klagen" sagt sie, "ich will, dass die Eltern, aber vor allem die Kinder glücklich mit ihrer Schule werden."

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