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Hochglanzmagazin des IS: Das Sprachrohr des Teufels

Mehr Hass, mehr Hybris, mehr Horror sind kaum zu ertragen: Mit dem Hochglanzmagazin "Dabiq" trägt der Islamische Staat seinen pseudoreligiösen Irrsinn in die Welt hinaus - und offenbart dabei auch eine Menge über sich selbst.

Von Marc Drewello

Das neue Exemplar des IS-Magazins "Dabiq" (l.) trägt den doppeldeutigen Titel "Just Terror". Übersetzt heißt das "nur Terror", aber auch "gerechter Terror". Daneben eine frühere Ausgabe, die zu Hijrah aufruft, dem Auswandern ins selbsternannte Kalifat.

Das neue Exemplar des IS-Magazins "Dabiq" (l.) trägt den doppeldeutigen Titel "Just Terror". Übersetzt heißt das "nur Terror", aber auch "gerechter Terror". Daneben eine frühere Ausgabe, die zu Hijrah aufruft, dem Auswandern ins selbsternannte Kalifat.

Das IS-Magazin "Dabiq" hat vergangene Woche für großes Aufsehen gesorgt: In seiner neuen Ausgabe mit dem zweideutigen Titel "Just Terror" feiert das Propagandablatt des selbsternannten Islamischen Staates die Anschläge in Paris und auf den russischen Passagierjet und präsentiert ein angebliches Foto der Bombe, die das Flugzeug über Ägypten zum Absturz gebracht hat. Ob das Bild echt ist, ist völlig unklar. Der vermeintliche Sprengsatz könnte ebenso gut von der PR-Abteilung des Kalifats zusammengebastelt worden sein. Dennoch brachte die Veröffentlichung der Zeitschrift die erhoffte Publicity. Weltweit berichteten Medien über das Foto. Was aber ist das eigentlich für ein Magazin, das die Terroristen als offizielles benutzen? 

"Dabiq" wird vom al-Hayat Media Center, der Medienabteilung des Islamischen Staates herausgegeben. Die Online-Publikation erschien erstmals im Juli 2014 im PDF-Format auf Englisch. In vom IS kontrollierten Teilen und des Iraks soll sie sogar an Kiosken erhältlich sein. Nach eigener Aussage fokussiert das Blatt auf fünf Themenbereiche: Tawhid (Einzigkeit Allahs). Manhaj (Methodik, Lebensweise), Hijrah (Migration in das Land des Islam), Jihad (Anstrengungen auf dem Weg Gottes), Jama'ah (Gemeinschaft). In der Praxis heißt das: durchschnittlich 60 Seiten selbstgerechtes Geschwafel, pseudoreligiös legitimierte Hassbotschaften, doktrinäre Lebensberatung für Kalifat-Bewohner und Alltagsnachrichten aus dem Islamischen Staat im Hochglanzlook eines modernen Magazins - das ganze illustriert mit unerträglichen Fotos aus dem Horrorkabinett des Krieges.

Nur Gut oder Böse, Gläubige oder Ungläubige

Die Bildsprache des äußerst professionell gemachten Blattes ist ebenso plump wie schockierend: Auf Fotos fröhlich spielender IS-Kinder folgen verstümmelte Babyleichen, Aufnahmen verbrannter feindlicher Soldaten erscheinen neben jubelnden , Hinrichtungsbilder oder Fotos zerschossener Gesichter werden mit blühenden Kirschbäumen kontrastiert. Bilder und Texte spiegeln die simple Weltsicht der Terroristen wider: Es gibt nur entweder Gut oder Böse, Gläubige oder Ungläubige.

Wie bei den Exekutionsvideos des Islamischen Staates, für die "Dabiq" regelmäßig in "Top-Ten-Listen" wirbt, steckt auch hinter den Horrorfotos Methode: Die Gewaltdarstellungen, einschließlich der Tötung westlicher Geiseln, wirkten zwar auf die allgemeine Bevölkerung abstoßend, innerhalb der extremistischen Szene machten sie den IS aber attraktiv, erklären die Wissenschaftler Daniel Heinke und Hazim Fouad auf Sicherheitspolitik-Blog.de. Bereits extremistisch motivierte Personen "werden durch den Beleg, dass es in der Möglichkeit des IS liegt, auch westliche, insbesondere amerikanische und britische, Staatsangehörige zu töten, ohne dass diese Staaten unmittelbar etwas zur Verhinderung solcher Taten unternehmen können, aufgeheizt und motiviert, sich am bewaffneten Kampf für die vermeintlich gemeinsame Sache zu beteiligen".

Demselben Zweck dient die regelmäßige Inszenierung getöteter Dschihadisten als Helden in "Dabiq". "Sowohl Kämpfern als auch potenziellen Rekruten soll damit das Gefühl der Einzigartigkeit vermittelt werden. Die Bereitschaft, denselben aufopfernden Weg ihrer 'Helden' zu gehen, soll damit verstärkt werden", schreibt der auf die Beobachtung der islamistischen Szene spezialisierte Internet-Blog "Erasmus Monitor".

Zeitschrift soll Staatlichkeit suggerieren

Das Rekrutieren von Kämpfern und Anlocken von Migranten ist eine der Hauptaufgaben der "Dabiq"-Autoren. Ihre Botschaft ist ebenso einfach wie radikal: Macht Hijrah! Wandert aus! Wenn ihr gute Muslime sein wollt, müsst ihr ins Kalifat kommen! Hijrah steht für den Aufbruch des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina, wo er den ersten islamischen Staat gründete.

Das Magazin zeichnet ein idyllisches Bild vom Leben im Kalifat und versucht, Muslime mit Versprechungen von einem einfachen und guten Leben zu ködern. "Es gibt viele Häuser und die nötigen finanziellen Mittel für dich und deine Familie", heißt es in einem Text.

Ein weiteres Ansinnen von "Dabiq" ist das Suggerieren von Staatlichkeit. Die Zeitschrift informiert über Fortschritte im Krieg gegen die "Ungläubigen" (Niederlagen werden in der Regel verschwiegen oder relativiert), das Gesundheitswesen im Islamischen Staat, Altenheime und Kinderziehung oder die Bestrafung von Kriminellen und enthält religiöse Unterweisungen der Zivilbevölkerung. Die Publikation ist quasi das offizielle Staatsorgan des Kalifats, ihre Berichte sollen den Eindruck eines funktionierenden Staatswesens vermitteln. Damit unterscheidet sich "Dabiq" von dem seit meh­reren Jahren bekannten englischsprachigen Online-Ma­ga­zin "In­­spi­re" der Terrorgruppe al Kaida, das vor allem radikalisieren will, zu Anschlägen aufruft und auch gleich die dazu nötigen Bombenbauanleitungen mitliefert.

Propaganda macht Verfassungsschützern Sorge

Während sich "Inspire" bewusst an junge Leser in den USA und Großbritannien richtet, ist die Zielgruppe von "Dabiq" deutlich breiter und schließt explizit auch deutsche Leser ein. So sind die erste und zweite Ausgabe des Machwerks sowie Auszüge darauffolgender Exemplare auch auf Deutsch im Internet abrufbar. Für die Bundesregierung war das einer der Gründe, den Islamischen Staat im September 2014 zu verbieten. "Die Tätigkeiten des IS in Deutschland hatten ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr hinnehmbar war: Der Umfang der deutschsprachigen Internetpropaganda ist ständig angestiegen und mit der IS-Zeitschrift "Dabiq" ist nunmehr auch ein deutschsprachiges Magazin verfügbar", antwortete die Regierung im Oktober letzten Jahres auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion nach den Auslösern des Verbots der Terrorgruppe.

Die PR-Aktivitäten des Kalifats machen auch dem Verfassungsschutz Sorgen: "Der IS zielt in seiner Propaganda darauf ab, Sympathisanten im Westen entweder zur Ausreise nach Syrien/Irak zu motivieren oder dazu zu bringen, als Einzeltäter Anschläge im Westen zu begehen", schrieb das Bundesamt im Februar dieses Jahres. "Die Tatsache, dass diese Aufrufe immer wieder auch in deutscher Sprache veröffentlicht werden, zeigt, dass dem IS daran gelegen ist, gezielt auch ein deutschsprachiges Publikum zu erreichen."

Was der Islamische Staat mit seiner Gefolgschaft am Ende erreichen will, enthüllt der Titel seines Propagandablattes: Dabiq ist ein Ort nahe der syrischen Stadt Aleppo, an dem laut islamischer Überlieferung die Entscheidungsschlacht zwischen den Muslimen und ihren Feinden stattfindet. Die Schlacht leitet der Mythologie zufolge das Ende der Welt ein - und den finalen Sieg des Islam.

Der Islamische Staat - was die Terroristen wollen, woher ihr Hass kommt und wie gefährlich sie für Deutschland sind - lesen Sie den großen Report im neuen stern



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