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Dschihadistischer Terror Warum der Islamische Staat die Kampfzone ausweitet


Lange schien es dem Islamischen Staat nur um die Macht im Irak und in Syrien zu gehen. Die letzten Anschläge zeigen eine neue Taktik: mit Terror Hass schüren, um jedes Zusammenleben der Kulturen zu zerstören.
Von Steffen Gassel

Im lässigen Schneidersitz hatten sich die beiden jungen Männer vor der Kamera platziert. Sturmgewehre lehnten an ihren rechten Schultern. Über die Kampfanzüge hatten sie Magazinwesten gestreift, die langen Mähnen mit Bandanas zurückgebunden. Auf der schwarzen Fahne neben ihnen prangte in arabischen Lettern das muslimische Glaubensbekenntnis. Sie aber sprachen Französisch.

"Dies ist eine Botschaft an François Hollande, eine Botschaft an alle, die in Frankreich leben" , erklärte der Jüngere der beiden. "Wisst: Die Soldaten des Islamischen Staates sind überall, und der Albtraum hat gerade erst begonnen. Wir warten auf den Befehl unseres Kalifen, Abu Bakr al Baghdadi, euch mit Bomben anzugreifen, euch umzubringen, euch zu köpfen. Wir werden keine Gnade walten lassen." Dann bekräftigte sein Kampfgefährte, wild mit einem Kampfmesser durch die Luft fuchtelnd: "Dies ist eine Botschaft an Frankreich und Belgien. Wisst: Es hat gerade erst begonnen. Al'ana, al'ana dscha'a al qital - die Schlacht beginnt jetzt."
Auch wenn völlig offen ist, ob die beiden Dschihadisten aus dem neun Minuten und zwölf Sekunden langen Clip, der Mitte Februar im Internet auftauchte, etwas mit den Anschlägen in Paris zu tun haben: Die Angriffe vom vergangenen Freitag verleihen ihren Hasstiraden nachträglich einen ominösen Nimbus. Seit drei Teams kaltblütig agierender Terroristen mitten in dieser europäischen Metropole ein Blutbad mit mehr als 130 Toten und über 350 Verletzten anrichten konnten, drängt sich die Frage auf: Hat Europa Drohungen wie diese ernst genug genommen? Hat Europa die Fähigkeit des Islamischen Staats unterschätzt, auch weitab seines Herrschaftsgebiets in so großem Stil Tod und Terror zu verbreiten?

"Monatelange Vorbereitung und zentrale Planung."

Pieter van Ostaeyen steht gerade vor der Sicherheitskontrolle des Brüsseler Flughafens, als der stern ihn am Sonntagnachmittag am Telefon erreicht. Van Ostaeyen, einer der besten Kenner der belgischen Dschihadisten-Szene, hat es eilig, sein Wissen ist gefragt. Nur wenige Stunden zuvor hatte die Polizei im 15 Kilometer entfernten Stadtteil Molenbeek mehrere Verdächtige verhaftet und ein Tatfahrzeug sichergestellt. Ostaeyen ist auf dem Weg zu einer Antiterrorkonferenz in Madrid, das Treffen steht jetzt unter vollkommen neuen Vorzeichen.

"Ob die Anschläge von Paris überraschend kamen? Nein und ja. Dass der IS seinen Terror nach Europa tragen will, ist seit Langem klar", sagt van Ostaeyen. Entsprechende Drohungen hat es immer wieder gegeben, seit die USA im August 2014 den Luftkrieg gegen den IS begannen. Doch kaum ein Experte traute dem IS zu, in Europa einen Angriff solchen Ausmaßes erfolgreich durchzuführen. "Die Art, mit der die Terroristen vorgingen, mit mehreren Teams, die präzise koordiniert binnen weniger Stunden zuschlugen: Das zeugt von monatelanger Vorbereitung und zentraler Planung."


Und von der Hilflosigkeit der Sicherheitsbehörden. Zwar galt in Frankreich seit Monaten die höchste Terrorwarnstufe. Nicht erst seit den Anschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" und einen koscheren Supermarkt im Januar war klar, wie akut die Anschlagsgefahr ist. Doch bei all ihrer monströsen Brutalität: Attentäter wie die Kouachi-Brüder und ihr Komplize Amedy Coulibaly, wie Mohamed Merah, der 2012 in Südfrankreich sieben Menschen erschoss, oder wie Mehdi Nemmouche, der 2014 im jüdischen Museum von Brüssel vier Menschen tötete, galten als "einsame Wölfe": als Terroristen, die zwar vom Gedankengut des IS und seiner Vorläufer inspiriert waren, aber keinerlei operative Verbindungen zu den Terrorzentren im Nahen Osten hatten.

Seit vergangenem Freitag scheint klar: Die Theorie von den "einsamen Wölfen" hat ausgedient. Wir haben es mit einer neuen, viel erschreckenderen Dimension des Terrors zu tun.
"Ad Daula al Islamija baqiya wa tatamaddid - Der Islamische Staat hält sich und dehnt sich aus." Lange Zeit verstand die westliche Welt diese IS-Losung als eine Art Nicht-Angriffs-Garantie. IS, so die bisher vorherrschende Analyse vieler Terrorexperten, sei so etwas wie das Gegenteil von al Kaida. Deren Strategie, mit spektakulären Anschlägen auf symbolträchtige Ziele im Westen die Muslime der Welt zum Aufstand zu bewegen, betrachte der IS als gescheitert, hieß es. Statt wie Osama Bin Laden die Ankunft des verheißenen Kalifats für eine ferne Zukunft zu avisieren, konzentriere sich diese neue Generation von Dschihadisten auf die Erfüllung der Verheißung im Hier und Jetzt: durch die Konsolidierung und Expansion der Macht im Zweistromland und anderen, noch zu erobernden Gebieten im Nahen Osten. Um dieses Projekt nicht zu gefährden, sei der IS kaum interessiert an direkter Konfrontation und militärischer Auseinandersetzung mit dem Westen auf dessen Territorium.
Und nun? Haben der "Kalif" und seine Kämpfer auf einmal ihren lokal fokussierten Dschihad zurückgefahren zugunsten einer globalen Terrorkampagne? Ist der IS jetzt so etwas wie eine al Kaida auf Speed, eine Terrororganisation alter Schule - aber mit nie dagewesener Brutalität und Schlagkraft?

Zwei komplexe Anschlagspläne auf drei Kontinenten

Die Frequenz und die Mordlust, mit der die Terroristen in jüngster Zeit zuschlagen, drängen diesen Verdacht auf. Binnen nur zwei Wochen ist es dem IS gelungen, zwei komplexe Anschlagspläne auf drei Kontinenten in die Tat umzusetzen. Eine Reihe von Indizien sprechen dafür, dass die Angriffe von Paris in engem Zusammenhang stehen mit dem Doppel-Selbstmordattentat vor einem Einkaufszentrum in einem mehrheitlich schiitischen Vorort der libanesischen Hauptstadt Beirut einen Tag zuvor, bei dem 43 Menschen ums Leben kamen; genauso wie mit dem Absturz eines russischen Ferienfliegers über der ägyptischen Sinaihalbinsel zwei Wochen zuvor, bei dem 224 Menschen starben, sehr wahrscheinlich herbeigeführt durch eine Bombe. Meldungen aus der Türkei wiederum deuten darauf hin, dass ein unmittelbar bevorstehender, großer Anschlag in Istanbul durch eine Reihe von Festnahmen in den vergangenen Tagen in letzter Minute verhindert wurde.

Doch so auffallend global all diese Ziele gewählt sind - in das Terrorschema der klassischen al Kaida passen sie nur bedingt. Jeder dieser IS-Anschläge war darauf angelegt, möglichst viele, wahllos ins Fadenkreuz geratene Zivilisten zu treffen. Zwar hat auch al Kaida immer wieder Zivilisten zu Dutzenden, Hunderten, ja Tausenden getötet. In der verqueren Logik der Fanatiker standen diese Opfer aber für etwas: Osama Bin Laden ging es, zumindest in den Anfangsjahren, um politisch, militärisch oder ökonomisch symbolträchtige Ziele. 9/11, für uns das Symbol schlechthin des wahllosen Massenmordes, war in den Augen von al Kaida ein Angriff auf das wirtschaftliche Machtzentrum des Westens.

"Was der IS geändert hat, ist die Taktik"

Was sich geändert hat, ist nicht die Strategie des IS" , sagt Pieter van Ostaeyen. "Geändert hat sich lediglich die Taktik. Im Irak und in Syrien hat der IS gelernt, dass er überall dort Erfolg hat, wo Angst und Chaos den Alltag der Menschen beherrschen. Diese Lehre versucht die Organisation nun global umzusetzen, indem sie in Europa und andernorts in der Welt Angst und Schrecken verbreitet."

Niemand ist mehr sicher. Unser Terror kann jeden von euch treffen, jederzeit und überall: Mit dieser Strategie entfachte Bin Ladens Rivale, der IS-Inspirator Abu Musab az Zarqawi, vor zehn Jahren den blutigen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten im Irak. Jetzt sucht sie der IS in die Städte Europas zu tragen. Maximale Polarisierung einer Gesellschaft durch maximale Eskalation der Gewalt: Dieses Rezept hat die Sunniten im Irak in die Arme des IS getrieben - und das Land an den Rand des Abgrunds.

Ziel: die Eskalation der Gewalt

Dieses Rezept soll dem IS nun auch andernorts in die Hände spielen; im Libanon etwa, wo die friedlich Koexistenz von Ethnien und Religionsgruppen schon immer leicht zu stören gewesen ist. Vor allem aber in Europa, dessen über Jahrzehnte gewachsenes Modell gesellschaftlichen Pluralismus, länderübergreifender Solidarität und friedlicher Koexistenz durch die Flüchtlingskrise derzeit auf die härteste Bewährungsprobe seit dem Zweiten Weltkrieg gestellt wird.
Die Morde von Paris sind mithin kein bloßer Racheakt für die Luftangriffe westlicher Staaten auf die Infrastruktur des IS in Syrien und im Irak. Sie zielen ins Herz unserer offenen Gesellschaft. Genau wie im Irak soll die Eskalation der Gewalt auch in Europa einen Keil treiben zwischen Mehrheit und Minderheit. Konkret: zwischen Europas Muslime und die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft.

Der Palästinenser Iyad El Baghdadi, einer der Vordenker des arabischen Frühlings und eine der klügsten arabischen Stimmen auf Twitter, postete am Morgen nach den Anschlägen : "Wisst Ihr, was die islamischen Extremisten an Europa am meisten anpisst? Zusehen zu müssen, wie human und moralisch Europa auf die Flüchtlingskrise reagiert." Anschließend verlinkte er einen Artikel aus dem englischsprachigen IS-Onlinemagazin "Dabiq" vom Februar dieses Jahres mit dem kryptischen Titel "Die Auslöschung der Grauzone". Unter einem Foto von Muslimen, die sich mit den Opfern der Angriffe auf "Charlie Hebdo" solidarisieren, heißt es dort: "Die Ausrufung des Kalifats hat die Grauzone fast ausgelöscht. Denn nun hat kein Muslim mehr eine Ausrede, sich diesem Staat fernzuhalten, der ihn vertritt und um seinetwillen Krieg gegen den Unglauben führt." El Baghdadi, der in Norwegen lebt, fügte an: "Was sie ‚Grauzone‘ nennen, ist unsere Koexistenz-Zone."

Häme über die Flüchtlinge

Für niemand haben die Hetzer des IS mehr Hass und Verachtung übrig als für Syrer und Iraker, die lieber nach Berlin oder Paris auswandern als nach Mossul oder Raqqa. Genauso wie für Muslime in Europa, die sich vor jene stellen, die mit dem, was dem Islam heilig ist, ihren Spott treiben. In zahlreichen Internetbotschaften der vergangenen Monate hat der IS Häme über die Hunderttausende ausgeschüttet, die Zuflucht in Europa suchen. Denn die individuelle Entscheidung eines Muslims für ein Leben in einer offenen Gesellschaft und gegen die vermeintlich verheißungsvolle Ordnung des IS unterminiert die Fundamente des Terrors effektiver als jeder Luftangriff.

Die Chance der Flüchtlingskrise

"Bei allen Schwierigkeiten, die die aktuelle Flüchtlingskrise mit sich bringt: Sie birgt auch eine große Chance. Sie kann zur Geburtsstunde eines modernen, aufgeklärten Islam werden, der von Europa aus zurückstrahlt in die Herkunftsländer der Flüchtlinge", sagt der Münsteraner Islamwissenschaftler und muslimische Religionspädagoge Mouhanad Khorchide. "Hunderttausende Menschen, in deren Welt die Länder Europas bisher vor allem als Krieg führende Mächte auftauchten, erleben dieser Tage: ‚Dieses Europa ist ganz anders, als wir dachten. Hier werden wir viel besser behandelt als in den islamischen Ländern.‘ Diese neue Begegnung der Muslime mit Europa kann helfen, den alten Opferdiskurs zu durchbrechen, der den Islamisten zu so viel Macht verholfen hat."

Die Anschläge von Paris sollen diese gerade erst begonnene Annäherung zunichte machen, bevor sie richtig begonnen hat. Sie sollen Europa in eine "Region der Verrohung" verwandeln, wie IS-Ideologen das nach irakischem Vorbild gern nennen. In einen Kontinent, dessen Muslime und Nichtmuslime einander feindlich und misstrauisch gegenüberstehen. Wo das Schwarz-Weiß der Konfrontation die Grautöne des Miteinanders verdrängt haben. Und sie sollen dieses Europa zurücklocken in neue militärische Konfrontationen mit der islamischen Welt.

"Schmeißt die Islamisten aus dem Land"

Wie schwierig es wird, dem Lockruf von Terror und Rache zu widerstehen, zeigte sich nach den Anschlägen von Paris. Noch in der gleichen Nacht fackelten Unbekannte ein Camp illegaler Migranten im nordfranzösischen Calais ab. Tags darauf kaperte ein Mob aus Anhängern des rechten Front National in Lille einen Trauermarsch für die Opfer mit Slogans wie "Muslime raus" und "Schmeißt die Islamisten aus dem Land". Ähnlich wie der damalige US-Präsident Bush nach 9/11 sieht Frankreichs Präsident Hollande sein Land nun offiziell im Krieg. Keine 48 Stunden nach dem Gemetzel in den Straßen von Paris flogen französische Kampfbomber ihren bisher schwersten Angriff auf die IS-Hochburg Raqqa.

Derweil wurden in Frankreich wie in Deutschland Forderungen lauter, der IS müsse endlich auch mit Nato-Bodentruppen bekämpft werden. "Damit würden wir die Tore zur Hölle vollends aufstoßen", warnt der belgische Dschihad-Forscher van Ostaeyen besorgt. "Dann wären neue Angriffe auf ‚soft targets‘ in Europa so gut wie sicher."
Mouhanad Khorchide steht seit vergangenem Samstag unter verstärktem Personenschutz. Nach den Anschlägen von Paris rechnet die deutsche Polizei mit einer erhöhten Gefährdung für einen moderaten muslimischen Geistlichen wie ihn - von Salafisten genauso wie aus rechtsextremen Kreisen.

Dieser Report ist erschienen im stern #49


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